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Bankenkrise in Portugal : Europas Finanzmärkte schalten wieder auf Krise um

Neue Bankenkrise in Portugal: Hinweise auf finanzielle Schwierigkeiten der Espirito-Santo-Gruppe kamen schon vor Monaten auf. Bild: REUTERS

Die besorgniserregenden Entwicklungen rund um die portugiesische Bank Espirito Santo setzen den Märkten zu. Die Aktienkurse fallen, Gold verteuert sich.

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          Die Sorgen um die weitere konjunkturelle Entwicklung und den Zustand der portugiesischen Bank Espirito Santo haben den Märkten am Donnerstag zugesetzt. Der Handel in Aktien der Lissaboner Bank wurde am frühen Nachmittag nach einem Kurssturz von fast 20 Prozent ausgesetzt. Einer der großen Aktionäre der Bank, die Holdinggesellschaft Espirito Santo International, hatte zuvor Zinsen auf kurzfristige Schulden nicht vollständig bezahlt. Es wird befürchtet, dass die Schwierigkeiten des Großaktionärs auf die Bank ausstrahlen können.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gerald Braunberger

          Der Euro Stoxx 50 gab zeitweise um mehr als 2 Prozent auf 3130 Punkte nach. Der europäische Branchenindex für Banken sackte vorübergehend um 4 Prozent ab. Der Dax verlor im Handelsverlauf fast 2 Prozent und ging 1,5 Prozent schwächer mit 9659 Punkten aus dem Handel. Am Montag stand der Index noch auf mehr als 10.000 Punkten; die Wochenverluste summieren sich somit auf bald 4 Prozent. Gold verteuerte sich um gut ein Prozent auf 1338 Dollar je Feinunze (31 Gramm).

          Am Donnerstag sorgten unter anderem schwache Konjunkturdaten aus China und Japan für Verunsicherung. So waren die Maschinenbauaufträge in Japan im Mai im Monatsvergleich um ein Fünftel gefallen und damit so stark wie nie zuvor. Analysten hatten im Durchschnitt ein Plus von 0,7 Prozent erwartet. In China enttäuschte das Exportwachstum abermals. Statt der erwarteten gut 10 Prozent stiegen die Ausfuhren im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat nur um gut 7 Prozent. Die chinesische Regierung bemerkte dazu, es bedürfe nun „enormer Anstrengungen“, um das für dieses Jahr in Aussicht gestellte Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent noch zu erreichen.

          Schon am Mittwoch hatten die Inflationsdaten aus China die Börsianer beunruhigt. Die Jahresrate war im Juni auf 2,3 Prozent gefallen – die Zielmarke beträgt 3,5 Prozent. Die Produzentenpreise waren zudem den 28. Monat in Folge rückläufig. Einige Marktteilnehmer versuchten die Daten ins Positive zu wenden und verwiesen auf die nun größeren Spielräume für geldpolitischen Maßnahmen. Es überwogen jedoch die Sorgen, dass das weltwirtschaftliche Zugpferd China schwächeln könnte.

          Innerhalb Europas wird die Rolle des Zugpferdes Deutschland zugeschrieben und auch hier mehren sich die Enttäuschungen. Das Bundeswirtschaftsministerium gelangte in seinem am Mittwoch veröffentlichten Monatsbericht zu der Einschätzung, dass die „schwache Frühjahrsbelebung und geopolitische Unwägbarkeiten die Wirtschaftsentwicklung dämpfen“. Das Wachstum werde sich im zweiten Quartal merklich abschwächen. Zuletzt waren die Daten für den Mai zur Industrieproduktion, den Auftragseingängen, den Exporten und den Einzelhandelsumsätzen jeweils deutlich schlechter ausgefallen als erwartet. Auch einige Unternehmen mussten ihre Wachstumsziele deutlich reduzieren.

          „Angesichts der Gewinn- und Wirtschaftsentwicklung müssten wir eher in einem Bärenmarkt sein“, sagt Tim Albrecht, Fondsmanager des DWS Deutschland. „Aktuell drängen sich kaum Werte für einen Kauf auf.“ Die Umsätze im Aktienhandel seien eines Bullenmarktes nicht würdig. „Vor fünf Jahren war es schwierig, in Nebenwerte zu investieren, weil keiner mehr bereit war, die Aktien zu verkaufen. Die Kurse waren gefühlt unten“, sagt Albrecht. „Seit einigen Monaten reduzieren wir nun Nebenwerte in unserem Fonds, da sie relativ hoch bewertet sind und sich Gewinnmitnahmen aufdrängen, aber es finden sich nur wenige Käufer. Es mangelt an Liquidität. Der Markt im Nebenwertebereich erscheint überhitzt.“ Einen Grund zur Sorge erkennt Albrecht darin jedoch nicht. „Wir halten Aktien solange für eine gute Halteposition, wie sich keine interessanten Alternativen auftun, und die sind derzeit weit und breit nicht in Sicht.“

          Sorgen um Espirito Santo

          Neben den Konjunktursorgen verunsicherte am Donnerstag das Geschehen um die Entwicklung im Reich der portugiesischen Familie Espirito Santo. Die Familie besitzt zahlreiche Unternehmensbeteiligungen, darunter über eine Holding auch rund ein Viertel der Anteile an der zweitgrößten portugiesischen Geschäftsbank Banco Espirito Santo. Bis vor kurzem hatte die Familie die Bank noch kontrolliert; doch wurde auf Druck der Regierung ein familienfremder Manager an die Spitze der Bank berufen. Trotzdem gibt es Befürchtungen, die wirtschaftliche Krise in anderen Bereichen des Reiches der Familie Espirito Santo könnten sich nachteilig auf die Bank auswirken, die erst vor kurzem erfolgreich ihr Kapital erhöht hatte.

          Die auf mehrere Zweige verteilte Familie Espirito Santo hält ihre Beteiligungen, darunter einen Anteil an Portugal Telecom, in einer Kaskade von Holdinggesellschaften. Die gesamte Konstruktion ist nicht sehr transparent. Im Mai kam eine Buchprüfung zum Ergebnis, dass sich eine Holdinggesellschaft, die Espirito Santo International (ESI) in einer „ernsthaften finanziellen Situation“ befindet.

          In den vergangenen Tagen berichteten Medien, die ESI habe nicht alle Zinszahlungen auf Verbindlichkeiten geleistet und erwäge eine Insolvenz, sofern Verhandlungen mit wichtigen Gläubigern scheitern sollten. Nach Gerüchten soll die Holding mit 7 Milliarden Euro verschuldet sein. Die Kurse von Anleihen und Aktien verschiedener Gesellschaften aus dem Umfeld der Familie Espirito Santo, darunter auch der Bank, gerieten daraufhin unter Druck.

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