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Blick auf den Aktienmarkt : Der Monat der Börsenneulinge

Bayer und Merck haben im vergangenen Monat Entscheidungen von historischem Ausmaß getroffen Bild: dpa

Der September war der Monat, in dem nach langer Zeit mal wieder die Börsennachrichten dominierten. Alibaba feierte einen erfolgreichen Auftakt. Die Börsengänge in Deutschland blieben ohne Glanz, Erfolge feiern Pharmakonzerne.

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          Es ist beileibe nicht ruhig geworden in der Geldpolitik. Im September senkte die Europäische Zentralbank ihren Leitzins noch einmal von 0,15 auf 0,05 Prozent. Zudem beschloss sie, im Monat darauf Kreditverbriefungen und Pfandbriefe aufkaufen zu wollen. Schließlich deutete die amerikanische Notenbank an, ihre Anleihekäufe von Oktober an zu beenden. Das waren drei bedeutende Ereignisse, die die Märkte beeinflussten. Aber ihnen kam trotz ihrer ökonomischen Tragweite nicht mehr die Dominanz zu wie den geldpolitischen Diskussionen und Entscheidungen der Vormonate.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Denn im September kamen echte Börsennachrichten in einer Frequenz zum Tragen, wie es sie lange nicht mehr gegeben hatte. Der Monat war geprägt von Börsengängen, Aufspaltungen und Übernahmen. Teilweise wechselten sich die wichtigsten Schlagzeilen innerhalb eines Tages ab: Alibaba in New York feierte sein Börsendebüt, die beiden Internetkonzerne Zalando und Rocket Internet blieben dagegen unter den Erwartungen. Der Pharma- und Chemiekonzern Merck gab seine umfangreichste Übernahme in der Unternehmensgeschichte bekannt. Bayer entschloss sich zu der lang erwarteten Abspaltung des Chemiegeschäfts und wurde damit auf einen Schlag zum teuersten deutschen Unternehmen. Der Softwarekonzern SAP wird mit einem Zukauf noch amerikanischer. Siemens sagt sich von Haushaltsgeräten los und investiert kräftig in den Fracking-Boom in den Vereinigten Staaten, indem es den Ausrüster Dresser-Rand erwirbt.

          All diese Informationen verarbeiteten die Börsianer in den Kursen. Und am Ende des Monats hatten sich die führenden deutschen Indizes kaum bewegt: Der Dax lag mit 9.492 Punkten 0,15 Prozent unter seinem Stand am Ende des Vormonats. Ähnlich entwickelte sich der breiter gefasste F.A.Z.-Index, der auf 1.934 Punkten 0,26 Prozent eingebüßt hatte. Wie so oft gab es also im September Kursverluste, aber sie waren kaum der Rede wert.

          Bayer sagt sich von seiner Chemie-Vergangenheit los

          In die Liste der Monatsgewinner innerhalb des 100 Unternehmen umfassenden F.A.Z.-Index konnten sich aus der Gruppe der schlagzeilenträchtigen Unternehmen Bayer und Merck eintragen. Die beiden Pharma- und Chemiekonzerne trafen jeweils Entscheidungen von historischem Ausmaß, allerdings in ganz unterschiedliche Richtungen. Beide wurden für ihre Ankündigungen an der Börse gefeiert. Für Merck ging es im Monatsvergleich um 10,5 Prozent nach oben, Bayer-Papiere verteuerten sich um 8,7 Prozent. Beide Titel erreichten im September ein Allzeithoch: Die Merck-Aktie stieg am 24. September auf 74 Euro, die sie bis jetzt nahezu hält. Fast 113 Euro erreichte Bayer am 22. September, seither hat die Aktie rund 3 Euro an Wert verloren. Dennoch bleibt Bayer der wertvollste Wert im Dax.

          Kursverlauf von Oktober 2013 bis Oktober 2014

          Fast vier Jahre hatte sich dessen niederländisch-amerikanischer Vorstandsvorsitzender Marijn Dekkers Zeit gelassen, bis er das tat, was Analysten und Investoren schon lange gefordert hatten: Er trennt bis 2016 den Teilkonzern Material Sciences ab. Damit sagt sich der rheinländische Konzern von seiner Chemie-Vergangenheit los. Der Schritt war viel eher erwartet worden, doch Dekkers brachte erst alle drei Säulen des Unternehmens (außerdem noch Healthcare und Cropscience) auf Effizienzkurs. Dabei zeigte sich, dass die Kunststoffsparte nicht so margenstark wie die anderen beiden Säulen war. 8 bis 11 Milliarden Euro könnte Dekkers nun bei einem Börsengang oder einem Spin-off dieser Sparte erlösen.

          Merck ist in der Lage den Kauf von Sigma-Aldrich zu stemmen

          Fast 17.000 Beschäftigte auf der Welt werden dann nicht mehr für den Bayer-Konzern arbeiten. Zuletzt hatte das Unternehmen damit Erfolg, Geschäftsteile auszugliedern, als es Konzernteile unter dem Namen Lanxess an die Börse brachte. Das soll auch diesmal gelingen, wenn es nach Dekkers geht. „Unsere Absicht ist es, zwei globale Topunternehmen zu schaffen“, sagte er. Der Erlös soll aber nicht dazu dienen, die verbleibenden Konzernteile durch Zukäufe zu ergänzen. „Wir machen das nicht, um schnell wieder etwas kaufen zu können“, sagte Dekkers. Immerhin hat er in diesem Jahr schon einen zweistelligen Milliardenbetrag in die Hand genommen, um eine norwegische Biotechnologiefirma und einen Teil des amerikanischen Wettbewerbers Merck & Co. zu erwerben.

