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Automobile : Aufschwung der Sachsenring-Aktie ohne Basis

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Konnte Sachsenring dereinst auch nicht retten: Hybridauto UN1 Bild: picture-alliance / dpa

Sachsenring ist gerettet - das ist die gute Nachricht. Doch die immer noch börsennotierte Konkurs-Aktie hat davon nichts. Das ist die schlechte Nachricht für alle, die in den vergangenen Tagen auf das Papier spekuliert haben.

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          Manche Geschichten sind tragisch. Da gelingt es einem sozialistischen Parade-Unternehmen, dessen Produkte sowohl im eigenen als auch im westlichen Ausland immer gut für einen Witz waren (Warum haben einige Trabis eine heizbare Heckscheibe? Damit man beim Schieben warme Hände hat.), nach der Wende die Wende und wird dann erst in den Ruin gewirtschaftet.

          So geschehen bei der Trabantschmiede Sachsenring Automobiltechnik (SAG), die sich Anfang der neunziger Jahre als Automobilzulieferer behaupten konnte und als im Kerngeschäft gesundes sächsisches Paradeunternehmen galt.

          Ungeklärte Schuldfragen

          Der Ruin des Unternehmens, das einst vom Audi-Vater August Horch gegründet wurde, begann 1993, als das Brüderpaar Ulf und Ernst Wilhelm Rettinghaus das Unternehmen kaufte und nur vier Jahre später an die Börse brachte. Einem beinah fahrlässig agierenden Management und einer Firmenpolitik, die Anleger bisweilen an den Rand der Verzweiflung getrieben haben dürfte, wird die Hauptschuld am Niedergang des Unternehmens gegeben.

          Fankult: Sachsenring-Logo aus Trabis

          Vor allem eine offenbar planlose Übernahme- und Akquisitionspolitik sowie nicht absetzbare Produktentwicklungen hinterließen tiefe Spuren im Konzern. „An der Situation, in dem sich der Konzern aktuell befindet, ist zu über 95 Prozent die Geschäftsführung schuld“, kommentierte einst ein Branchenspezialist die Entwicklung von SAG.

          Ende Mai 2002 mußte das Unternehmen Insolvenz anmelden. Zum Zeitpunkt der Insolvenz war das Papier vom einstigen Emissionspreis bei 30,422 Euro bereits auf rund einen Euro abgestürzt. Das tägliche Handelsvolumen rutschte auf unter 10.000 Euro ab.

          Vorstandschef Ulf Rittinghaus warf indirekt der sächsischen Regierung vor, sie sei am Ruin zumindest mitschuldig. Rittinghaus suggerierte mehr oder weniger direkt, er sei zu Wahlkampfspenden und auch zur Übernahme des wenig erfolgreichen Zentrum für Mikroelektronik Dresden gedrängt worden. Ein Untersuchungsausschuß zu dieser Thematik stellte seine Arbeit ohne Ergebnis ein.

          Ehemalige Vorstände vor Gericht

          Anfang Januar wendete sich das Blatt in die andere Richtung: Die Staatsanwaltschaft Chemnitz erhob gegen Ulf und Ernst Wilhelm Rittinghaus sowie den dritten Vorstand Jürgen Rabe Anklage wegen vorsätzlicher Insolvenzverschleppung.Die Vorstände hätten von der Überschuldung der SAG gewußt, den Brüdern Rittinghaus wird zudem Bilanzfälschung und Untreue vorgeworfen.

          Ex-Vorstandssprecher Ulf Rittinghaus nannte laut der „Sächsischen Zeitung“ die Anklage einen „Griff in die Trickkiste der Politik, die mit uns noch eine Rechnung offen hat“. Laut Staatsanwaltschaft haben die Brüder Rittinghaus mit Scheinrechnungen
          einen unzutreffenden Konzerngewinn von damals 3,4 Millionen Mark ausgewiesen. Folge: 1998 und 1999 wurden an die Aktionäre - und damit auch an die Großaktionäre Rittinghaus - Dividenden von insgesamt 1,6 Millionen Mark ausgeschüttet. Tatsächlich habe das Unternehmen Verlust gemacht.

          Erst am Donnerstag wies das Oberlandesgericht Dresden die Berufung gegen ein Urteil des Landgerichts Zwickau wegen fehlender Erfolgsaussicht zurück, nach dem der Jahresabschluß 1999 und der darauf basierende Gewinnverwendungsbeschluß der Hauptversammlung für nichtig erklärt worden war.

          Kurskapriolen aus der Gerüchteküche

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