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Bilanzen : „Enronitis“ zieht weitere Kreise

  • Aktualisiert am

Enron sorgt weiter für Bewegung Bild: AP

Nach dem Enron-Desaster will die Börsenaufsichtsbehörde SEC von den Telekomunternehmen genauere Auskünfte über ihre Buchführungspraxis. Auch bei Gazprom gibt es Probleme.

          Das Desaster um die „Buchführungspleite“ des ehemaligen amerikanischen Energiehandelsunternehmens Enron zieht weitere Kreise. Laufen der verantwortlichen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mittlerweile die Kunden davon, so geraten weitere Unternehmen in den Verdacht, ähnlich kreativ mit der Verbuchung von Krediten umgegangen zu sein.

          Enron war dadurch zu Falle gekommen, dass es einen großen Teil seiner exorbitanten Schulden auf Tochtergesellschaften ausgelagert hatte, die wiederum nicht in der Unternehmensbilanz erschienen. Als dann das wahre Maß der Verschuldung bekannt wurde, war die Firma nicht mehr zu retten und endete im größten Konkursfall der USA.

          Telekomunternehmen unter „Enron-Verdacht“

          Am Montag nun hat die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde SEC das Telekommunikationsunternehmen WorldCom aufgefordert, seine Buchhaltungspraxis näher zu erläutern und seine Verträge mit Kunden näher aufzuschlüsseln. Dabei geht es zum einen um einen Firmenkredit in Höhe von knapp 200 Millionen Dollar an den Vorstand Bernard Neppers. Sollte er nicht - wie behauptet - über die notwendigen Sicherheiten verfügen, könnte durchaus Betrug vorliegen. Zum anderen geht es um Kundenaufträge in Millionenhöhe, die von Kundenberatern unter dem eigenen Namen verbucht wurden, um Provisionen zu kassieren, obwohl sie die Geschäfte gar nicht selbst an Land gezogen hatten. Nicht nur bei WorldCom laufen solche Untersuchungen, sondern auch bei Qwest Communications und Global Crossing.

          Transparenzprobleme in Russland

          Aber nicht nur in den USA läuft diese Geschichte weiter, sondern auch in Russland. Dort ist vor allem der Ölgigant Gazprom in den Verdacht geraten. Kurz gefasst wird das Wirtschaftsprüfungsunternehmen PricewaterhouseCoopers verdächtigt, viel zu lasch und geradezu fahrlässig vorgegangen zu sein. So seien Geschäfte nicht verbucht worden, die offensichtlich stattgefunden haben, sagen Experten aus dem Umfeld. Sie werfen den Prüfern vor, Bilanzen abgezeichnet zu haben, obwohl sie vom Management nicht alle notwendigen Informationen erhalten haben. PricewaterhouseCoopers hat mittlerweile angedeutet, das Mandat abgeben zu wollen.

          Damit werden ganz offensichtlich Aktionäre geschädigt. Denn der Aktienkurs von Gazprom entwickelt sich auf Grund des Misstrauens der Investoren gegenüber dem Unternehmen wesentlich schlechter als beispielsweise bei Yukos, das für russische Verhältnisse ein hohes Maß an Transparenz bietet. Aber nicht nur bei Gazprom stellt sich das Problem, sondern auch bei vielen anderen russischen Unternehmen. Beispielsweise bei Lukoil, das von KPMG geprüft wird. Auch dort drängt sich immer wieder der Verdacht auf, die Bücher seien nicht korrekt. Die Prüfer wollen das natürlich nicht wahr haben.

          Neue Gesetze alleine reichen nicht

          Die Zurückhaltung internationaler Investoren ist die logische Folge. Um ihr Vertrauen zurück zu gewinnen, müsste eine unabhängige Aufsicht über die Prüfer eingerichtet werden, die nicht nur ihre eigentliche Arbeit beaufsichtigt, sondern auch die Auswahl und die Bezahlung der Wirtschaftsprüfer. Eine Untersuchung der OECD zeigt etwa auf, dass einige russische Unternehmen nahe stehende „Westentaschenprüfer“ engagieren, die die Unternehmensbilanz erstellen. Steuerbetrug und Plünderung der Unternehmenskassen werden so leicht möglich gemacht. Insgesamt reichen in Russland nicht alleine neue Gesetze bezüglich der Corporate Governance, sondern die Regierung muss auch dafür sorgen, dass diese umgesetzt werden. Gerade auch bei den großen Unternehmen des Landes.

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