          Dessen Darmstädter Namensvetter Merck hat ähnlich wie Bayer in den vergangenen Jahren stark an der Effizienz gearbeitet. In zwei Jahren soll der umfangreiche Stellenabbau abgeschlossen sein. Von 2018 an sollen jährlich 385 Millionen Euro Kosten weniger anfallen. Nun sieht sich Unternehmenschef Karl-Ludwig Kley in der Lage, den größten Firmenkauf in der Unternehmensgeschichte zu stemmen. 17 Milliarden Dollar lässt er sich den amerikanischen Laborzulieferer Sigma-Aldrich kosten. Dass der Kaufpreis mit dem Neunzehnfachen des Betriebsgewinns vor Abschreibungen (Ebitda) vergleichsweise teuer ist, hat Anleger nicht geschreckt. Um mehr als 5 Prozent sprang der Kurs am Tag der Ankündigung in die Höhe. Wie einmalig dieser Schritt ist, zeigte eine Aussage Kleys in seiner Telefonkonferenz: „Erwarten Sie in den nächsten Jahren keinen Deal in dieser Größenordnung“, sagte er. Während sich Bayer vom Chemiegeschäft trennt, steht dieses bei Merck nicht zur Disposition. Dafür wird durch die Übernahme die dritte Säule des Konzerns (Life Science) deutlich gestärkt, die Kley durch den Kauf des Laborausrüsters und Biochemiekonzerns Millipore vor vier Jahren aufgebaut hatte.

          Roland Koch hat keine Werte geschaffen

          Bester Wert im F.A.Z.-Index war im September allerdings der Maschinenbauer Aixtron mit einem Kursanstieg um 20,6 Prozent. Die Aktie erreichte zeitweise einen Wert von 12,30 Euro wie zuletzt im März. Seither war der Kurs bis auf 11,25 Euro gefallen. Die Zahlen im ersten Quartal waren ernüchternd ausgefallen: Einer leichten Auftragssteigerung auf niedrigem Niveau entsprach ein Umsatzwachstum von 9 Prozent auf 44 Millionen Euro. Das Nettoergebnis blieb mit knapp 12 Millionen Euro im Minus. Einen ähnlichen Fehlbetrag wie im ersten Vierteljahr verzeichnete Aixtron dann im zweiten Quartal. Der Vorstand stellte seine Investoren darauf ein, dass auch zum Jahresende kein Gewinn ausgewiesen werde. Allenfalls „eine leicht positivere Grundstimmung“ für LED-Produktionsanlagen wollte er ausgemacht haben. Doch Ende September sollte sich das in unerwartetem Ausmaß bewahrheiten: Am 25. September berichtete das Unternehmen über den größten Einzelauftrag in der Firmengeschichte. Der Umfang des Geschäfts wurde nicht bekanntgegeben. Doch der Aktienkurs schnellte binnen zwei Tagen um ein Viertel in die Höhe. Dennoch war er mit 12 Euro zum Monatsende immer noch weit entfernt von den 33 Euro, die er noch im Januar 2011 erreicht hatte.

          Weitaus bedrückender ist die Entwicklung beim Kohlefaserhersteller SGL Carbon. Bis Dezember 2011 galt das Unternehmen als Erfolgsgeschichte. Damals erreichte der Aktienkurs 45 Euro. Karbon ist deutlich leichter, aber ähnlich stabil wie Stahl. Deshalb wurden dem Material große Absatzchancen vorhergesagt. Dabei blieben aber möglicherweise dessen hohe Kosten zu sehr außer Acht. Für Automobilhersteller lohnt sich der Ersatzstoff nicht so sehr wie gedacht. Die Aktie verlor seither 65 Prozent ihres Werts. Allein auf den September entfielen davon 26,4 Prozentpunkte. Nach einem Rekordverlust von 400 Millionen Euro im Vorjahr sah sich das Unternehmen gezwungen, das Kapital um nahezu 270 Millionen Euro zu erhöhen. Jetzt will der noch frische Vorstandsvorsitzende Jürgen Köhler das Unternehmen streng nach Finanzkennzahlen steuern.

          Auch der Wechselrichterhersteller SMA Solar entwickelt sich nicht so wie von seiner Führung erhofft. Seit Januar 2010 fiel der Aktienkurs um 81 Prozent. Ende Juli gab es eine Gewinnwarnung und Anfang August ein deutlich verschlechtertes Halbjahresergebnis. Nicht ganz so schlimm sieht die Lage für den Baukonzern Bilfinger aus. Anfang September senkte der Konzern seine Gewinnprognose. Nach 419 Millionen Euro im Vorjahr dürften diesmal nur noch 270 Millionen erreicht werden. Seit Ende Juni verbilligte sich die Aktie um 41 Prozent und ist nun wieder auf dem Stand von September 2010. Somit hat der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch in seiner Ära keine Werte geschaffen.

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