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Blick auf die Börse : Wie damals am Neuen Markt

Facebook allerorten: Mark Zuckerberg und Kollegen sind das Gesprächsthema nicht nur an der Börse Nasdaq Bild: AFP

Kann ein neu gegründetes Unternehmen wie Whatsapp mehr wert sein als ein traditionsreicher Konzern wie Thyssen-Krupp? Die Börse meint die Antwort darauf zu kennen.

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          Die Geschichte der Wall Street ist jetzt um eine Legende reicher. Mark Zuckerberg, der Gründer des Internetunternehmens Facebook, und Jan Koum, der Mitbegründer des gerade für 19 Milliarden Dollar in Aktien und bar übernommenen Wettbewerbers Whatsapp, haben sich am Valentinstag auf den Preis geeinigt. Beim Nachtisch, über Erdbeeren mit Schokoglasur. Ob das aus Sicht von Facebook und seiner Aktionäre eine gute Voraussetzung für eine kluge und kühle Kalkulation war, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. An der Börse reagierten Anleger wegen des hohen Preises zunächst kritisch. Die Aktien von Facebook, denen ebenfalls eine hohe Bewertung unterstellt wird, gaben am Donnerstag im frühen Handel an der Computerbörse Nasdaq um mehr als 2 Prozent nach. Im Handelsverlauf legten die Facebook-Titel allerdings deutlich um 2,3 Prozent auf 69,63 Dollar zu - im Handelsverlauf waren die Aktien mit 70,11 Dollar sogar auf ein Allzeithoch gestiegen.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          19 Milliarden Dollar sind unbestritten ein stolzer Preis für ein erst vor fünf Jahren gegründetes Unternehmen mit nur 55 Mitarbeitern. Es ist auch fast doppelt so viel Geld, wie der Internetkonzern Google nach Informationen des Magazins „Fortune“ für Whatsapp zahlen wollte. Im vergangenen Jahr wurde die Bewertung des Unternehmens, welches das Versenden von kostenlosen Kurzmitteilungen über internetfähige Mobiltelefone ermöglicht, noch auf 1 Milliarde Dollar beziffert. Ein derart rapider Wertzuwachs erinnert einige Analysten an die spekulative Blase von Technologieaktien Ende der neunziger Jahre. Auf dem Höhepunkt der Hausse im Jahr 2000 kaufte das damals hochbewertete Internetunternehmen AOL den Medienkonzern Time Warner für 164 Milliarden Dollar. Nach dem Platzen der Internetblase wurde die Transaktion zum Lehrbeispiel für desaströse Übernahmen.

          Nur 35 börsennotierte Unternehmen auf Erfolgskurs

          Dennoch gibt es objektive Maßstäbe, nach denen sich Bewertungen von Unternehmen messen lassen. Die populäre Anwendung von Whatsapp wird derzeit von 450 Millionen Leuten genutzt - die Zahl hat sich in den vergangenen neun Monaten verdoppelt. Das Unternehmen rechnet damit, dass diese Zahl in drei Jahren auf eine Milliarde klettern wird. Die Anwendung ist im ersten Jahr kostenlos, danach müssen Nutzer knapp einen Dollar im Jahr dafür berappen. Damit käme Whatsapp, das sich schon jetzt als profitabel bezeichnet, auf einen Umsatz von rund einer Milliarde Dollar. Facebook zahlt mit 19 Milliarden Dollar das 19 fache des erwarteten Umsatzes. Nach Angaben des Informationsdienstes Bloomberg gibt es nur 35 börsennotierte Unternehmen in Amerika, deren Kurs im Vergleich zu den in drei Jahren erwarteten Umsätzen höher ist. Kurioserweise sind das keine Internetunternehmen. Es sind ausnahmslos Pharma- und Biotechnologieunternehmen, die experimentelle Medikamente gegen Brustkrebs oder die Crohn-Krankheit entwickeln.

          Hierzulande wurde auch einmal ein Unternehmen auf den Wert von umgerechnet knapp 14 Milliarden Euro taxiert wie nun Whatsapp. Das war im Jahr 2000 EM.TV. Das Unternehmen war genauso viel wert wie zu dieser Zeit Thyssen- Krupp. Ein Stahlkonzern mit damals 200.000 Mitarbeitern, 32 Milliarden Euro Jahresumsatz und einer Dividendenausschüttung von 368 Millionen Euro. Auf der anderen Seite ein Münchner Filmrechtehändler mit einem Umsatz von nur 320 Millionen Euro, aber der Ankündigung der Gebrüder Thomas und Florian Haffa, binnen weniger Jahre die Umsätze zu vervielfachen und Milliardengewinne zu erzielen. Heute wird Whatsapp ein höherer Wert als Thyssen-Krupp zugemessen.

          Tradition ist begehrt

          An der Börse wird die Zukunft gehandelt. Das Problem aller Beteiligten ist dabei, dass diese unbekannt ist. Unternehmen mit glorreicher Vergangenheit können genauso untergehen wie ehrgeizige Emporkömmlinge. Viele Anleger glaubten den Haffas und den Analysten. Bald darauf war die EM.TV-Aktie fast wertlos. Vielen Investoren ist ein Unternehmen lieber, das Werte zum Anfassen hat, wie eben ein Stahlwerk oder eine Autofabrik. Wer aber durch das Ruhrgebiet fährt, sieht Hochöfen, die zum Museum geworden sind. Der traditionsreiche F.A.Z.-Aktienindex zeichnet diesen Strukturwandel nach. Von den 100 Werten aus dem Gründungsjahr 1961 sind heute kaum noch welche übrig.

          Dabei muss nicht alles Neue gut und alles Alte schlecht sein. Viele traditionsreiche deutsche Industriewerte wie BASF oder Bayer sind an der Börse wegen ihrer Erfolge auf den internationalen Märkten sehr begehrt. Viele hochgelobte Werte aus den Zeiten des Neuen Marktes sind dagegen verschwunden. Auch wirtschaftlich phasenweise sehr erfolgreiche Konzerne wie Nokia sind heute an der Börse nur noch ein Schatten früherer Tage. Solarunternehmen wurde nicht zuletzt von vielen Analysten eine glänzende Zukunft prognostiziert.

          Ein Patentrezept gibt es nicht, ein zukunftsträchtiges von einem Unternehmen auf dem absteigenden Ast zu unterscheiden. Analysten geben Gewinnschätzungen ab. Die Börsianer versuchen die Bewertung sogar sekündlich - abzulesen im stets aktuellen Kurs. „Es ist grotesk; es wirkt, als ob die Internetblase wieder zurückgekehrt ist“, kommentierte Analyst Roger Entner von der Gesellschaft Recon Analytics das Facebook-Angebot. Erst die Zeit wird zeigen, ob er recht hat.

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