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Bioinformatik : Reine Softwareanbieter sind uninteressant

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Biotech-Analyst Christian Garbe Bild: @unit mit Bildmaterial von comchem.de

Die komplexe Forschung in der Biotechnologie ist ohne Informatik undenkbar. Aber der Wachstumsmarkt hat auch seine Tücken, meint Analyst Christian Garbe.

          Die schnellen Entwicklungen in der Genom- und Proteomforschung verändern die Biowissenschaften auf geradezu dramatische Weise. Die Datenmengen, die in der Forschung generiert werden, sind schier unüberschaubar. Ihre Menge wird im Gefolge der sich geradezu überschlagenden Entwicklung im Bereich Genomsequenzierung noch steigen.

          Die Bioinformatik stellt dabei die Werkzeuge bereit, die immer komplexer werdende Fragestellungen zu erforschen. Schon jetzt sind Genomforschung, experimentelle Biochemie, Molekularbiologie, molekulare Medizin und Pharmakologie von den Ergebnissen der Bioinformatik abhängig. In Zukunft wird dieser Einfluss weiter an Bedeutung gewinnen. Darüber hinaus spielt die Bioinformatik eine wichtige Rolle für die innovative Entwicklung bedeutender Wirtschaftsbereiche wie der Entwicklung neuer Pharmaka, der Medizin, der Landwirtschaft, der Lebensmittel- und Biotechnologie.

          Große IT-Unternehmen steigen ein

          Die Entwicklung von Datenbanken und von Software zur Analyse der Daten kann ein lukratives Geschäft sein. Schätzungsweise mehr als 200 Datenbanken und wahrscheinlich noch mehr Software-Anwendungen sind derzeit verfügbar. Große Pharma- und Biotechnologieunternehmen entwickeln interne Datenbanken und schaffen sich Expertise auf dem Gebiet der Bioinformatik.

          In letzter Zeit bieten auch traditionelle Computer- und IT-Unternehmen Produkte für den Markt der Bioinformatik an. So stellt sich IBM der Aufgabe, nach dem erfolgreichen Bau des Schachcomputers „Deep Blue“ den leistungsstärksten Computer (Hard- und Software) für die Bioinformatik mit dem Namen „Big Blue“ zu bauen. Auch Oracle will in den Aufbau für Datenbanken zur Entwicklung von Medikamenten einsteigen.

          Ein Problem der Vielfalt der Unternehmen ist jedoch, dass die unterschiedlichen Datenbanken und Software-Tools keinen gemeinsamen Standards folgen und zudem nur schwer in eine Gesamtschau zu integrieren sind. Ziel ist es, die gewonnenen Daten effektiv zu nutzen und die Ergebnisse der Forschungen auch in Entwicklungen umsetzen zu können. Die Software kann entweder direkt im jeweiligen Intranet des Unternehmens installiert werden, oder aber das Unternehmen erhält einen durch eine Firewall geschützten Zugang zu den Softwarelösungen innerhalb des Anbieters.

          Starkes Marktwachstum

          Der Markt für Bioinformatik hat nach Schätzung internationaler Consultingfirmen ein enormes Wachstumspotenzial. Der Markt der Datenbanken, Produkte und Dienstleistungen für Bioinformatik dürfte von etwa 300 Millionen Dollar im Jahr 1999 auf mehr als drei Milliarden Dollar im Jahr 2005 wachsen. Bei diesen Marktaussichten ist es nur natürlich, dass auch eine große Anzahl von Wettbewerbern angelockt wird. Zu den namhaften amerikanischen Unternehmen beim Aufbau und der Verwaltung von Datenbanken zählen Oracle, Human Genome Sciences und Myriad Genetics. Human Genome Sciences und Myriad Genetics widmen sich darüber hinaus jedoch auch der Entwicklung von Medikamenten.

          Unternehmen im Bereich der Erarbeitung von Wirkorten für Medikamente (Targets) sind Ligand Pharmaceuticals, Karo Bio und Tularik. Bei der Auswertung von genetischen Daten zur Bestimmung von Krankheitsgenen wie Alzheimer sind Unternehmen wie deCode und Genaissance Pharmaceuticals tätig.

          Nicht auf reine Software-Anbieter setzen

          In den USA tobt seit langem eine Übernahmeschlacht um Bioinformatikunternehmen. Die erste größere Übernahme war die von Rosetta Inpharmatics durch den Pharmakonzern Merck zu Beginn des Jahres 2001. Die letzte signifikante Akquisition war die von Exelixis, die Ende November 2001 Genomica für 110 Millionen Dollar übernommen haben. Damit hat Exelixis die eigene Forschungsplattform durch die Software von Genomica ausgebaut. Bei Exelixis kam es zu der Akquisition, weil Genomica den Verlust von zwei Lizenznehmer für ihre Software zu verkraften hatte und dadurch sechs Prozent im Umsatz gemessen zum Vorjahreszeitraum einbüßte.

          Generell müssen die Umsatzerwartungen für Bioinformatik-Softwarelösungen stärker angepasst werden, wie das Beispiel Genomica zeigt. Investoren sollten darauf achten, dass die Businessmodelle bei den Bioinformatikunternehmen über das Anbieten von Softwarelizenzen hinaus gehen (wie bei Myriad Genetics, Human Genome Sciences und zahlreiche Pharmaunternehmen). Wenn die Unternehmen sich aber nur auf Softwarelösungen fokussiert haben, sind die Unternehmen häufig zu hoch bewertet.

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