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Biotechnologie : Forscher vor Gezeitenwechsel

  • -Aktualisiert am

Biotech-Analyst Christian Garbe Bild: @unit mit Bildmaterial von comchem.de

Anleger verlieren das Vertrauen in die Biotech-Aktien. Die Branche ist im Umbruch, aber keineswegs uninteressant, meint Biotech-Experte Garbe.

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          Seit Anfang des Jahres sind die Kurse vieler Biotechnologie-Aktien drastisch eingebrochen. Am Freitag etwa ging's gleich noch einmal um mehr als zehn Prozent für die Biogen-Aktie gen Süden, nachdem die Gesellschaft die Gewinnprognosen nach unten korrigiert hatte.

          Dass auch profitable Unternehmen wie Amgen und Biogen heftigen Kursschwankungen unterliegen, hat zwei Gründe: Zum einen erlebte die Branche zum Jahreswechsel einen fundamentalen Vertrauensverlust durch die undurchsichtige Vorgehensweise Imclones bei der Zulassung von Erbitux (gegen Darmkrebs). ImClone galt immer als ein Vorzeigeunternehmen der Biotechnologie, der Kurs des Unternehmens brach im Vergleich zu den Höchstständen um mehr als 90 Prozent ein.

          Auf der anderen Seite kamen noch Fehlschläge bei anderen Unternehmen (Abgenix, Endo Pharmaceuticals, Protein Design Labs, Elan Pharmaceuticals) in den frühen klinischen Phasen hinzu. Offensichtlich verfügen die Unternehmen zwar unbestritten über eine Vielzahl von potenziellen Medikamenten in der Pipeline, aber häufig handelt es sich um riskante Projekte. Ein Defizit in den jungen Biotechnologieunternehmen könnte auch in der Expertise eines erfolgreichen Designs der klinischen Studien und letztlich zur Erstellung von Zulassungsdossiers bestehen.

          Pharma und Biotech rücken zusammen

          Gingen viele Investoren in den vergangenen Jahren noch davon aus, dass jedes kleine Start-Up-Unternehmen in der Biotechnologie einen erfolgreichen Börsengang hinlegen wird, sieht heute die Realität anders aus. Anleger erwarten Unternehmen, die reale biotechnologische Produkte herzustellen und vermarkten können. Es zählt nicht mehr nur die naturwissenschaftliche Idee, deren Früchte eventuell in ferner Zukunft liegen. Hierzu müssen Unternehmen zeigen, dass sie willens und fähig sind, aus der reinen Grundlagenforschung hinaus zu wachsen und industrielle Produktionsprozesse in Gang setzen können. Bei diesem Wachstumsprozess gehören Fusionen und Akquisitionen zum täglichen Geschäft.

          Jedes große Pharmaunternehmen hat inzwischen Technologien aus der Biotechnologie akquiriert oder ist Beteiligungen bei den Unternehmen eingegangen, die erhebliche strategische Optionen in der Zukunft eröffnen können. Denn während die Pharmagesellschaften dringend neue Produkte entwickeln oder einlizenzieren wollen, benötigen die Biotechs vor allem das weltweite Vertriebsnetz sowie die Produktionskapazitäten.

          Welche Dimensionen insbesondere die Zahl der Allianzen zwischen Pharma- und Biotechnologieindustrie angenommen hat, wird an den Beispielen Pfizer, Merck sowie Roche deutlich: Jedes Unternehmen verfügt über mehr als 25 Biotech-Allianzen. Diese Zusammenarbeit dürfte künftig noch viel stärker auf nicht börsenotierte Unternehmen ausgedehnt werden.

          Schutz vor Bürokratie

          Entscheidend ist aber auch, dass den kleinen, agilen Biotechnologieunternehmen eine Infrastruktur geboten wird, die sie vor den Bürokratien der Pharmariesen schützen. Idealerweise finden derartige Reifeprozesse in unabhängigen Inkubatoren statt, die die Interessen der beteiligten Unternehmen und Finanzinvestoren wahren können. Wird der „Proof of Concept“ von Biotechnologieunternehmen erbracht, steht das Wachstum der Gesellschaft im Vordergrund.

          Ist jedoch ein „Scale up“ nicht möglich, müssen andere Wege gefunden werde, um den Investoren eine Rendite bieten zu können. Beispielsweise der „Trade Sale“ (Verkauf von Technologien oder Unternehmen an andere Unternehmen) könnte gegenüber den Börsengängen in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen und zu einer Absicherung des Return on Investment dienen.

          Investments in der Biotechnologie werden sich in der Zukunft auf einer breiteren Expertise aufstellen müssen, wenn man die Fehler der Vergangenheit minimieren will. Sobald die ersten erfolgreichen Investments demonstriert werden, kehrt auch eine nachhaltige Erholung des Vertrauens der Investoren in der Biotechnologie zurück.

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