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Auslandsmarkt : Indien im Stillstand

Rund 70 Prozent der Inder leben von der Landwirtschaft. Bleibt der Regen aus, droht ein Ausfall der Ernte. Bild: dapd

Die Hoffnungen in Indien schwinden. Die Politik ist gelähmt, der Monsun ist schwach und die Zentralbank sitzt in einer Falle. Der Aktienmarkt ist für Anleger nur auf lange Sicht interessant.

          Ist der Druck richtig groß, braucht es einen Mann mit starken Händen. Als solcher gilt der ins Amt zurückgekehrte indische Finanzminister Palaniappan Chidambaram. Ein paar Tage nach seiner Berufung versprach er durchzugreifen und kündigte ein Bündel an Reformen an, um die Konjunktur anzukurbeln. Das allein weckt in der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens Hoffnung. Denn der Regierung gelang in der bisherigen Besetzung in ihrer zweiten Legislaturperiode nichts.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Alle geplanten Reformen versandeten - vom dringend notwendigen Ausbau der Infrastruktur und der Privatisierung von Staatskonzernen, über die Öffnung von Finanzmarkt, Luftfahrt oder Einzelhandel bis zum Anti-Korruptionsgesetz. Skandale reihen sich aneinander. Das Land ist gelähmt von endlosen Parlamentsquerelen und dem Scheitern der Regierung an der Blockade der eigenen Koalitionspartner.

          Ratingagenturen kritisieren wirtschaftspolitischen Stillstand

          Die Quittung für das erfolglose Lavieren der Regierung ist auf allen Ebenen zu spüren: Zwei von drei Ratingagenturen drohen mit einer Herabstufung der Bonität Indiens auf „Ramsch-Niveau“ und kritisieren massiv den wirtschaftspolitischen Stillstand. Der Wert der Rupie fiel auf ein Allzeittief. Die Investitionen gerade aus dem Ausland sinken. Stromausfälle belasten das Wachstum. Und Wirtschaftsführer sprechen Klartext. Niemand rechnet ernsthaft damit, dass sich vor der nächsten Wahl noch viel ändern wird. „Die Regierung hat kein Rückgrat und keine Antriebskraft“, ließ sich Ansgar Sickert, der langjährige Statthalter des Flughafenbetreibers Fraport in indischen Zeitungen zitieren, bevor er seine Zelte in Neu Delhi abbrach: „Bis nach den Wahlen 2014 wird nichts mehr passieren.“ Er sprach vielen aus dem Munde.

          Am Freitag kürzten die Wirtschaftsberater des Ministerpräsidenten ihre Prognose für das Wachstum spürbar: Gingen sie im Februar noch von 7,6 Prozent Wachstum für dieses Fiskaljahr (31. März) aus, sind es seit gestern nur noch 6,7 Prozent. Gemessen an den Analysten aber erscheinen die Regierungsvolkswirte optimistisch: Sie rechnen für Indien nur noch mit rund 5,5 Prozent Wachstum.

          Für ein aufstrebendes Land ist der Markt zu schwach

          Das ist kein Klima, um Aktien zu kaufen. Zwar hat der Sensitive Index (Sensex) der Börse in der Wirtschaftshauptstadt Bombay (Mumbai) in Jahresfrist knapp 1000 auf rund 17.700 Punkte zugelegt. Dies klingt gut. Doch gilt Indien grundsätzlich als hoffnungsvoller Schwellenmarkt, der das Potential zu zweistelligem Wachstum besitzt. Im ersten Quartal freilich wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nur noch um 5,3 Prozent - so langsam, wie zuletzt vor neun Jahren. Für ein aufstrebendes Land ist das zu niedrig, denn rund 5 Prozent Wachstum werden allein benötigt, um Schulabgängern eine Zukunft zu bieten und sozialen Frieden zu wahren. Ausländische Anleger trifft zudem der dramatische Wertverlust der Rupie. Binnen Jahresfrist hat sie gegenüber dem Dollar rund ein Fünftel ihres Wertes verloren und erreichte Ende Juni ein Rekordtief. Institutionelle Investoren wie Pensionsfonds oder Universitäten haben in der ersten Jahreshälfte nur noch halb so viel Geld auf dem Subkontinent investiert wie in den ersten sechs Monaten 2011.

          Was aber müsste sich ändern? Die Zentralbank sitzt in einer bösen Falle: Einerseits drängt die Politik sie massiv, die Zinsen zu senken um das Wachstum anzuheizen. Andererseits versucht sie, die Inflationsrate von immer noch knapp 7 Prozent zu bändigen. Ihr fehlt der Spielraum. So fällt wohl alles wieder auf die Handlungsfähigkeit der Regierung zurück. Doch auch der fehlt Spielraum angesichts eines Haushaltsdefizits, das nicht zuletzt aufgrund der massiven Subventionen bei 5,8 Prozent des BIP steht. Ob dieses im nahenden Vorwahlkampf noch abgebaut wird, ist mehr als zweifelhaft.

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