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Kurstief : Banken werden zu Prügelknaben der Wall Street

  • -Aktualisiert am

Trotz Milliardengewinnen laufen den Banken die Aktionäre davon. Bild: dpa

Ihre Aktienkurse fallen gerade besonders stark. Dabei scheinen die faulen Kredite der Energiebranche, für die zahlreiche Banken Rückstellungen bilden mussten, noch beherrschbar.

          Amerikanische Banken verdienen nach den Krisenzeiten der vergangenen Jahre wieder Milliarden von Dollar – in krassem Gegensatz zur Deutschen Bank, die in der vergangenen Woche einen Rekordverlust beichtete. Dennoch gehören Banken in Amerika derzeit zu den größten Prügelknaben, sowohl im Präsidentschaftswahlkampf als auch an der Börse. Unter den Kandidaten aller Parteien sind geschäftliche Beziehungen zur Wall Street beliebte Argumente, um Konkurrenten zu diskreditieren.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Bei den Demokraten lässt Bernie Sanders, Senator des Bundesstaates Vermont, keine Gelegenheit aus, der ehemaligen Außenministerin Hillary Clinton Redehonorare und Spenden vorzuhalten, die sie von Instituten wie Goldman Sachs erhalten hat. Bei den Republikanern stichelt Immobilienmagnat Donald Trump gegen den texanischen Senator Ted Cruz, weil der große Darlehen von Goldman und der Citigroup nicht offengelegt hatte.

          An der Börse sackten die Aktienkurse großer Banken in den ersten Wochen des Jahres überdurchschnittlich stark ab, obwohl viele das profitabelste Jahr seit der Finanzkrise hinter sich haben und auch die Prognosen für das vierte Quartal weitgehend übertroffen hatten. Der KBW Nasdaq Bank Index, ein vielbeachtetes Branchenbarometer, hat in den ersten drei Wochen des Jahres um knapp 15 Prozent an Wert verloren – mehr als doppelt soviel wie der breitgefasste Marktindex S&P 500, der zuletzt um fast 7 Prozent im Minus notierte.

          „Es ist nicht so wie 2006 oder 2007“

          Die Kurse einzelner Großbanken wie der Bank of America oder die Citigroup sackten trotz der Milliardengewinne im vierten Quartal sogar um jeweils rund 20 Prozent ab – fast so stark wie der Kurs der Deutschen Bank, die aufgrund neuer Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten einen überraschend hohen Jahresverlust von fast 7 Milliarden Euro meldete. Spitzenmanager fanden keine Erklärung für die dramatischen Rückschläge. „Wir konzentrieren uns auf unser Geschäft, und die Märkte müssen tun, was Märkte tun müssen“, sagte Paul Donofrio, Finanzvorstand der Bank of America.

          Als ein Grund für die ungewöhnlich heftigen Kursverluste gelten Kredite, die Banken an die Energiebranche vergeben haben. Erdölhersteller stehen angesichts der gefallenen Rohölpreise unter Druck. Zahlreiche Banken erhöhten deswegen ihre Rückstellungen für potentielle Kreditausfälle, was die Gewinne schmälert. Die Finanzchefin von Marktführer JP Morgan Chase, Marianne Lake, bezeichnete die Öl- und Gasbranche als „größten Stressbereich“ und stellte weitere Rückstellungen in Aussicht.

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          Analysten scheinen sich aber einig, dass diese Kredite nicht die gleiche Bedrohung darstellen wie vor einigen Jahren die vielen an überschuldete Hauskäufer vergebenen Hypotheken, die schließlich die große Finanzkrise ausgelöst hatten. Zudem haben Banken unter Druck der Aufsicht ihre Kapitalpuffer erhöht, um etwaige Verluste abzufedern. Bei den großen Banken entfallen zwischen 1 Prozent und 6 Prozent der gesamten Darlehen auf Energiekredite, schätzt Analyst Paul Miller von der Investmentbank FBR. „Das wird sie nicht umbringen. Es ist nicht so wie 2006 oder 2007“, also in den Jahren vor der Krise. Auch Michael Mayo vom Wertpapierhaus CLSA, der bisher als scharfer Branchenkritiker galt, bezeichnete die Banken angesichts ihrer Kapitalausstattung als „sicheren Hafen“ in der aktuellen Lage. „Banken könnten alle Energiekredite abschreiben und hätten immer noch mehr Kapital als vor der jüngsten Krise“, sagte Mayo.

          „Es ist keine Frage, dass es ein hartes Jahr werden wird“

          Da Anleger aber auf die zukünftige Geschäftsentwicklung von Unternehmen wetten, signalisieren die herben Kursverluste Unwägbarkeiten, die über gestiegene Ausfallreserven hinausgehen. Nach Angaben von Bloomberg kalkulieren Analysten für 2016 mit einer stagnierenden Gewinnentwicklung der fünf größten Banken – gleichwohl auf dem hohen Niveau von 70 Milliarden Dollar. Nur bei Goldman Sachs und der Bank of America halten sie eine Gewinnsteigerung für möglich. „Es ist keine Frage, dass es ein hartes Jahr werden wird“, sagt Analyst Mayo. Anleger hatten zuletzt darauf gehofft, dass Banken von steigenden Zinsen profitieren werden. Die Notenbank Fed hatte die Leitzinsen im Dezember nach der jahrelangen Nullzinsphase erstmals wieder leicht angehoben. Für Banken ist das positiv, weil dadurch ihre Zinseinnahmen steigen. Angesichts unsicherer Prognosen für die Konjunktur wegen des nachlassenden Wirtschaftswachstums in China fragen sich Anleger aber, ob die Fed die Zinsen wie bislang geplant weiter sukzessive erhöhen wird.

          Die amerikanischen Banken haben im vergangenen Jahr auch stark von Kostenkürzungen profitiert. Insgesamt sind Sparprogrammen mehr als 20.000 Arbeitsplätze zum Opfer gefallen. Das gilt als schwer wiederholbar. „Ich glaube nicht, dass es auf der Kostenseite einen Zauberstab gibt“, sagte Charles Peabody von der Analysegesellschaft Portales. Voraussetzung für eine Erholung der Bankaktien scheint einzig ein robusteres Wirtschaftswachstum zu sein. Aktienhändler Jesse Lubarsky von der Investmentbank Raymond James: „Wir brauchen eine stärkere Konjunktur, wir brauchen wachsende Kredite, und die Zinsen müssen weiter steigen.“

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