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Aufschwung in Peripherieländern : Finanzmärkte sehen Europawahl positiv

Über Griechenland hängen immer noch dicke Wolken, was der Ausgangslage des Landes geschuldet ist Bild: dpa

Die Anleiherenditen in der Peripherie sind zuletzt wieder gestiegen. Viele Marktteilnehmer sehen darin Gewinnmitnahmen, aber keine Trendwende. Sie haben Vertrauen in die EZB und in die Reformen.

          An der Börse wird die Zukunft gehandelt. Geht es danach, wird es in Europa in den nächsten Jahren wieder sehr viel besser aussehen. Immer mehr Investoren legen ihr Geld in Europa – und hier vor allem in den Peripherieländern – an. Das Ergebnis: die Aktienmärkte in Italien, Spanien, Portugal und Irland zählen zu denen mit der besten Entwicklung auf der Welt in diesem Jahr. Und auch am Anleihemarkt stehen europäische Staatsanleihen – und hier vor allem die Peripherie – ganz oben in der Anlegergunst. Länder wie Italien und Spanien können sich mittlerweile so günstig finanzieren wie nie.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das schöne Bild hat jedoch Ende vergangener und Anfang dieser Woche einen kleinen Kratzer bekommen. Plötzlich fielen die Aktien- und Anleihekurse in der Peripherie deutlich. Die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen, die bis auf 2,91 Prozent gefallen war, stieg in den vergangenen Tagen auf 3,20 Prozent. Auch die Preise für Kreditausfallderivate (CDS) auf Staatsanleihen haben wieder zugelegt. Entziehen die Märkte der Peripherie wieder das Vertrauen?

          Das Vertrauen der Anleger in die Euro-Peripherieländer wächst

          Die Mehrheit der Börsianer teilt diese Befürchtungen nicht. Die Kursverluste vor allem am Freitag und Montag waren nur von kurzer Dauer. Schon am Dienstag und Mittwoch erholten sich die Kurse wieder. Auslöser des Rückschlags waren schwache Wachstumsdaten im Euroraum für das erste Quartal, vor allem für Portugal und Italien, aber auch für die Niederlande. Mit Blick auf die bevorstehende Europawahl sahen einige Anleger einen guten Zeitpunkt für Gewinnmitnahmen. ,,Ich gehe davon aus, dass die Folgen der Europawahl nur kurz zu spüren sein werden“, sagt Christian von Engelbrechten, Fondsmanager von Fidelity: „Auf eine Stärkung der Europa-Skeptiker dürften die Märkte nervös reagieren.“

          Nach Wahlumfragen könnte der französische Front National die meisten Abgeordneten aus Frankreich stellen. In Großbritannien könnte dies der Ukip gelingen, die für einen Austritt Großbritanniens aus der EU wirbt. Auch in den Niederlanden und Ungarn könnten rechte Parteien gute Ergebnisse erzielen, in Griechenland die linke Syriza. Insgesamt werden europakritische bis europafeindliche Parteien aber nur auf rund ein Fünftel der Sitze im Europaparlament geschätzt. „Da die Europa-Gegner wohl kaum eine Mehrheit erringen werden, geht von ihnen keine Gefahr für einen durchgreifenden Politikwechsel aus“, sagt Engelbrechten. „Nach den Wahlen dürften die Populisten aus dem rechten Lager angesichts der weiteren wirtschaftlichen Erholung Schritt für Schritt an Einfluss verlieren.“

          Die meisten Analysten setzen deshalb auf eine Fortsetzung der guten Entwicklung an den Peripheriemärkten. „Viele Investoren haben die Rally verpasst, für sie könnte es eine gute Gelegenheit zum Einstieg sein“, sagt Jan Holthusen, Leiter der Anleiheanalyse der DZ Bank. Er rechnet mit einer weiteren Verringerung des Risikoaufschlags der Peripherieanleihen gegenüber deutschen Staatsanleihen. Bundesanleihen mit zehn Jahren Restlaufzeit rentieren mit gut 1,4 Prozent, spanische mit 3 Prozent. „Der Renditeabstand könnte innerhalb der nächsten zwölf Monate durchaus auf weniger als einen Prozentpunkt sinken“, sagt Holthusen. „Rückschläge sind nicht ausgeschlossen, aber eine Rückkehr in den Krisenmodus dürfte es zunächst nicht mehr geben.“

          Die von den Märkten als glaubwürdig eingestufte Aussage von EZB-Präsident Mario Draghi aus dem Juli 2012, alles zu tun, um den Euro zu erhalten, sei zwar der Auslöser für eine positivere Einschätzung der Peripherieländer gewesen. Mitentscheidend für die aktuelle Rally seien aber die Reformfortschritte in den einzelnen Ländern.

          Deutliche Verbesserung der Leistungsbilanz

          Dies sehen auch die Experten der auf Anleihen spezialisierten Fondsgesellschaft Bantleon so. „Die gute Entwicklung der Peripherieanleihen ist fundamental gerechtfertigt“, sagt Daniel Hartmann, Analyst für Euroanleihen. „Der Schuldenstand steigt zwar in den Ländern noch, die Haushaltsdefizite haben sich jedoch meist deutlich reduziert.“ So ist das Defizit nach Angaben der europäischen Statistikbehörde Eurostat in Griechenland von 2009 bis 2013 von 16 auf 2 Prozent gesunken, in Portugal von 10 auf 4,5, in Spanien von 11 auf knapp 7 und in Irland von 12 auf knapp 7 Prozent. Als weitere wichtige Kenngröße verweist Hartmann auf die deutliche Verbesserung der Leistungsbilanz in den Ländern. Portugal, Spanien und Irland erwirtschaften mittlerweile Leistungsbilanzüberschüsse. In Griechenland ist das Minus deutlich, in Italien zumindest etwas reduziert worden.

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