https://www.faz.net/-gv6-8c41i

Anlagestrategie : Kaufen Sie jetzt keine Aktien!

Für Aktien braucht es derzeit ein bisschen Glück. Bild: Reuters

Der Dax ist unter 10.000 Punkte gefallen. Lohnt sich jetzt der Einstieg? Eher nicht!

          3 Min.

          Der Start ins Börsenjahr 2016 hätte kaum schlechter sein können. Um fast vier Prozent ist der F.A.Z.-Index in dieser Woche gefallen, er bildet mit 100 Werten den deutschen Aktienmarkt breit ab. Bei einem Stand von 2047 Punkten sind die im Oktober und November aufgelaufenen Kursgewinne großteils wieder aufgezehrt. Die Tendenz geht in Richtung des Septembertiefs unterhalb von 2000 Punkten. Der Dax ist am Donnerstag mit aktuell 9900 erstmals seit September wieder unter 10.000 Punkte gefallen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Derzeit spricht nicht viel dafür, jetzt Aktien zu kaufen. Das beginnt damit, dass die Stimmung in puncto China derzeit eher noch schlechter zu werden scheint. Dabei bezieht sich das nicht so sehr auf die Kursentwicklung an den Pseudo-Börsen in Schanghai und Shenzhen als auf die Unsicherheiten hinsichtlich der weiteren Entwicklung des Yuankurses und der chinesischen Wirtschaft im allgemeinen.

          Der Umbau des chinesischen Wachstumsmodells – weg von einer Industrie- hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft – sei mit schmerzhaften Anpassungsprozessen verbunden, schreibt Martin Moryson, Chefvolkswirt der Bank Sal. Oppenheim. Zusammen mit der teilweise ungeschickten Kommunikation der chinesischen Administration könnten sich daraus Rückschläge für die Weltwirtschaft ergeben mit der Folge weiter sinkender Rohstoffpreise und geringerem Wachstum derjenigen Schwellenländer, die enge Handelsbeziehungen zu China pflegten.

          Dabei ist es nicht so, dass sich Europa derzeit in der besten Verfassung präsentiert. Ein Austritt Großbritanniens aus der EU und auch das Auseinanderdriften der Gemeinschaft in der Flüchtlingsfrage, zeigen einen Kontingent am Scheideweg.

          Dax in schlechter Verfassung

          Auch technische Analysten sind skeptisch. Die zunehmende Eintrübung der vergangenen Monate finden ihren Niederschlag im Kursbild des Dax. Der Abgabedruck sei groß, das Potential für Erholungen relativ klein und mittlerweile seien sämtliche Trends, ob kurz-, mittel- oder langfristig,  negativ, schreibt Christian Schmidt, Technischer Analyst bei der Helaba, für den „noch deutlich tiefere Kursniveaus auf der Agenda stehen“.

          Auch Hans-Peter-Reichhuber von der Bayern LB zeigt sich pessimistisch. Mittel- bis langfristig sei die entscheidende Frage, ob die 2009 begonnene Aufwärtsbewegung noch weitergehen könne. Dafür sprächen zwar die weit überdurchschnittlichen Barreserven der Investmentfonds und der Mangel an attraktiven Anlagealternativen. Allerdings sei der Dax zuletzt stark überkauft gewesen und müsse ohne den Rückenwind eines vierten Quartals auskommen. Zudem seien die Investmentfonds in europäischen Aktien schon stark übergewichtet.

          Zudem sei die Hausse recht alt und dies deute an, dass sie sich in ihrem Spätstadium befinden könnte. Kurzfristig sei der Dax zuletzt unter diverse, zuvor überwundene Widerstände abgerutscht. Seit April befinde er sich im Abwärtstrend und habe zuletzt eine Reihe von Unterstützungen gebrochen.

          Auch ein einfacher Blick auf das langfristige Kursbild lässt wenig Gutes erahnen. Der Kursanstieg seit 2009 zeigt ein ähnliches Bild wie die Zyklen von 2003 bis 2008 und 1995 bis 2003. Im ersteren Fall bleiben zum Ende des Zyklus von einer Vervierfachung des Dax‘ knapp ein Drittel übrig, im zweiten Fall gerade einmal 5 Prozent. Derzeit sind immer noch 70 Prozent der Kursgewinne seit 2009 übrig. Dies zeigt das Potential einer zyklischen Baisse.

          Allerdings gab es zu Beginn der 2000er Jahre und auch 2008 noch besser Anlagealternativen. Sollte jedoch eine Baisse auf dem Anleihenmarkt beginnen, so könnten sich Alternativen auftun. Allerdings spricht dagegen, dass derzeit eine echte Zinswende gerade in Europa nicht absehbar ist. Die aktuellen Entwicklungen stellten aber auch die geplanten vier Zinserhöhungen der amerikanischen Notenbank Fed in Frage, so Elwin de Groot, Volkswirt bei der niederländischen Rabobank. Dies sei nicht zuletzt deswegen der Fall, weil der geldpolitische Rat die Strategieänderung wohl nur mit knapper Mehrheit beschlossen hatte.

          Börsenkrach nicht absehbar

          Insofern zeichnet sich auch kein Börsenkrach ab und das ist die gute Nachricht. An Gewinnmitnahmen ist zwar noch niemand arm geworden, aber um panisch Aktien abzustoßen, scheint es zu früh zu sein. Nicht zuletzt ist die technische Verfassung des Nebenwerteindex MDax deutlich besser, der seit April eine allenfalls leicht negative Tendenz aufweist.

          Für kurzfristige Spekulationen jenseits des Zockens ist die Situation gleichfalls nicht günstig, weil mögliche Impulsgeber nicht zu sehen sind. Eine Belebung durch sinkende Leitzinsen scheint kaum noch möglich und die Bewertung des Dax liegt mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 12 im historischen Durchschnitt. Damit sind die Aktien derzeit zwar nicht teuer, aber eben auch nicht unterbewertet.

          Hält das Septembertief bei 9550 Punkten in den kommenden Wochen, so könnte sich die Situation auf kurze Sicht verbessern. Das gilt auch dann, wenn bei weiteren Kursrückgängen die Marke von 9000 Punkten hält. Vor allem aber sollte sich die Entwicklung des Yuan beruhigen und mehr Klarheit über die Wechselkurs- und Wirtschaftspolitik Chinas eintreten. Vor allem dies könnte zu einer Beruhigung beitragen. Doch bis dahin heißt es noch: abwarten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Meint, er werde falsch dargestellt: Claas Relotius.

          Relotius geht gegen Moreno vor : Der Fälscher will richtigstellen

          „Erhebliche Unwahrheiten und Falschdarstellungen“? Der als Fälscher überführte frühere „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius geht juristisch gegen Juan Moreno und dessen Buch „Tausend Zeilen Lüge“ vor. Was will Relotius?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.