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Atomwende : Die Gewinner

Bild: Getty Images/Stock Illustration

Solar- und Wind-Unternehmen triumphieren im Zuge der Wende in der deutschen Atompolitik. Aber auch Kraftwerksbauer wie Siemens hoffen auf gute Geschäfte. Selbst Eon leidet nur still.

          Das Erdbeben in Japan hat auch die Aktienmärkte durchgeschüttelt. Der Dax rutschte zu Beginn der vergangenen Woche um 500 Punkte bis auf 6500 Punkte ab. Viel dramatischer war hingegen, was hinter den Kulissen des großen Aktienindex passierte. Die Kurse einzelner Aktien fielen um zweistellige Prozentsätze, andere legten um mehr als 100 Prozent zu. Sie zeigten die Zäsur, die die Katastrophe auslöst und auch den Aktienmarkt langfristig verändern wird.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hart traf es die Betreiber und Ausrüster von Atomkraftwerken, aber auch Autobauer und Elektronikfirmen und die Versicherer. Kräftig zulegen konnten hingegen die Aktien von Solar- und Windkraftproduzenten. Sind damit die Gewinner- und Verliererbranchen der Zukunft identifiziert? So einfach ist es nicht.

          Schlechte Nachricht für Luxus-Aktien

          Kurzfristig sind die Verlierer viel zahlreicher als langfristig. Und sie kommen aus Ecken, aus denen man sie nicht vermutet hat. In den nächsten Monaten dürften zum Beispiel die Hersteller von schicken Luxusaccessoires leiden. Ihr wichtigster Markt ist Japan. Japaner lieben den Luxus, aber die Lust am Einkaufen ist ihnen nun vergangen. Besonders spüren könnten das Hermès, Tiffany oder Bulgari, die 19 Prozent der Umsätze auf der Insel machen. Gucci verkauft 14 Prozent dort, Richemont 12 Prozent.

          Auch die Industrie leidet. Weil sie weniger nach Japan exportieren wird, aber auch, weil sie wichtige Teile von dort nicht mehr bekommt. Japan ist schließlich bedeutender Lieferant, vor allem von Elektronik. Das spürt zum Beispiel die Automobilbranche, die mit Technik von der Insel ausgestattet ist. General Motors reduziert schon die Fertigung wegen fehlender Teile, die deutschen Autobauer könnten bald folgen.

          Volkswagen ist noch zusätzlich belastet, weil es an Suzuki beteiligt ist, das die Produktion in Japan zeitweise ganz einstellt. Andererseits profitieren die europäischen Autohersteller auch davon, dass ihre japanische Konkurrenz von Honda, Toyota & Co. derzeit wegen der Stromrationierung und teilweise beschädigter Werke fast gar nicht produzieren kann.

          Kurzfristig Bau-Aktien im Vorteil

          Die Welt schädigen dürfte auch der Produktionsausfall in Japans Halbleiterindustrie, die 20 Prozent der globalen Fertigung stellt (vgl. Chip-Aktienkurse fahren Zick-Zack). Nach zwei Wochen Lieferstopp kommt es auf dem Weltmarkt zu Knappheiten und steigenden Chip-Preisen. Die Chip-Konkurrenten wie ASML und die deutsche Infineon könnten als Ersatzlieferanten davon profitieren.

          Auf der anderen Seite werden als kurzfristige Gewinner immer wieder Bauwerte genannt, die vom bald beginnenden Wiederaufbau der zerstörten Gebiete profitieren werden. Das werden aber vor allem lokale Anbieter sein. Zudem wirkt der Effekt nicht sehr lange. „Beim letzten großen Beben 1995 war dieser Trend schon nach einem Monat beendet“, heißt es beim Bankhaus Metzler. Diesmal sind die Schäden zwar vermutlich größer, aber lange werden Bauaktien nicht profitieren (vgl. Rasche Erholung erwartet, