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Bericht vom internationalen Finanzmarkt : Viele Risiken lauern auf die Anleger

Bild: F.A.Z.

Die vergangene Woche war für die Börsen eine turbulente. Bundesanleihen drohen weiter Kursverluste, Banken Kapitalerhöhungen. Aus Schwellenländern fließt Kapital ab.

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          Die Ratingagentur Fitch hat den Schlusspunkt unter eine turbulente Börsenwoche gesetzt. Am Freitag nach Handelsschluss in Europa senkte Fitch ihre langfristige Bonitätsnote für Spanien um zwei und für Italien um eine Stufe. Daraufhin drehten die Aktienindizes an der Wall Street in der letzten Handelsstunde noch ins Minus. Und der Euro verlor einen ganzen Cent und beendete die Woche mit einem Kurs von 1,3375 Dollar. Unter dem Strich hat der Risikoappetit der Anleger in dieser Woche zugenommen. Doch die Marktverfassung wird als zerbrechlich beschrieben. Gleichwohl könnte unter großen Schwankungen nun eine Bodenbildungsphase nach der scharfen Korrektur im dritten Quartal an Anleihe- und Aktienmärkten bevorstehen.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Verlustrisiken lauern indes an vielen Stellen des Kapitalmarktes. Von der Banken- und Staatsschuldenkrise in Europa können selbst die Börsen der Schwellenländer nicht profitieren. Auf sie spezialisierte Aktienfonds verzeichneten die zehnte Woche hintereinander Mittelabflüsse. Die Zentralbanken von Polen, Russland, Brasilien und der Türkei, von denen einige vor kurzem noch die Aufwertung ihrer Währungen mit Dollar-Käufen zu bremsen versuchten, sehen sich nun veranlasst, ihre deutlich abwertenden Währungen zu stützen.

          Verbesserungen am amerikanischen Arbeitsmarkt

          Auch wer sein Geld „sicher“ anlegen will, muss aufpassen. Die Rendite für Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit könnte nach unten ausgereizt sein. Nach einem Wochentief von 1,68 Prozent schloss die Bund-Rendite am Freitag mit 2,0 Prozent zumindest deutlich höher. Mit höheren Renditen gehen Kursverluste einher. Für Neuanleger aber ist mit Bundesanleihen auch auf dem erhöhten Renditeniveau angesichts einer Inflationsrate von 3 Prozent im Euroraum ein Kaufkraftverlust verbunden. Vielerorts ist der Kaufkraftverlust noch höher. In Großbritannien liegt der Leitzins bei 0,5 Prozent, die Jahresinflationsrate bei 4,5 und bald womöglich sogar bei 5 Prozent. Die britische Notenbank kündigte am Donnerstag an, sie werde für 75 Milliarden Pfund Staatsanleihen kaufen, um die Zinsen zur Stützung der Konjunktur niedrig zu halten. Das unerwartet stark erhöhte Pfund-Angebot dürfte zu Währungskursverlusten führen. In dieser Woche schon fiel das Pfund zum Dollar auf den tiefsten Stand seit Sommer 2010.

          Die Kurse an den europäischen Aktienmärkten schwanken derzeit so stark wie selten. Auch die Aktien von Industrieunternehmen reagieren fast nur auf Nachrichten aus der Staaten- und Bankenwelt. Der europäische Aktienindex Euro Stoxx 50 gewann in dieser Woche 4,1 Prozent hinzu, hat aber seit Ende Juni 20 Prozent verloren. Der Dax legte im Wochenvergleich 3,1 Prozent zu, steht aber noch 23 Prozent tiefer als zum Ende des ersten Halbjahres. Und trotz der leichten Verluste am Freitag verblieb für den amerikanischen Aktienindex S&P 500 ein Wochengewinn von 2,1 Prozent. Ohnehin hat er seit Halbjahresbeginn mit 12,5 Prozent kaum mehr als die Hälfte der europäischen Indizes verloren. In Amerika scheint sich in Amerika die Lage auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Am Freitag überraschte die Anleger, dass im September 103.000 neue Stellen entstanden sind. Die Fachwelt hatte nur mit der Hälfte gerechnet.

