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Biotechnologie : Die Biotechs sind mit Vorsicht zu genießen

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Biotech: streng zu prüfen Bild: dpa

Die guten Nachrichten einiger Biotechnologie-Unternehmen sollten eine gesunde Skepsis nicht verdrängen.

          3 Min.

          Kommt neues Leben in die Biotech-Branche? Manche Anzeichen sprechen dafür: In der aktuellen Berichtssaison haben einige Firmen Quartalsergebnisse gemeldet, die über den Erwartungen der Analysten lagen. Genentech verkündeten stark wachsende Umsätze. Auch Amgen, Gilead, Chiron und MedImmune übertrafen die Prognosen.

          Amgen erhöhte seinen Quartalsgewinn um 28 Prozent. Das Geschäft mit dem Infektionsmedikament Neulasta scheint gut zu laufen. Gilead schrieb im zweiten Quartal 2001 noch Verluste, verbuchte aber im gleichen Zeitraum des laufenden Jahres einen Gewinn, vor allem durch das neue HIV-Medikament Viread. Chiron meldet ein hohes Gewinnwachstum, unter anderem wegen guter Umsätze mit dem Multiple-Sklerose-Medikament Betaseron.

          Der Markt für Multiple-Sklerose-Mittel gehört zu den großen der Biotechnologie. Allerdings dürften die Gewinnschancen in diesem Feld künftig dadurch beschränkt werden, dass der Wettbewerb steigt - zumindest, seit das Medikament Rebif von Serono auch für die USA zugelassen ist und Serono auch dort Marktführer werden will.

          Langfristig zeigen die Trends nach unten

          Zu den guten Nachrichten passt, dass der Nasdaq Biotechnology Index seit Anfang Juli steigt. Bei genauerem Hinsehen ist die Lage aber nicht allzu rosig. Denn der langfristige Abwärtstrend des Index ist noch intakt. Und der deutsche Nemax Biotechnology Index hat sich im Gegensatz zum US-Gegenpart kaum erholt: Bei ihm weisen kurz- und langfristiger Trend eindeutig nach unten. Auch bei den Unternehmensnachrichten gibt es Enttäuschungen. So gab beispielsweise der Biotech-Zulieferer Qiagen im Juli völlig unerwartet eine Gewinnwarnung heraus.

          Auf lange Sicht hängt der Erfolg der Branche davon ab, ob sich die in sie gesetzten Hoffnungen auf neuartige Medikamente bewahrheiten. Darüber entscheiden mehrere Faktoren: Die Wirksamkeit des Mittels muss in klinischen Studien bewiesen sein, die Arzneimittelbehörden müssen das Medikament zulassen, und die Unternehmen müssen rechtzeitig genügend Produktionskapazitäten aufbauen. Anleger, die über einen Einstieg in Biotech-Aktien nachdenken, sollten sich vergewissern, dass ihr Unternehmen möglichst alle drei Erfolgsvoraussetzungen erfüllt - und abwarten, bis der allgemeine Abwärtstrend der Branche endgültig vorbei ist.

          Wie sehr eine fehlgeschlagene Studie einen Wert belasten kann, zeigte sich am Montag am Beispiel des britisch-schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca. Nachdem eine Untersuchung zur Wirksamkeit eines neuen Krebsmedikaments enttäuschende Ergebnisse erbracht hatte, fiel der Aktienkurs in der Spitze um rund 15 Prozent. In London wird das Papier um 17.19 Uhr für 2.093 Pence gehandelt.

          Die Zukunft hängt an neuen Medikamenten

          Langfristig sind die Zukunftsaussichten der Biotech-Unternehmen, die sich am Markt etablieren können, wohl grundsätzlich positiv zu werten: Das auf Gesundheits- und Biotech-Themen spezialisierte Anlageberatungsunternehmen Medical Strategy urteilt, die Branche sei erfolgreich in der Entwicklung neuer Medikamente. Insgesamt steckten mehr als 300 Mittel in den späten Phasen der klinischen Entwicklung, so das Medical Strategy. Würden sie zugelassen, dürfte die Zahl der profitablen Biotechunternehmen in den kommenden Jahren deutlich steigen.

          Die Aufsteiger seien im aktuell schwachen Marktumfeld im Vergleich zu den großen Unternehmen relativ moderat bewertet, urteilen die Anlageberater. Für Anleger könnte es allerdings schwierig werden, die vielversprechenden Newcomer von billigen, weil als Anlage ungeeigneten Papieren zu unterscheiden.

          Die Zulassung ist nicht immer sicher

          Denn ganz so einfach ist die Sache nicht. Wie die Vergangenheit zeigte, werden vielversprechende Medikamente nicht immer zugelassen. Scheitert ein Hoffnungsträger, leidet die ganze Branche. Und selbst wenn ein Medikament auf den Markt kommt, ist damit die Zukunft seines Produzenten noch lange nicht gesichert.

          Beispiel Immunex, die inzwischen von Amgen übernommen wurden: Noch immer gibt es nicht genügend Produktionskapazitäten für das Immunex-Arthritismittel Enbrel. Etwa 18.000 Patienten warten nach Informationen von Medical Strategy auf ihr Medikament, im Jahr 2001 verlor Immunex deshalb 200 Millionen Dollar an Umsatz.

          Schwierige Investitionsentscheidungen

          Das Dilemma der Firmen: Investieren sie nicht in die Produktion, kann es ihnen ergehen wie Immunex. Bauen sie aber Kapazitäten aus und erhalten dann doch nicht die erwartete Zulassung für ihr Medikament, haben sie Kapital verbrannt.

          Oder müssen zumindest eine Durststrecke überbrücken, wie das amerikanische Biotech-Unternehmen MedImmune. Das Management von MedImmune hat einen als Spray zu verabreichenden Grippeimpfstoff entwickelt, der eigentlich rechtzeitig vor der diesjährigen Grippesaison zugelassen werden sollte. MedImmune hat bereits 85 Millionen Dollar für die Produktion von Rohsubstanz aufgewendet. Doch jetzt wird die rechtzeitige Zulassung immer unwahrscheinlicher, denn die amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat weitere Fragen zur Herstellung und Sicherheit des Wirkstoffs.

          Möglich, dass MedImmune unter diesen Umständen auf die ein Jahr später beginnende Grippesaison warten muss. Auch Anleger sollten abwarten, bis eine Investition in die Branche nicht mehr ganz so riskant ist. Oder zumindest über einen Fonds hereingehen, der sein Geschick schon bewiesen hat.

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