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Biotechnologie : Berlins Börsenkandidaten brauchen Vergleich nicht zu scheuen

  • -Aktualisiert am

Mologen entwickelt molekulare Technologien Bild: ZB-Fotoreport

Die Börsenflaute gibt Zeit, Börsenkandidaten in der Biotechnologie zu analysieren. Im Berliner Raum gibt's interessante IPO-Anwärter.

          Eine Börsenflaute hat auch immer etwas Gutes. In der Baisse bleibt Zeit, Börsenkandidaten bereits frühzeitig unter die Lupe zu nehmen. Der Blick auf die Zukunftsbranche Biotechnologie lohnt allemal.

          Rein an der Zahl der Unternehmen gemessen kann die Biotechnologie in und um Deutschlands Hauptstadt national mit als führend gelten. Allein in Berlin forschen und produzieren rund 60 Unternehmen mit modernen biotechnischen Methoden. Aus Brandenburg kommen noch einmal 30 dazu.

          Zur Börsenreife haben es bisher nur zwei gebracht: die Mologen Holding und die co.don. Es können sich allerdings alle glücklich schätzen, die beim Börsengang oder kurz danach noch nicht investiert haben. Erstinvestoren in co.don-Aktien beklagen inzwischen einen Verlsut von rund 75 Prozent. Ähnlich erging es den Mologen-Aktionären mit einem Minus von fast 90 Prozent seit dem Höchststand im Herbst 2000. Allerdings bieten beide Unternehmen eine gute Voraussetzungen für langfristig erfolgreiches Aktiensparen: eine einzigartige Technologie.

          co.don und Mologen

          So widmet sich co.don, das im Februar 2001 bisher letzte in den Nemax Biotechnology Index aufgenommene Unternehmen, der Erzeugung von Organen aus körpereigenen Zellen. Knorpel-, Knochen- und Bandscheibenschäden könnten so eines Tages besser kuriert werden.

          Ähnlich Visionäres betreibt man bei der bisher nur im Berliner Freiverkehr notierten Mologen. Neue Genfähren, die minimalistisch nur die wichtigsten Erbinformationen zur Tumortherapie transportieren, sollen in einigen Jahren den Durchbruch bringen. Doch die Hürden auf dem langen Weg zum Markt gepaart mit der Unsicherheit der Aktienmärkte haben zum Absturz beider Aktien geführt.

          Berliner Börsenkandidaten

          Auch Berlins Börsenkandidaten von morgen brauchen einen technologischen Vergleich im internationalen Wettbewerb nicht scheuen. So stellt die 1997 gegründete NOXXON Pharma die „Welt auf den Kopf“: sich spiegelbildlich zu natürlichen Stoffen verhaltende, besonders stabile Moleküle sollen Krankheiten noch effizienter bekämpfen. Bei der vier Jahre alten Epigenomics analysiert man den winzigen chemischen Unterschied an einer der vier Nukleotid-Basen in den menschlichen Erbanlagen. Die dermaßen detektierten an- oder ausgeschalteten Gene lassen eine personalisierte Medizin nicht mehr nur als Utopie erscheinen.

          Die bereits 1994 gegründete Jerini erforscht mit ihrer patentgeschützten Chiptechnologie systematisch Eiweißmoleküle. Diese Peptide, wie das bekannte Insulin, können wirksam Krankheiten therapieren. Und auch die 1998 gegründete atugen positioniert sich an einem Flaschenhals der Forschung: es geht um die Entdeckung neuer Schlüsselmoleküle, sogenannte Targets, deren Blockade Krankheiten eindämmen könnte. Die großen Pharmakonzerne suchen händeringend danach. Kooperationen mit Biotech-Unternehmen stehen daher hoch im Kurs.

          Die weichen Faktoren

          Der Biotech-Aktionär musste zuletzt allerdings erfahren, dass eine sehr gute Technologie zwar eine notwendige Voraussetzung für den Unternehmenserfolg, aber keine hinreichende ist. Zu hohe Bewertungen beim Börsengang, häufige Management-Wechsel, unstrukturierte Unternehmensprozesse, Fehlinvestitionen, zu frühe Internationalisierung und verschleiernde oder sogar unrichtige Ad hoc-Mitteilungen über die Finanzlage haben mitunter den größeren Effekt, und zwar nach unten.

          Nicht nur den Berliner-Jungunternehmern bietet die „Pause an der Börse“ die Chance, ein solides Geschäftsmodell herauszuarbeiten. Vielleicht so wie bei der Berliner Scienion. Der Börsengang ist zur Zeit weniger Triebkraft als vielmehr die Erzielung einer hohen Kundenzufriedenheit. Mit einer ausgefeilten Biochip-Technologie werden bereits Umsätze generiert.

          Ausblick Biotechnologie

          Berlin brachte trotz aller Basiserfolge noch keine Top-Unternehmen der Biotechnologie hervor, hat jedoch für die Zukunft dafür alle Chancen. Die Randbedingungen sollten sich allerdings nicht verschlechtern. Das leere Stadtsäckel, die drohende Schließung des Universitätsklinikums Benjamin Franklin und die mit Ausnahme von Schering fehlende Pharma-Industrie sind Ausprägungen spürbarer Nachteile in der Region.

          Umso mehr bleibt zu wünschen, dass die Börsenkandidaten solide und mit vorzeigbaren Umsätzen zu gegebener Zeit an die Börse streben. Der Anleger sähe sich dann ausgewogeneren Chancen-Risiken-Profilen gegenüber. Epigenomics, Jerini, atugen und NOXXON sind es auf jeden Fall wert, auf ihrem Weg zur Börse genau verfolgt zu werden.

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