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Hochfrequenzhandel : Millionen in Millisekunden

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Das war ein Riesenproblem. Als Börsenhändler vermittelte Brad zwischen Investoren, die große Aktienpakete kaufen und verkaufen wollten, und den Märkten, auf denen kleinere Mengen gehandelt wurden. Nehmen wir an, ein Händler wollte drei Millionen Aktien von IBM verkaufen, während auf den Märkten lediglich eine Million Aktien nachgefragt wurden. In diesem Fall kaufte Brad das gesamte Paket, verkaufte eine Million Aktien auf einmal und setzte dann im Laufe der nächsten Stunden mit einigem Geschick die verbliebenen zwei Millionen Aktien ab. Aber wenn er den Markt nicht kannte, konnte er keinen Preis für das große Paket ermitteln. Er hatte dem Markt Liquidität zur Verfügung gestellt, doch nach allem, was nun auf seinen Bildschirmen passierte, verspürte er immer weniger Lust dazu. Da er das Risiko nicht mehr einschätzen konnte, wollte er es auch nicht mehr eingehen.

Immer einen Schritt voraus

Etwa im Juni 2007 ließ sich das Problem nicht mehr übersehen. Eine Computerfirma namens Flextronics aus Singapur kündigte an, einen kleineren Konkurrenten namens Solectron für knapp unter 4 Dollar pro Aktie zu kaufen. Die Börsen - die New York Stock Exchange und die Nasdaq - spiegelten den Markt. Nehmen wir an, der Preis stand bei 3,70/3,75, dann heißt das, man konnte eine Solectron-Aktie für 3,70 Dollar verkaufen und für 3,75 kaufen. Ein Großinvestor rief Brad an und wollte ein Paket von fünf Millionen Solectron-Aktien verkaufen. Das Problem war nur, dass zu diesem Preis lediglich eine Million Aktien nachgefragt wurden. Doch der Großinvestor bat Brad, das Risiko einzugehen und die übrigen vier Millionen ebenfalls zu verkaufen. Also kaufte Brad die Aktien zu 3,65 Dollar pro Stück und damit knapp unter dem Marktpreis.

Doch als er auf dem Bildschirm die Aktienkurse an der Börse sah, waren diese gefallen. Es war, als könnte der Markt seine Gedanken lesen. Statt das Paket wie erhofft zu 3,70 Dollar pro Stück zu verkaufen, konnte er nur einige Hunderttausend zu diesem Preis abstoßen und verursachte damit einen Mini-Kurssturz der Solectron-Aktie. Es war, als wüsste jemand, was er vorhatte, und reagierte, ehe er es ausgesprochen hatte. Er musste die vier Millionen Aktien zu einem Preis weit unter 3,70 Dollar verkaufen und verlor ein kleines Vermögen.

Was Brad zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ahnte: Irgendjemand war nicht nur in der Lage, seine Absicht zu identifizieren, bestimmte Aktien zu kaufen. Sondern dieser Jemand kaufte die Aktien auch noch vor ihm und verkaufte sie ihm dann zu einem höheren Preis weiter - binnen Sekundenbruchteilen. Jemand war ihm immer einen Schritt voraus. Später würde er erfahren, dass sich solche Leute wegen ihrer ultraschnellen Computer „Flash Trader“ nennen.

Händler über den Tisch gezogen

Brad bereitete all das Kopfzerbrechen. Als er mit Leuten von den Großbanken der Wall Street sprach, stellte er jedoch fest, dass es diesen kaum anders ging. „Ich war immer ein Händler gewesen, und als Händler sitzt man unter einer Glasglocke. Man schaut den ganzen Tag nur auf den Bildschirm. Aber jetzt habe ich zum ersten Mal anderen Händlern zugeschaut“, berichtet er. Ein guter Bekannter arbeitete bei einem Verwalter von großen Hedgefonds namens SAC Capital in Stamford, Connecticut. SAC Capital hatte den Ruf, dem Aktienmarkt immer einen Schritt voraus zu sein. Wenn ihm jemand etwas über den Markt erzählen konnte, das er nicht wusste, dann die Leute von dieser Investmentgesellschaft.

Also stieg Brad in den Zug nach Greenwich und schaute seinem Freund über die Schulter. Er sah sofort, dass sein Bekannter zwar die Technik von Goldman Sachs, Morgan Stanley und anderen Investmentbanken benutzte, dass er aber im Grunde vor demselben Problem stand wie die Händler der RBC: Die Bildschirme bildeten den Markt nicht mehr ab.

Sein Bekannter drückte eine Taste, um Aktien zu kaufen oder zu verkaufen, und der Markt veränderte sich zu seinen Ungunsten. „Als ich gesehen habe, wie er Geschäfte macht und über den Tisch gezogen wird, da habe ich gewusst, dass es nicht meine Schuld ist. Alle anderen Händler schoben denselben Frust. In dem Moment habe ich gewusst, dass es ernst ist.“

Brad stand mit seinem Problem also nicht allein. „In diesem Moment war mir klar, dass der Markt manipuliert wird. Und mir war klar, dass es irgendetwas mit der Technologie zu tun hat. Die Antwort befand sich unter der Oberfläche der Technologie. Ich hatte keine Ahnung, wo. Aber mir war klar, dass ich das nur herausfinden würde, wenn ich unter die Haube schaue.“

Michael Lewis, Flash Boys - Revolte an der Wall Street erscheint in der deutschen Fassung am 10. April im Campus Verlag (24,99 Euro).

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