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Auswirkungen auf die Märkte : Nach dem Zahlungsausfall sinken die Kurse

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Bild: dpa

Der deutsche Aktienmarkt hat am Donnerstag gewaltig Federn gelassen. Aber es waren nicht nur die Probleme Argentiniens, die bei den Investoren auf die Stimmung drücken.

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          Der deutsche Aktienmarkt hat am Donnerstag deutliche Verluste erlitten, nachdem die Frist zur Verhinderung des technischen Zahlungsausfalls Argentiniens am frühen Morgen mitteleuropäischer Zeit abgelaufen war. Die Versuche zwischen Argentinien und einer kleinen Gruppe von Gläubigern, noch in letzter Minute eine Einigung im Schuldenstreit zu finden, waren am Mittwochabend in New York gescheitert. Eine letzte Frist für eine Verhandlungslösung lief um 6.00 Uhr MESZ aus. Es ist somit das zweite Mal seit 2001, dass Argentinien Schulden nicht bedient.


          Der Streit um Argentiniens Schulden


            Wieso gibt es den Streit?

            Argentinien ging im Jahr 2001 pleite. In den folgenden Jahren einigte sich das Land in zwei Schritten mit seinen Gläubigern auf einen großen Schuldenschnitt. Mehr als 90 Prozent stimmten dem (gezwungenermaßen) zu und bekamen neue Anleihen. Die Hedgefonds NML und Aurelius witterten eine Anlagechance: Sie kauften nach der Pleite notleidende argentinische Schuldtitel zu einem geringen Preis. Dann forderten sie: Argentinien soll den vollen Kreditbetrag an sie zurückzahlen, das wären rund 1,3 Milliarden Dollar, plus Zinsen. Ein Richter in New York hat ihnen Recht gegeben, der Oberste Gerichtshof in den Vereinigten Staaten ihn bestätigt. Argentinien akzeptiert das Urteil nicht.

            Warum zahlt Argentinien nicht einfach?

            Es geht nicht unbedingt darum, dass das Land nicht genug Geld hätte. Argentinien fürchtet weitere Klagen, wenn es gegenüber den beiden Hedgefonds einknickt. Erstens könnten weitere Altgläubiger Geld verlangen, die nicht vor Gericht gegangen sind. Dabei geht es wohl um 15 Milliarden Dollar - ungefähr die Hälfte der argentinischen Devisenreserven. Außerdem könnten auch Gläubiger, die der Umschuldung schon zugestimmt haben, noch einmal mehr Geld verlangen. Die Regierung nannte einmal die Summe von 120 Milliarden Dollar, Rechtsexperten kalkulieren sogar bis zu 500 Milliarden Dollar - das entspräche fast dem gesamten Bruttoinlandsprodukt des Landes. Möglich sind diese Nachforderungen wegen eines speziellen Passus in den Anleiheverträgen, demzufolge Argentinien nicht einzelne Gläubiger besserstellen darf, ohne diese besseren Bedingungen allen anderen rückwirkend auch anzubieten.

            Und was passiert jetzt?

            Das ist schwer abzuschätzen. Einige Experten verweisen darauf, dass das Land keinen echten Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten hat - es könnte ihn also auch nicht verlieren. Das macht auch Hoffnung darauf, dass die Auswirkungen auf die globalen Märkte begrenzt sein könnten. Wahrscheinlich ist aber, dass sich die Wirtschaftsflaute, in der das Land steckt, verschärft und die Währung Peso weiter unter Druck gerät. Die schon auf 40 Prozent gestiegene Inflation dürfte weiter steigen. Statt um 1,5 Prozent würde das BIP 2014 um 3,5 Prozent sinken und 2015 weiter fallen, kalkuliert das Beratungsunternehmen Abeceb.


          Aber nicht nur Argentinien belastet die Märkte. Auch deutliche Kursverluste bei Adidas und der Lufthansa drückten den Dax tief ins Minus. Die Stimmung belasteten einem Händler zufolge auch die schwachen Zahlen der angeschlagenen portugiesische Bank Espirito Santo (BES), die im ersten Halbjahr einen Milliardenverlust verbucht hat. Nach einem verhaltenen Auftakt weitete der deutsche Leitindex sein Minus auf 1,9 Prozent bei 9407 Punkten aus. Der mit 100 Werten den Markt deutlich breiter abbildende F.A.Z.-Index sank gleich stark auf 1929 Zähler.

          Für die Anleger galt es eine ganze Flut von Zahlen zu verarbeiten. Alleine im Dax berichteten mit Siemens, FMC, Fresenius, Adidas und der Lufthansa fünf Unternehmen über das abgelaufene Quartal.

          Adidas-Aktien rutschen um mehr als 15 Prozent ab und markierten mit 59,41Euro ein Zwei-Jahres-Tief.. Wegen der Ukraine-Krise und Problemen im Golf-Geschäft musste der Sportartikelhersteller weiter zurückrudern und seine Prognosen ein weiteres Mal senken. „Schlechte Nachrichten werden aktuell an der Börse besonders hart bestraft“, sagte ein Händler zu dem Kursrutsch. Lufthansa-Titel verloren nach enttäuschenden Zahlen mehr als 7 Prozent.

          Die Papiere von FMC und der Mutter Fresenius bildeten den Gegenpol. Sie legten nach Quartalsberichten deutlich zu. DZ-Bank-Analyst Sven Kürten sprach von einem ermutigenden Quartal bei dem Dialysespezialisten FMC. Auch beim Medizinkonzern Fresenius sei das zweite Jahresviertel gut verlaufen. FMC-Aktien gewannen 2,6 Prozent, Fresenius-Papiere legten 3,7 Prozent zu. Die Anteile am Elektrokonzern Siemens verteuerten sich nach Zahlen um 1,7 Prozent. DZ Bank, Baader und die Société Générale bekräftigten ihre Kaufempfehlungen. Das Quartal sei allerdings eher durchwachsen gewesen.

          DMG Mori Seiki rutschen auch ab

          Der Aktienkurs von DMG Mori Seiki, ehemals Gildemeister, fielen nach Zahlen um mehr als 10 Prozent auf das Niveau von Ende Mai. „Der Werkzeugmaschinenbauer konnte zwar mit den Zahlen überzeugen, jedoch lasten kurzfristig die Sanktionen gegen Russland auf dem Aktienkurs“, sagte Händler Andreas Lipkow vom Vermögensverwalter Kliegel & Hafner. Auch ein weiterer Börsianer sah die Maschinenbautitel vor allem durch die Russland-Krise belastet. Der Branchenverband VDMA kappte am Vormittag seinen Ausblick und verstärkte damit den Druck.

          Der Autozulieferer Dürr hält zwar trotz eines etwas schwächer ausgefallenen Quartals an seinen Prognosen fest. Die Aktie verlor dennoch 6,8 Prozent. Nach einem Bericht in der „Süddeutschen Zeitung“ brach der Kurs von Tipp24 um 19 Prozent ein. Dem Bericht zufolge wehren sich die Staatslotterien gegen die wachsende Konkurrenz privater Glücksspielanbieter. Ein Börsianer sieht die Anleger deutlich verunsichert.

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