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Hochfrequenzhandel : Millionen in Millisekunden

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Michael Lewis, Flash Boys Bild: Campus Verlag

Hochfrequenzhändler an der Börse ziehen alle über den Tisch - sogar Privatanleger. Diese These vertritt Michael Lewis in seinem neuen Buch „Flash Boys“. Ein Auszug vorab.

          Bis zu dem Moment, an dem das amerikanische Finanzwesen zusammenbrach, konnte sich Brad Katsuyama einreden, dass er keinerlei Verantwortung für dieses System trug. Er war schließlich ein Angestellter der Royal Bank of Canada. Die RBC ist zwar das neuntgrößte Geldinstitut der Welt, doch mit der Wall Street wurde sie nur selten in Verbindung gebracht. Sie war stabil und für eine Bank vergleichsweise rechtschaffen, und schon bald sollte bekannt werden, dass sie der Versuchung widerstanden hatte, amerikanische Schrottanleihen zu kaufen und an ahnungslose Anleger zu verticken.

          Doch die Vorstände machten sich keine Vorstellung, wie unbedeutend ihre Bank in den Augen der amerikanischen Banker war, wenn diese überhaupt von ihrer Existenz wussten. Brad war schon 2002 im Alter von 24 Jahren für die RBC nach New York gegangen, als die Bank versuchte, in großem Stil an der Wall Street einzusteigen. Das Traurige war nur, dass kaum jemand etwas von diesem großen Moment mitbekam.

          Von der Börsenabteilung der RBC in One Liberty Plaza hatte man einen guten Ausblick auf den Abgrund, auf dem einst die Zwillingstürme des World Trade Center gestanden hatten. Als Brad in New York ankam, ließ die Bank noch Untersuchungen durchführen, um zu ermitteln, ob die Atemluft der Mitarbeiter belastet war. Irgendwann vergaßen sie, was gegenüber passiert war, und das Loch im Boden wurde zu einem Teil der Landschaft, die man sah, ohne sie bewusst wahrzunehmen.

          Die „Keine Arschlöcher“-Regel

          Während seines ersten Jahres an der Wall Street handelte Brad mit den Aktien amerikanischer Technologie- und Energieunternehmen. Er hatte ein paar abseitige Ideen zur Schaffung eines „perfekten Marktes“, wie er es nannte, und diese funktionierten so gut, dass ihm seine Vorgesetzten schon bald die Leitung über die aus gut zwanzig Händlern bestehende Wertpapierabteilung übertrugen. Die Abteilung funktionierte nach einem Prinzip, das die Mitarbeiter als „Keine Arschlöcher“-Regel bezeichneten: Wenn ein Bewerber zur Tür hereinkam und nach einem typischen Wall-Street-Arschloch klang, dann bekam er keine Anstellung, egal, wie viel Geld er für die Bank verdienen wollte.

          Wenn es einen Widerspruch zwischen Brad Katsuyamas Überzeugungen und seiner Tätigkeit gab, dann bemerkte er ihn nicht. Er nahm an, er könne an der Wall Street arbeiten, ohne dass sich dies auch nur im Geringsten auf seine Gewohnheiten, Vorlieben, Ansichten und Persönlichkeit auswirken würde. Und während der ersten Jahre an der Wall Street stimmte das auch. Er hatte Erfolg, weil er sich selbst treu blieb. „Seine Rolle bei der RBC in New York war klar“, sagt ein früherer Kollege. „Brad war der Goldjunge. Wir haben alle gedacht, dass er irgendwann mal die Bank leitet.“ Sein Leben lang hatte Brad Katsuyama dem System vertraut, und das System hatte im Gegenzug ihm vertraut. Kein Wunder, dass er nicht auf das vorbereitet war, was das System mit ihm anstellen sollte.

          Die Schwierigkeiten begannen im Jahr 2006, nachdem die Royal Bank of Canada für 100 Millionen Dollar eine Maklerfirma namens Carlin Financial aufgekauft hatte, die auf den elektronischen Börsenhandel spezialisiert war. Brad schien es überhastet, ein Unternehmen zu kaufen, ohne es zu kennen und ohne allzu viel vom elektronischen Börsenhandel zu verstehen. Seiner Ansicht nach hatten seine Vorgesetzten zu lange mit typisch kanadischer Bedächtigkeit auf die gewaltigen Umwälzungen auf den Finanzmärkten reagiert, doch als sie dann endlich tätig wurden, wirkte ihre Entscheidung wie eine Panikreaktion.

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