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Biotechnologie : Die Biotech-Branche schrumpft sich gesund

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Viele Biotech-Unternehmen pfeifen finanziell auf dem letzten Loch und bieten sich selbst zum Verkauf an. Aber reine „Geldschlucker“ sind nicht gefragt.

          Fast täglich erhält der Vorstandschef James Mullen von Biogen Anrufe von kleineren Konkurrenten aus der Biotech-Branche, die ums Überleben kämpfen. "Die Leute rufen uns mit nur einem Wunsch an: 'Bitte kauft uns!'", berichtet Mullen.

          Mit abgebrannten Geldreserven und ohne Hoffnung, weitere Investoren zu finden, klopfen kleine Biotech-Firmen an die Türen der Großen der Branche wie Biogen und Genentech und bieten ihr Unternehmen, Teile daraus oder auch nur einzelne Produkte im Entwicklungsstadium zum Verkauf an.

          Geldreserven sind zusammengeschrumpft

          Einer wachsenden Zahl der Unternehmen, die Genen und Proteinen ihre Geheimnisse zu entlocken suchen, um sie für therapeutische Zwecke nutzbar zu machen, sind die Geldreserven bereits auf weniger als ein Jahresbudget zusammengeschrumpft. Nach den Jahren des Hype verwehren sich jetzt die Finanzmärkte: Der Nasdaq Biotechnology Index fiel 2002 um 45 Prozent auf seinen niedrigsten Stand seit 1999.

          Nur wenige in der Branche kaufen noch zu. Biogen aus Cambridge, im US-Bundesstaat Massachusetts, setzt zwar mit seinem erfolgreichen Medikament gegen Multiple Sklerose jährlich eine Milliarde Dollar um, ist aber an Übernahmen nicht interessiert. Daher sind sich viele Unternehmenschefs, Analysten und Investmentbanker einig, dass sich die Branche in den kommenden Jahren gesund schrumpfen wird: die kleinen Wettbewerber werden schließen, Insolvenz anmelden oder weiterhin mit sinkenden Umsätzen zu kämpfen haben.

          Ein darwinistischer Ausleseprozess wütet

          "Das ist ein großes Fass, indem ein darwinistischer Ausleseprozess wütet", bemerkte Marina Bozilenko, die den Investment-Bereich Biotechnologie bei der Banc of America Securities leitet. "Der Pool an kompetenten Führungskräften und an Kapital ist begrenzt. Es gibt Firmen, die neue Investitionen verdienen und solche, die sie nicht verdienen", führt er aus.

          Auf dem 29 Milliarden schweren Markt der Biotech-Medikamente stehen zu viele Unternehmen im Wettbewerb, die mit denselben Methoden vergleichbare Medikamente entwickeln, findet auch der Finanzvorstand Louis Lavigne von Genentech. Einige fordern einen zu hohen Preis für ihr Unternehmen, andere haben ihre Entwicklungen bereits mit einer Hypothek belegt, indem sie die Rechte an ihren geistigen Vermögenswerten über Partnerschaften auf andere übertragen haben, erklärte Lavigne.

          Genentech, mit Sitz in San Francisco, verfügt über Barmittel von 1,3 Milliarden Dollar und hat 2002 auch "mehrere Hundert" Angebote erhalten, berichtet Lavigne. Weder er noch Mullen wollten Namen der Bittsteller nennen.

          Liquidität ist oft Mangelware

          Von den 342 an der Börse notierten Unternehmen gibt es nur noch eine Hand voll mit Reserven. Mitteilungen an die Börsenaufsicht lassen erkennen, dass beispielsweise Ribozyme Pharmaceuticals bereits in wenigen Wochen das Geld ausgehen dürfte. BioTransplant und Targeted Genetics werden es noch bis Jahresmitte schaffen. Immune Response gelang es vergangenen November nochmals die Insolvenz abzuwenden und die Investoren zu einer weiteren Finanzierungsrunde zu bewegen. Die eingesammelten acht Millionen Dollar dürften nur wenige Monate ausreichen.

          Wie viele andere haben diese Firmen Stellen und Forschungsgelder zusammengestrichen, um die knappen Mittel möglichst zu schonen. Die schwache Konjunktur, bröckelnde Aktienkurse und das fehlende Interesse der Investoren für Firmen, die es noch nicht über die Gewinnschwelle geschafft haben, hat die Finanzmärkte als Geldquelle für die meisten der privatwirtschaftlichen Forschungsunternehmen ausgetrocknet. Nur die Solventesten in der Branche finden hier noch Zuspruch.

          „Geldschlucker“ sind nicht gefragt

          Amgen, das weltgrößte Biotech-Unternehmen erwartet für 2003 ein Umsatzwachstum von 47 Prozent auf 7,2 Milliarden Dollar. Die Aktie des Unternehmens ist seit ihrem letzten 52-Wochen-Tief Mitte Juli um 64 Prozent auf 51,10 Dollar geklettert. Die Aktie von Biogen konnte seit Oktober ebenfalls 46 Prozent auf 42,07 Dollar zulegen. Genentech stiegen seit Juli 43 Prozent auf 36,42 Dollar.

          Unternehmen aufzukaufen, die ihre Kapitalreserven zu schnell aufbrauchen, ist für diese Firmen kaum lukrativ. Investoren sind an möglichst sicheren Investments interessiert - das heißt an Neuentwicklungen, deren Marktreife in greifbarer Nähe liegt. Die meisten Biotech-Unternehmen stehen aber noch am Anfang ihrer Forschungsarbeiten.

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