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Ausblick : Der Weg des Neuen Marktes ist noch lang

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Fünf Jahre Neuer Markt: Ein Blick nach vorn Bild:

Das Image des Neuen Marktes ist noch immer am Boden. Kurzfristig wird sich das nicht ändern, langfristig besteht aber Hoffnung auf Besserung.

          Die wechselvolle Geschichte des Neuen Marktes ist hinlänglich bekannt. Wenn man sich das Auf und Ab der vergangenen fünf Jahre noch einmal bildlich vor Augen führen will, genügt ein Ausflug in die Bergwelt.

          Gestartet ist der Nemax All Share Index im März 1997 rückgerechnet bei gut 500 Punkten und damit praktisch im Flachland. Ohne langes Training hat er sich dann - nur unterbrochen von einigen Ruhepausen - auf den Weg zum Olymp gemacht. Am 10. März 2000 wurden 8.559,32 Punkte erreicht. Was die Höhenlage anbelangt, bewegte man sich da fast auf Augenhöhe mit dem Mount Everest, der als höchster Berg der Welt 8.850 Meter hoch ist.

          Doch beim Gipfelsturm kam es zum Höhenkoller und praktisch über Nacht musste der Rückzug eingeläutet werden. Im Tief ging es dann ungeordnet bis auf 724,20 Punkte (21.09.2001) nach unten. Ein Niveau, das sogar unter dem des Großen Feldbergs im Taunus liegt, der nur noch 880 Meter erreicht. Inzwischen bewegt sich der Index zwar wieder im Bereich von 1.040 Punkten, welches Niveau exakt der kleine Brocken im Nordwesten des Harzes erreicht. Von einer echten Höhenlage kann somit aber noch immer nicht die Rede sein.

          Ausleseprozess im Endstadium

          Doch die entscheidende Frage ist nun, welchen Weg der rastlose Wanderer in Zukunft einschlagen wird. Und diesbezüglich ist dem Neuen Markt normalerweise noch kein neuer rasanter Gipfelsturm zuzutrauen. Dazu muss das Wachstumssegment noch immer zu viel Ballast in Form von nicht börsenreifen Gesellschaften mit sich herum schleppen. Das gesamte Team, das sich zusammen setzt aus Emittenten, Banken, Medien und Anlegern, scheint dafür noch nicht gut genug gerüstet zu sein.

          Immerhin lässt sich aber konstatieren, dass das Tief in der Formkrise der vergangenen beiden Jahre bereits durchschritten sein dürfte. Das Ringen um eine nachhaltige Formverbesserung fällt aber schwer. Vorfälle um Titel wie Consors, Comroad, D.Logistics und InternationalMedia zeigen nämlich, dass sich die Schwierigkeiten nicht nur auf die „kleinen Klitschen“ dieses Börsensegments erstrecken.

          Gleichzeitig dürfte nach Erfahrungen wie diesen die Anleger am Neuen Markt kaum noch etwas richtig schocken. Der Ausleseprozess unter den Aktionären dürfte daher schon recht weit fortgeschritten sein. Wer jetzt noch immer am Ball ist, der lässt sich nicht mehr so leicht abschütteln. Dennoch wiegt der erneut entstandene Imageschaden schwer und belastet nach wie vor die weiteren Aussichten.

          Eindämmung von Betrug als Schlüssel zum Erfolg

          Bei aller angebrachten Vorsicht und berechtigter Kritik wäre es aber falsch, bereits die Grabrede auf den Neuen Markt zu halten. Denn es handelt sich nicht um ein systemimmanentes Problem, sondern es war vielmehr von vorneherein absehbar, dass viele an einem Wachstumsmarkt gelisteten Unterehmen nicht überleben werden. Problematisch wird es allerdings dann, wenn das Ausscheiden auf Betrug und unerlaubte Tricksereien zu Lasten der Anleger zurückzuführen ist.

          Doch früher oder später werden die Verantwortlichen auch dieses Manko besser in den Griff bekommen. Daher spricht vieles dafür, dass ausgewählte Vertreter des Neuen Marktes durchaus wieder in Mode kommen werden. Dafür bedarf es aber vor allen Dingen erst einer anziehenden Konjunktur und eines allgemein besseren Klimas an den Weltbörsen. Dann werden die alten Fehler auch schnell vergessen sein und vielleicht sogar wieder zaghafte Gipfelstürme unternommen werden.

          Allerdings wäre es in diesem Fall zu wünschen, dass auch insbesondere die Anleger ihre Lektionen gelernt haben, und nicht erneut eine allgemeine Kaufpanik ausbricht. Wünschenswert wäre vielmehr ein geregelter und sich in Etappen vollziehender langfristiger Anstieg bis auf 2.000 Indexpunkte. Doch bis dahin wird es ein steiniger Weg bleiben. Als Gewinner werden sich vermutlich diejenigen Anleger entpuppen, die mit den üblichen Auswahlkriterien wie ein klassischer Stock-Picker vorgehen und somit beim Aktienkauf am Neuen Markt genau so agieren, wie man es üblicherweise an jedem anderen Marktsegment auch tun würde.

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