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Balkan : Börsen kommen nicht richtig auf die Beine

  • Aktualisiert am

Bild: Bloomberg, locale Börsen, Qimco, Performance-Angaben in Euro

Nirgendwo auf der Welt notieren die Kurse soweit entfernt von ihren Rekorden wie an den Börsen der Ex-jugoslawischen Nachfolgestaaten. Und obwohl sich vor Ort viele Schnäppchen finden, kommen diese Aktienmärkte auch 2010 nicht auf trab.

          Die Party, welche die Börsen der Ex-jugoslawischen Nachfolgebörsen bis in das Frühjahr 2007 hinein gefeiert haben, war kurz aber exzessiv. Speziell in der Endphase der damaligen Hausse stiegen die Kurse teilweise so schnell, dass man den Eindruck hatte, am nächsten Tag gäbe es keine Aktien mehr die sich kaufen lassen.

          Doch spätestens ab dem Sommer 2007 war die Feierlaune dann dahin. Die Kurse konnten nicht mehr nachlegen und danach ging es mit den Notierungen so steil nach unten wie kaum sonst irgendwo auf der Welt. Im Schnitt erlitten die Aktienmärkte in Kroatien, Serbien, Bosnien, Montenegro, Mazedonien und Slowenien dabei Verluste zwischen 70 und 95 Prozent.

          Und während es einigen Schwellenländern in der Zwischenzeit sogar gelungen ist, wieder auf neue Rekordhochs vorzudringen, dümpeln die Märkte auf dem Balkan noch immer mehr oder weniger vor sich hin. Selbst im Vorjahr als fast alle Weltbörsen haussierten, ging es teilweise nur begrenzt nach oben mit den Notierungen.

          Zahlreiche Negativfaktoren führen zu der schwachen Performance der Börsen

          Erklären lässt sich die vorherrschende Tristesse mit mehreren Gründen. So waren die Bewertungen am Beginn der Baisse einfach so hoch, dass es keinen Grund gab für neue Investitionen. Als sich das dann wieder auf ein Normalmass eingependelt hatte, kam die Kreditkrise dazwischen. Diese traf die Region mit einer besonderen Wucht. Zum einen deshalb, weil man für einen dynamischen Aufschwung auf Kapitalzuflüsse auf dem Ausland angewiesen ist, diese im Zuge der Krise aber versickerten. Zum anderen wiesen die Volkswirtschaften große Ungleichgewichte auf, etwa in Form von Leistungsbilanzdefiziten und zusammen mit hohen Fremdwährungskrediten auf Seiten der Unternehmen und der Verbraucher führte das ökonomisch aufs Abstellgleich. Serbien war deswegen sogar gezwungen die Hilde des Internationalen Währungsfonds in Anspruch zu nehmen.

          Als dann später die Weltbörsen die Kreditkrise zu überwinden begannen, konnten die lokalen Börsen davon ebenfalls nur wenig profitieren. Verantwortlich dafür ist eine im Vergleich zu anderen Emerging Markets nach wie vor fehlende konjunkturelle Dynamik. Außerdem machte die krisengeplagte Region in den vergangenen Jahren auch immer wieder mit innenpolitischen Problemen negative Schlagzeilen. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die Reibereien der Serben mit dem unabhängig gewordenen Kosovo oder die fehlenden Fähigkeit der zahlreichen Volksgruppen in Bosnien an einem Strang zu ziehen.

          Zuletzt kam als weitere Bürde auch noch die Griechenland-Krise hinzu. Joachim Waltl, Fondsmanager des Qimco Balkan Equity Fonds sieht deswegen zwar nur begrenzte negative Konsequenzen für die Region. Aber die Tatsache, dass griechische Unternehmen und Banken auf dem Balkan in den vergangenen Jahren eine der wichtigste Investorengruppe waren, dürfte dazu führen, dass viele Marktteilnehmer mit Bremsspuren rechnen.

          Aus einem Bewertungsaufschlag ist ein Abschlag geworden

          Ein echtes Problem stellen zudem die geringe Größe dieser Märkte und die niedrigen Börsenumsätze dar. So wurden am Freitag in Serbien nur Aktien im Wert von rund 520.000 Euro gehandelt. Das ist so wenig, dass es für institutionelle Anleger schwierig ist, dort überhaupt Positionen aufzubauen. „Die Marktzugänge sind häufig noch immer relativ beschwerlich, beklagt sich Berenberg Bank-Fondsmanager Peter Reichel.

          Wer sich von solchen Hürden nicht abschrecken lässt, der findet nach dem Kursverfall inzwischen aber immerhin teilweise extrem günstig bewertete Unternehmen. Waltl fühlt sich in seiner Haut als Stockpicker dank der tiefen Bewertungen jedenfalls sehr wohl in seiner Haut. „2007 wiese die Balkan-Börsen eine Bewertungsprämie zu anderen osteuropäischen Märkten von 20 bis 25 Prozent auf. Daraus ist jetzt teilweise ein Abschlag von bis zu 50 Prozent geworden.“

          Zugkräftige Kurskatalysatoren lassen auf sich warten

          Trotzdem hat es an den Ex-jugoslawischen Börsen bisher nur zur Ausbildung eines entweder langgezogenen Seitwärtstrend oder einen zaghaften Aufwärtstrend gereicht. Und selbst Waltl als Befürworter der Region befürchtet, dass es ohne einen Anstoß von Außen kurzfristig schwierig werden dürfte mit einem fulminanteren Kursanstieg.

          Die Hoffnungen der Optimisten gründen zumeist auf einer baldigen EU-Annäherung der Region. Allen voran wird vor allem Kroatien als nächster Kandidat gehandelt, der vielleicht schon 2012 der EU beitreten könnte. Die Skepsis darüber, wie sich die derzeit instabile Verfassung der EU als Ganzes auf den EU-Beitrittsfahrplan für die Balkan-Staaten auswirken wird, lässt aber auch dieses Argument kurzfristig nicht als Kurskatalysator tauglich erscheinen.

          Damit bleibt als Hoffnung die Annahme, dass es mittelfristig zu einer Annäherung der Lebensstandards in der EU kommen wird und die Ex-jugoslawischen Staaten haben in dieser Hinsicht noch großen Nachholbedarf. Zusammen mit der günstigen Bewertung ist das wohl der überzeugendste Kaufgrund. Ziehen wird dieses Argument aber erst dann, wenn die zahlreichen Bedenken gegenüber der Region nachlasse und es den Ländern gelingt, mit einer wieder größeren konjunkturellen Dynamik zu punkten.

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