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Biotechnologie : Die Stunde der Wahrheit rückt wieder näher

  • -Aktualisiert am

Christian Garbe: Implizite Wachstumserwartungen bedenklich hoch Bild: @unit mit Bildmaterial von comchem.de

Die bisher vorgelegten Ergebnisse der US-Biotech-Riesen sind durchwachsen und der Markt nervös, meint Analyst Christian Garbe.

          3 Min.

          Vierteljährlich geben die Unternehmen ihre Ergebnisse aus dem zurückliegenden Quartal bekannt. Nun ist das vierte Quartal des Jahres 2001 dran. Die Saisoneröffnung der Quartalsergebnisse ist immer die Stunde der Großen. Im Biotechnologiesektor sind dies Amgen, Biogen, Immunex und Konsorten.

          Häufig wird auch zu Beginn des Jahres eine "Guidance" für die Erwartungen des laufenden Jahres herausgegeben, wie in den letzten Tagen von Genzyme und Applied Biosystem. Die bisher vorgelegten Ergebnisse und die herausgegeben Guidances sind sehr durchwachsen.

          Amgen bietet Rückschlagspotenzial

          Amgen meldete einen starken Umsatz seiner wichtigsten Produkte Epogen und Neupogen, während das neue Produkt Aranesp mit einem Umsatz von 37 Millionen Dollar nur verhalten gestartet ist. Die Umsatzerwartung für Aranesp müssen auch für das Jahr 2002 nach unten angepasst werden, so dass die meisten Analysten jetzt nur noch mit einem Umsatz von 340 Millionen Dollar rechnen. Auf der Kostenseite hat die Einführung des Produktes jedoch erheblich zugeschlagen. So sind die Marketing- und Verwaltungskosten stark angestiegen.

          Ein Katalysator für die Performance des Aktienkurses kann eigentlich erst für das Jahr 2003 erwartet werden, wenn die Akquisition von Immunex abgeschlossen ist und Aranesp auch für den Einsatz im onkologischen Bereich zugelassen wird. Derzeit wird die Aktie mit rund 57 Dollar gehandelt. Legt man einen Gewinn pro Aktie 2002 von 1,40 Dollar und 2003 von 1,69 Dollar zugrunde, so muss Amgen über die nächsten zehn Jahre mit fast 20 Prozent jährlich wachsen (implizites Wachstum), um den derzeitigen Kurs zu rechtfertigen. Investoren sollten bedenken, dass nur ein Unternehmen, nämlich Cisco, es bisher geschafft hat, über einen Zeitraum von zehn Jahren ein durchschnittliches Wachstum von über 20 Prozent hinzulegen. Amgens Ziel ist ambitioniert und bietet dadurch ein Rückschlagspotenzial.

          Biogen von Konkurrenzprodukt bedroht

          Biogen hat in den letzten Monaten keine neuen Produktstories gebracht. Ein interessanter Fokus des Unternehmens liegt auf der Produktion von biologischen Substanzen, was Biogen in die Lage versetzen könnte, eine Schlüsselposition bei der Produktion von biopharmazeutischen Medikamenten zu besetzen. Die Ergebnisse von Biogen waren keine Überraschung, sie verdeutlichten aber wieder einmal, dass Biogen ein Einproduktunternehmen ist. Dieses Produkt heißt Avonex und trägt mit 970 Millionen Dollar am stärksten zu dem Gesamtumsatz von 1.034,5 Millionen Dollar bei.

          Besonders bedrohlich ist für Biogen, dass spätestens ab 2003 das Konkurrenzprodukt Rebif von Serono auf dem US-Markt erscheint. Bei der Bekanntgabe der Ergebnisse kam es zu einigen Verwirrungen, weil Biogen die Kosten für einen Patentstreit mit der Schering AG, der jetzt beigelegt werden soll, nicht entsprechend berücksichtigt hat. Biogen muss bei einer endgültigen Beilegung des Streites ungefähr 250 Millionen Dollar an Schering zahlen. Würde man diese Belastung einrechnen, so betrüge der Gewinn pro Aktie nicht 0,44, sondern nur 0,38 Dollar. Der Gewinn wäre dann im Vergleich zum Vorjahresquartal gefallen.

          Entsprechend unsicher reagierte auch der Kapitalmarkt. Bei einem Aktienkurs von 54 Dollar geht der Markt von einem impliziten Wachstum des Unternehmens in den nächsten zehn Jahren von 18 Prozent aus. Auch hier liegt eine hohe Erwartung in dem Wachstum des Unternehmens, was zu Rückschlägen führen kann.

          Immunex konnte nicht überzeugen

          Immunex wurde im Laufe des Jahres 2001 stark vom Kapitalmarkt abgestraft. Die Aktienfantasie in Immunex beruht auf dem Produkt Enbrel. Enbrel stieß aber einerseits auf Produktionsengpässe, und andererseits wurde die Entwicklung in einem weiteren lukrativen Indikationsgebiet zusätzlich zur rheumatoiden Arthritis aufgegeben. Der Kurs fiel von 40 Dollar Anfang 2001 auf 109 Dollar im März 2001. Danach erholte sich der Wert und erhielt zum Ende des Jahres zusätzlichen Auftrieb durch die angekündigte Akquisition des Unternehmens durch Amgen.

          Amgens Motivation, Immunex zu kaufen, lag sicherlich darin, mit Enbrel einen zusätzlichen Kassenschlager zu kaufen und über die von Immunex neu aufgebauten Produktionsanlagen, die Ende 2002 fertig gestellt sein sollen, verfügen zu können. Der Kurs von Immunex gab nach Bekanntgabe der Quartalszahlen leicht nach, weil der erwartete Gewinn pro Aktie für das Jahr 2002 nach unten korrigiert werden muss. Die Gewinnkorrektur muss durchgeführt werden, weil der Produktionsengpass später als von den Analysten erwartet behoben werden kann.

          Von den etablierten großen Biotech-Playern musste Applied Biosystem die härteste Abstrafung in dieser Woche hinnehmen. Applied Biosystem rutschte nach Bekanntgabe der Guidance für das Jahr 2002 von 33,74 Dollar auf 25,20 Dollar ab. Eine derartig harte Abstrafung ist erstaunlich, schreibt Applied Biosystem doch Gewinne von 0,90 Dollar pro Aktie und gehört mit einem KGV von 29 und einer Marktkapitalisierung von 5,3 Milliarden Dollar zu den etablierten Unternehmen. Auch bei Genzyme gab die Guidance für das Jahr 2002 wenig Grund zur Freude, so dass der Aktienkurs phasenweise bis zu zehn Prozent nachgab.

          Fazit: Die Quartalsergebnisse und Guidancebekanntgaben aus der letzten Woche geben ein sehr durchwachsenes Bild ab. Wie nervös der Biotechnologiemarkt in den USA ist, sieht man an den starken Kursverlusten bei Applied Biosystem. Für Investoren ist es noch schwieriger geworden, auf einzelne Titel zu setzen. Vielmehr sollten breit aufgestellte Zertifikate und Fonds aus dem Bereich der Biotechnologie gewählt werden, die einen großen Teil des Risikos durch Diversifizierung abfedern können.

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