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Wertpapiertransaktionen : Banken ringen um aktive Anleger

  • -Aktualisiert am

Der Bulle vor der Börse in Frankfurt steht für steigende Kurse - die Anleger misstrauen ihm. Bild: Bernd Kammerer

Nicht einmal eine Wertpapiertransaktion macht der Deutsche im Durchschnitt im Jahr. Kein Wunder, dass der Kampf um diejenigen, die viele Trades am Tag machen, groß ist.

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          Selbst die auf „Heavy Trader“ spezialisierte Sino AG kann noch überrascht werden. „Erstmals hat ein Kunde den Wunsch geäußert, dass wir für ihn einen eigenen Server direkt an der Börse plazieren“, sagt Gründer und Vorstand Ingo Hillen. „Das machen wir natürlich auch für ihn.“ Die Sino AG bezeichnet sich als Marktführer in einem ganz speziellen Bereich des Kapitalmarkts. „20 Transaktionen im Monat sind nett, aber das sind keine wirklichen Heavy Trader“, sagt Hillen. Sein Unternehmen bietet Dienstleistungen für Kunden, die auch mal 10 Wertpapiertransaktionen in einer Minute durchführen wollen und mindestens Hunderte, wenn nicht sogar Tausende im Monat. „Die Leute verzocken dabei nicht ihr Geld, sondern der weit überwiegende Teil macht dabei gute Gewinne“, sagt Hillen. Für sein Unternehmen ist das kein schlechtes Geschäft. Rund 1000 Euro erlöst Sino durchschnittlich pro Kunde im Monat. Derzeit gibt es gut 450 Kunden.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Der durchschnittliche Deutsche ist von solch einer regen Handelstätigkeit weit entfernt. Bei gut 80 Millionen Einwohnern gibt es nach Angaben der Deutschen Bundesbank nur knapp 25 Millionen Depots. Die Zahl der Wertpapiertransaktionen im Jahr beläuft sich auf etwa 50 Millionen. Die meisten Anleger handeln also kaum oder gar nicht. Die aktiven Anleger sind um so umkämpfter, zumal viele Banken mittlerweile keine Depotgebühren mehr erheben und allein daran verdienen, dass der Anleger möglichst oft Wertpapiere kauft und verkauft. Die Experten des S-Brokers, des Online-Brokers der Sparkassen, gehen von etwa 400000 aktiven Tradern in Deutschland aus, die wenigstens 18 Transaktionen im Jahr ausüben. Bislang machen von den 135000 Kunden des S-Brokers nur 10500 mehr als 18 Transaktionen im Jahr. „Unser Ziel ist es, die Transaktionshäufigkeit der Anleger zu erhöhen“, sagt Thomas Pfaff, Vorstandsvorsitzender des S-Brokers. „Deswegen sind diese Wertpapieranleger aber keine Zocker, sondern kommen aus der Mitte der Gesellschaft.“

          Viele sehen es als Beitrag zur Altersvorsorge

          Der S-Broker hat seine aktiven Anleger nach ihren Motiven gefragt. Daraus ergibt sich das Bild gut informierter Selbstentscheider mit Interesse am Kapitalmarkt. Viele sehen ihr Tun an der Börse als Beitrag zur Altersvorsorge. Die meisten geben an, regelmäßig eine positive Rendite zu erzielen und sich ihrer Emotionen bei der Geldanlage bewusst zu sein und diese auch im Griff zu haben. Für den Großteil liegt der zeitliche Aufwand für das Handeln an der Börse bei weniger als einer Stunde am Tag.

          Um mehr Kunden zu aktiveren Anlegern zu machen, bietet der S-Broker ungefähr jeden zweiten Tag Webinare an, also im Internet übertragene Informationsveranstaltungen für Anleger. „Wir decken hier die komplette Bandbreite vom Anfänger bis zum Experten ab“, sagt Pfaff. Mehr als 11000 Teilnehmer verzeichnet der S-Broker dabei im Jahr. Dazu kommen Präsenzveranstaltungen mit Anlegern, unter anderem ein Breakfast-Trading. Auch Veranstaltungen mit den erfolgreichsten Tradern werden angeboten. „Der interaktive Dialog ist extrem wichtig, auch um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen“, sagt Pfaff. Gerade der Dialog der Kunden untereinander werde zudem gefördert. Im Erfolg von Angeboten wie Wikifolio kommt zur Geltung, dass sich viele Anleger untereinander vertrauen. Bei Wikifolio können Anleger die Handelsstrategien anderer als Zertifikat kaufen. „Natürlich steht die Ernsthaftigkeit bei der Geldanlage im Vordergrund, wenn die Wertpapieranleger dabei aber auch Spaß haben, handeln sie mehr.“ Pfaff hält dies für einen Wachstumsmarkt. „Die Zahl der Selbstentscheider, die einfach und schnell online oder mobil handeln wollen, nimmt massiv zu.“

          Kampf um sehr aktive Anleger ohne große Direktbanken

          Zuletzt ist im Herbst mit Degiro ein weiterer Anbieter auf den umkämpften Markt getreten. Die Niederländer wollen mit Kampfpreisen schnell 10 bis 20 Prozent Marktanteil erreichen. Für die Anleger ist dieser Wettbewerb hoch attraktiv. Seit vor gut 20 Jahren mit der Direkt Anlage Bank (DAB) der erste Online-Broker auf den Markt trat und bald darauf Consors folgte, sind die Depotgebühren und auch die Entgelte für Transaktionen drastisch gesunken. Dazu können die Anleger auf eine Vielzahl von Anwendungen zurückgreifen, um ihr Depot zu beobachten, zu analysieren und Werkzeuge für die technische Marktanalyse zu benutzen, die vor Jahren nur institutionellen Großanlegern vorbehalten waren. Auch die Handelsmöglichkeiten stehen denen der Großanleger kaum nach. Auch Privatanleger können mit Echtzeitkursen mittlerweile sehr schnell und günstig handeln.

          In den Kampf um die bislang wenigen sehr aktiven Anleger mischen sich die großen Direktbanken kaum ein. Die ING-Diba, mit 950.000 Depots nach eigenen Angaben Marktführer unter den Direktbanken in Deutschland, sieht sich als Anbieter für alle Privatanleger, die handeln wollen, bewirbt die sehr aktiven Anleger aber nicht speziell. Auch von der Comdirect heißt es, die aktiven Anleger seien eine interessante Gruppe, die man gerne als Kunden habe, sie stünden aber nicht im Fokus. Gleichwohl bietet Comdirect ein spezielles Segment für aktive Kunden mit Rabattaktionen.

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