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Biotechnologie : Actelion-Aktie sorgt für Herzbeschwerden

  • Aktualisiert am

Der Chart zeigt den Kursverlauf der Aktie von Actelion; der aktuelle Absturz ist noch nicht abgebildet. Bild:

Die Biotechnologie ist ein Geschäft ohne vorhersehbaren Ausgang in der Forschung. Das Beispiel Actelion ruft diese Erkenntnis in Erinnerung. Das Unternehmen stoppt plötzlich eine klinische Studie - die Aktie stürzt ab.

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          An der Schweizer Börse sind zu Wochenbeginn praktisch auf einen Schlag rund 950 Millionen Franken an Marktkapitalisierung vernichtet worden. Und zwar, indem der Kurs der Aktie von Actelion von 153 Franken auf 110 Franken oder um gut 28 Prozent abgestürzt ist.

          Der Grund für diesen dramatischen Einbruch: Die Schweizer Biotechnologiefirma wird nach eigenen Angaben die klinische Studie des Medikaments Veletri gegen akutes Herzversagen stoppen. Am Samstag hatte das Unternehmen noch die Fortsetzung der Studie mitgeteilt. Die Einstellung der Studie könnte Analysten zufolge die Actelion-Aktie erheblich belasten, da von Veletri ein starker Wachstumsimpuls erwartet wurde. Noch vor der Ankündigung am Sonntag über die Einstellung der Studie hatten Analysten gesagt, ein Stopp würde den Kurs der Actelion-Aktie um bis zu 30 Prozent drücken. Sie haben recht behalten.

          Mit dieser Entscheidung hat Actelion auch Marktteilnehmer, die das Unternehmen regelmäßig beobachten, auf dem falschen Fuß erwischt. So meint etwa die Deutsche Bank, trotz des naturgemäß hohen Risikos biotechnologischer Forschungen sei man zuversichtlich gewesen, daß Actelion sein Veletri-Projekt zu einem guten Ende führen werde. Die DZ Bank hatte dagegen die Angelegenheit zurückhaltender bewertet und die Wahrscheinlichkeit des Markteintritts mit 25 Prozent beziffert. Gleichwohl sehen die Analysten des genossenschaftlichen Hauses den fairen Wert der Actelion-Aktie stark gemindert bei nur noch 100 Franken - und empfehlen deshalb, den Titel zu verkaufen. Die Deutsche Bank sieht dagegen noch eine Halte-Position gegeben.

          Von einem Medikament abhängig

          „Die Entscheidung, die Studie nicht fortzusetzen, steht mit der Empfehlung des Steuerungsausschusses der Data Safety Monitoring Board (DSMB) vom Samstagnachmittag im Einklang", teilte Actelion mit. Es habe zwar keine Sicherheitsbedenken gegeben. Die Chance, eine statistische Aussagekraft für die Wirkung des Medikaments zu erreichen, sei aber als zu gering gesehen worden.

          Analysten warteten mit Spannung auf das Zwischenergebnis der Studie, nachdem die ersten Analysen keine Sicherheitsprobleme gezeigt hatten. Von Veletri wurde ein jährlicher Umsatz von 400 bis 800 Millionen Dollar erwartet. Actelion hätte damit seinen Gesamtumsatz verdoppeln können, wie Reuters anmerkt. Am Samstag hatte Actelion noch erklärt, die klinische Studie für eine Zulassung des Medikaments Veletri fortzusetzen. Das Unternehmen hatte dabei darauf verwiesen, dass sich die DSMB nicht gegen die Fortsetzung der Studie ausgesprochen habe. Dies habe signalisiert, daß Veletri offenbar bislang gute Ergebnisse erzielt habe, hatte es geheißen.

          Derzeit erzielt die Actelion fast ihren Gesamtumsatz mit den Tabletten Tracleer, die für die Behandlung der pulmonalen arteriellen Hypertonie (PAH) verschrieben werden. PAH ist eine lebensbedrohende Erkrankung mit schwerwiegender Beeinträchtigung der Lungen- und Herzfunktion.

          Analysten deutlich uneins über den fairen Wert

          Angesichts der neuen Lage sieht die DZ Bank einen fundamentalen Wert von 110 Franken bei Actelion. Die Produkt-Pipeline sei nun neun Franken wert, nach 20 Franken einschließlich Veletri. Da das Unternehmen von Tracleer abhängig sei, hält die DZ Bank einen Abschlag von 20 Prozent auf den fundamentalen Wert plus Pipeline für angemessen und sieht mithin den fairen Wert bei 100 Franken.

          Die Deutsche Bank sieht diese Sicht als zu konservativ an, wie aus ihrer Berechnung hervorgeht. Sie sieht die Actelion-Aktie mit 140 Franken als fair bewertet an - dieses Kursziel galt auch schon vor der schlechten Nachricht. Das Kursziel nicht verändert zu haben, begründen die Analysten mit dem Hinweis, Veletri nicht in ihr Modell zur Ermittlung des fairen Werts einbezogen zu haben. Deshalb sehen sie den Titel nur als unterbewertet an, haben aber dennoch ihre Anlageempfehlung von „Kaufen“ (“Buy“) auf „Halten“ (“Hold“) zurückgenommen; das gleiche gilt für die Einschätzung des Bankhauses Vontobel. Die Produkt-Pipeline bleibe attraktiv.

          Actelion weiter mit schwarzen Zahlen erwartet

          Solch unterschiedliche Analystenurteile zum Kursziel mögen den Anleger ratlos zurücklassen. Dessenungeachtet zeigt der Fall Veletri, wie schnell ein attraktives Projekt sich zum Desaster entwickeln kann. Dazu sieht die DZ Bank mögliche neue Anwendungsmöglichkeiten für Tracleer und damit neuen Umsatzphantasie frühestens von 2007 an.

          Immerhin wird Actelion weiter in den schwarzen Zahlen gesehen, was von Branchenvertretern wie Medigene oder GPC Biotech auf Sicht nicht zu behaupten ist, während Morphosys den Turnaround für 2005 angekündigt hat (Morphosys-Aktie eine Perle im TecDax) und belohnt wird. Actelion ist gleichwohl mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von gut 37 für dieses Jahr und 32 für 2005 ambitioniert bewertet; Serono kommt auf KGV-Werte von gut 18 und 17 und ist relativ attraktiver.

          Nachteiliger als die Bewertung stellt sich nun die aber das Kursbild dar. Durch den Absturz ist die Aktie aus dem seit Oktober 2002 aufgebauten Aufwärtstrend gefallen. Nun stellt sich die Frage, ob es in den nächsten eine vorteilhafte „technische“ Reaktion nach oben geben wird, da manche Anleger meinen könnten, der Kursverlust sei übertrieben deutlich ausgefallen. Die zweite Möglichkeit ist ein weiter nachgebender Kurs. In diesem Fall wäre die Notiz bei knapp 100 Franken gut unterstützt; an dieser Marke finden sich Zwischenhochs aus dem Juni und dem Juli 2003. Ein Fall unter diese Region wäre ein weiteres Verkaufsignal.

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