          Zweifel am EZB-Programm zum Kauf von Pfandbriefen

          Getrieben hat die Aktienkurse seit Dienstag vor allem die wachsende Bereitschaft unter den europäischen Politikern, Banken gegen Verluste, die eine Umschuldung Griechenlands mit sich bringt, mit Eigenkapitalspritzen zu wappnen. Zudem kündigte Jean-Claude Trichet auf seiner letzten Pressekonferenz als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) neue Liquiditätsmaßnahmen für Banken an. Auch stellt die EZB 40 Milliarden Euro für den Kauf von Pfandbriefen bereit.

          In den Emissionsabteilungen der Banken wird allerdings bezweifelt, dass das neu aufgelegte Programm der EZB zum Kauf von Pfandbriefen große Wirkung haben wird. Seit drei Wochen werde darüber spekuliert, aber die Risikoaufschläge für die gedeckten Bankanleihen stiegen nach kurzen Phasen der Stabilisierung immer weiter, heißt es. Weitere Kursverluste für die Besitzer von Pfandbriefen und teure Finanzierungskosten für die emittierenden Banken gäbe es, wenn sich die zugrunde liegende Bund-Rendite weiter erhöhen sollte.

          Auftakt einer neuen Welle von staatlichen Bankenrettungen?

          Auch Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, zweifelt am Erfolg der EZB-Strategie. „Das neue Programm zum Ankauf von Pfandbriefen kann den Banken in Deutschland, Spanien und Irland helfen. Es mag das Risiko einer Kreditklemme etwas vermindern. Aber angesichts des großen Misstrauens, das europäischen Banken auf den Weltmärkten entgegenschlägt, dürfte es nur eine begrenzte Wirkung haben“, sagte Schmieding dieser Zeitung. Für ihn ist vielmehr die große Frage: „Ist die EZB bereit, notfalls die Finanzstabilität Europas durch weitere Ankäufe von Staatsanleihen zu wahren und damit eine Megarezession zu verhindern?“ Der Analyst warnt: „Sollte die EZB den Ankauf von Pfandbriefen als eine Art Alternative statt als eine Ergänzung zu Ankäufen von Staatsanleihen verstehen, könnte das Signal für die Märkte letztlich sogar negativ sein.“

          Entscheidend für die Märkte dürfte indes zunächst sein, ob und wie die europäischen Staaten Banken rekapitalisieren. Die Politiker sind alarmiert durch den Fall des großen belgisch-französischen Kommunalfinanzierers Dexia. Trotz einer guten Kernkapitalquote von 11,2 Prozent liehen andere Banken Dexia kaum mehr Geld. Darin zeigt sich exemplarisch das Misstrauen der Anleger in die Kernkapitalquoten der Banken. In diesem Verhältnis von risikogewichteten Aktiva und Haftungskapital kommen Staatsanleihen nicht vor, weil sie gesetzlich „Nullrisiko“ und damit keine risikogewichteten Aktiva sind. Dexia hat allein 21 Milliarden Euro an Anleihen hochverschuldeter Euroländer. Rund 100 Milliarden der 520 Milliarden Euro großen Bilanzsumme finanziert Dexia kurzfristig über den Kapitalmarkt. Doch andere Banken liehen dem Kommunalfinanzierer zuletzt kaum mehr Geld. Deshalb wird Dexia nun in Einzelteile zerlegt und von ihren staatlichen Eignern vor einem Liquiditätsengpass bewahrt. Es könnte der Auftakt einer neuen Welle von staatlichen Bankenrettungen sein. Sie senkten zwar das Insolvenzrisiko für die Bankaktionäre. Aber nach Kapitalerhöhungen muss ein künftiger Gewinn mit mehr Aktionären geteilt werden.

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