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Bericht vom internationalen Finanzmarkt : Banken sehen EZB unter Zugzwang

Auf den Euro warten weitere Krisenmaßnahmen Bild: dpa

Deutsche, amerikanische und britische Renditen sind so niedrig wie nie. Die Kurse am Aktienmarkt fallen seit fünf Wochen. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.

          3 Min.

          Nach einer turbulenten Woche an den Kapitalmärkten schlagen viele Banken Alarm. Die Stimmen aus den Analyseabteilungen der Deutschen Bank, der Commerzbank, vom Bankhaus Metzler, aus der Société Générale und von BNP Paribas unterscheiden sich nur in Nuancen. Kein Analyst sieht, wie das Auseinanderdriften der Volkswirtschaften und der Banken im Euroraum gestoppt werden kann, ohne dass die Europäische Zentralbank (EZB) neue Krisenmaßnahmen ergreift. Edgar Walk, Chefvolkswirt von Metzler, rechnet damit, dass die EZB an diesem Mittwoch ihren zuletzt im Dezember gesenkten Leitzins um weitere 25 Basispunkte auf dann 0,75 Prozent zurücknimmt. Andere Banken erwarten zudem neue Liquiditätshilfen, nachdem die EZB vor Weihnachten und Ende Februar europäischen Geschäftsbanken insgesamt 1 Billion Euro für drei Jahre zu 1 Prozent geliehen hatte.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dieses billige Geld hat den Anlegern nur kurzzeitig die Angst genommen, Banken im Süden Europas könnten zusammenbrechen und Menschen verzweifelt vor leeren Geldautomaten anstehen. Doch es fließt nicht nur Geld aus dem Euroraum ab. Seit fünf Wochen, seit den Parlamentswahlen in Griechenland, hat ein ungebrochener Kursrutsch auf den Weltaktienmärkten eingesetzt, der die Jahresgewinne fast aller Indizes aufgezehrt hat. Trotz eines Wochenverlustes von 4,6 Prozent hält sich der deutsche Dax mit einem Zuwachs von 2,6 Prozent seit Jahresbeginn noch mit am besten. Im Freitags-Schlussstand von 6050 Dax-Punkten sind allerdings, anders als bei vielen Aktienindizes, auch die Dividenden enthalten, die in diesem Jahr reichlich flossen und bei denen unterstellt wird, dass sie wieder in Dax-Aktien investiert wurden.

          69.000 statt 150.000 neuer Stellen

          In Japan hingegen hat der Aktienindex Topix inzwischen nicht nur seine Jahresgewinne aufgezehrt. Nach einem Wochenverlust von 1,8 Prozent steht er nun auf 709 Punkten und ist damit nur noch einen Fingerbreit von 701 Punkten entfernt; das ist der Punktestand, auf den der Topix im ersten Quartal 2009 nach dem Zusammenbruch von Lehman gefallen war. Die Aktien japanischer Exportunternehmen leiden unter der Flucht aus dem Euro. Denn das Geld fließt vor allem in den Yen. Die japanische Währung hat seit Beginn des zweiten Quartals zum Euro um 14 Prozent aufgewertet, eine ungewöhnlich kräftige Bewegung.

          Auch der amerikanische Aktienindex Dow Jones steht nach einem Verlust von 2,2 Prozent allein am Freitag nun 0,8 Prozent tiefer als zu Jahresanfang. Nachdem am Freitag vom amerikanischen Arbeitsmarkt die Anleger die Nachricht erreichte, dass nicht wie erwartet 150.000, sondern nur 69.000 Stellen im Mai geschaffen wurden, erlitt der Aktienindex S&P 500 mit 2,5 Prozent den höchsten Tagesverlust seit November. Mit Spannung wird nun die Anhörung von Ben Bernanke vor einem Ausschuss des Kongresses am Donnerstag erwartet. Der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank könnte dort neue Stützungsmaßnahmen für die Konjunktur andeuten. Am Anleihemarkt fiel am Freitag die Rendite für amerikanische Staatsanleihen auf 1,4 Prozent, ein Rekordtief.

          Hilferufe werden nicht so schnell verstummen

          Am Anleihemarkt wird die Anspannung der Anleger vor einer Zuspitzung der Krise im Euroraum besonders augenfällig. Großbritannien wurde in der vergangenen Woche eine erst in 50 Jahren fällige, inflationsgeschützte Staatsanleihe fast aus den Händen gerissen. Für diese um 4 Milliarden Pfund aufgestockte britische Staatsanleihe lagen Kaufwünsche über 11 Milliarden Pfund vor. Großbritannien musste nur 0,04 Prozent Rendite bieten. Auch andere Staatsanleihen außerhalb des Euroraums sind gefragt. Bei ihrer Suche nach Qualität haben Anleger nun Dänemark entdeckt. Zum ersten Mal bei einem EU-Land fiel die dänische Zehn-Jahres-Rendite unter 1 Prozent.

          Im Euroraum sind Bundesanleihen so gefragt wie nie. Bundesanleihen mit dreißig Jahren Laufzeit fielen jetzt zum ersten Mal unter die Rendite japanischer Anleihen mit dieser Laufzeit. Mit einer Rendite von weniger als 1,7 Prozent werfen in dreißig Jahren fällige Bundesanleihen weniger ab, als Lebensversicherer mit ihrem auf 1,75 Prozent abgesenkten Garantiezins erwirtschaften müssen. Spanien dagegen wird 6 Prozent bieten müssen, um am Donnerstag beim Anleiheverkauf Geld für 5 Jahre geliehen zu bekommen.

          Die gewaltigen Renditedifferenzen spiegeln die Spannungen im Euroraum, die besonders stark Osteuropa treffen. Auch von dort fließt Geld ab, und besonders Russlands Rubel und Ungarns Forint werten sogar zum schwachen Euro ab. Hilfreich für die seit neun Monaten in einer Rezession steckende Eurozone sind Zinssenkungen in Schwellenländern wie in der vergangenen Woche in Brasilien, ein seit einem Jahr von 1,47 auf 1,24 Dollar gefallener Euro und ein Preis für Öl der Sorte Brent, der in Dollar so niedrig ist wie zuletzt zum Jahresanfang 2011. Doch diese Wertveränderungen erleichtern das Leben im Euroraum nur langsam. Deshalb werden die Rufe nach mehr Hilfe durch die EZB so schnell nicht verstummen.

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