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Bericht vom internationalen Finanzmarkt : Anleger ernüchtert von der Politik

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Gipfelbeschlüsse werden zerredet, die Hilfen der Zentralbanken verpuffen, die Weltkonjunktur schwächt sich ab. Die Erholung der Märkte nach dem angeblichen Durchbruch des EU-Gipfels verpuffte sofort.

          „Mit Spannung“ warten zumindest die Finanzmärkte nicht auf das Treffen der Finanzminister der Eurogruppe an diesem Montag. Regelmäßig erleben die Marktteilnehmer, dass Gipfelbeschlüsse eigentlich keine Beschlüsse sind, angebliche Abmachungen Stunden später wieder zerredet werden und sich die Schuldenkrise von Gipfel zu Gipfel laviert. Die Erholung der Märkte nach dem angeblichen Durchbruch des EU-Gipfels vergangene Woche verpuffte daher sofort wieder. Die Rendite für spanische Zehn-Jahres-Anleihen ist am Freitag wieder auf 7 Prozent gestiegen. Wie gewonnen, so zerronnen. Die Eurogruppe wird erst einmal den ersten Bericht der Troika zur Lage von Zypern erörtern.

          Die Hoffnung der Finanzmärkte, eine direkte Bankenkapitalisierung durch den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) werde die Staatsschuld Spaniens und womöglich auch Irlands und Portugals entlasten, erhielt Dämpfer, nachdem es aus Brüssel hieß, die dafür notwendige neue Bankenaufsicht werde frühestens im zweiten Halbjahr 2013 einsatzfähig sein. Außerdem gibt es große Unstimmigkeiten darüber, ob und wie die Europäische Zentralbank oder der ESM in die Bankenaufsicht einbezogen werden sollen. Die Kritik zahlreicher Ökonomen am EU-Gipfel wird von den Marktteilnehmern in der Londoner City ohnehin nur mit Kopfschütteln quittiert.

          Sang- und klanglos einkassiert

          An diesem Montag wird wohl nur eine politische Vereinbarung zur Rettung der spanischen Banken über die EFSF abgeschlossen und der endgültige Vertrag über einen Hilfskredit für Spanien erst Ende Juli. Damit ist nicht absehbar, wann die Verkettung von Banken- und Staatsrisiko gebrochen werden könnte, die die Anleger so beunruhigt. Auch die Hoffnung der Märkte, der ESM werde - wie vereinbart - möglicherweise direkt am Primärmarkt für periphere Staatsanleihen mitbieten, zerschlug sich, nachdem die Politik zurückruderte und es hieß, dies sei nur im Notfall mit Auflagen möglich.

          Finnland wehrt sich komplett gegen die Vorstellung. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, distanzierte sich von etwaigen Anleihekäufen oder einer Finanzierung des ESM zu entsprechenden Käufen. Die geldpolitischen Hilfen der Zentralbanken wurden daher von den Märkten sang- und klanglos einkassiert, vor allem die erwartete Zinssenkung der EZB und die ratlose Aufstockung der Quantitativen Lockerung der Bank von England von 325 auf 375 Milliarden Pfund.

          Warum die Manöver? Draghi betonte, dass sich der Ausblick der Konjunktur in der Währungsunion eindeutig verschlechtert habe. Vergangene Woche zeigte sich mit dem amerikanischen Arbeitsmarktbericht, dass nicht nur die Konjunktur in Europa flau vor sich hin dümpelt und die Peripherie nicht aus ihrer Rezession herauskommt, sondern dass sich der amerikanische Arbeitsmarkt nicht so erfreulich entwickelt wie gedacht. Die Arbeitslosenquote stagnierte im Juni bei 8,2 Prozent, und in der Privatwirtschaft wurden so wenig neue Arbeitskräfte eingestellt wie in 10 Monaten nicht mehr. Anfang dieser Woche werden Daten aus China zeigen, dass dort das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal wohl deutlich unter die Jahresrate von 8 Prozent gesunken ist. Auch dort hat die chinesische Zentralbank vergangene Woche die Zinsen gesenkt, und zwar das zweite Mal innerhalb eines Monats.

          In der Peripherie dreht das Bild

          Die flaue Weltkonjunktur dürfte dafür sorgen, dass die jetzt beginnende Berichtssaison der Halbjahresergebnisse amerikanischer Unternehmen nur wenige positive Überraschungen bereithält. Die Konjunkturschwäche und die Aufwertung des Dollar werden die Erträge gedämpft haben. Der niedrigere Ölpreis und rückläufige Rohstoffpreise sind zwar gut für die Gewinnmargen. Aber die Zeit ist vorbei, als amerikanische Aktien eindeutig bevorzugte Wahl der Investoren waren. Der Aktienindex Standard & Poor’s 500 schloss die Woche mit einem Minus von 1 Prozent und der deutsche Aktienindex Dax um 1,9 Prozent schwächer bei 6410 Punkten.

          Positiv ist indessen, dass sich ganz langsam das Bild in der Peripherie dreht. Während Spanien seine fiskalpolitischen Vorgaben wegen der starken Rezession dieses Jahr deutlich verfehlen dürfte und in Griechenland und Portugal nur marginale Fortschritte zu erkennen sind, kehrte Irland mit der Emission von kurz laufenden Papieren an den Kapitalmarkt zurück. Seine Strukturreformen und seine fiskalpolitische Konsolidierung laufen nach Plan, was zeigt, dass hier die internationale Hilfe durchaus gerechtfertigt war.

          Allerdings hatte Irland auch andere Voraussetzungen, denn der Staat hatte vor der Finanzkrise gut gewirtschaftet, war aber von der Bankenkrise des für das kleine Land überproportional großen Sektors in den Abgrund gezogen worden. Irland hofft, auf dem Treffen der Eurogruppe ansprechen zu können, ob und wie ein Teil seiner Bankenrettung von 63 Milliarden Pfund so ausgerichtet werden kann, dass die Staatsrettung des privaten Bankensektors nicht dauerhaft komplett auf die Schuldenquote des Landes angerechnet wird.

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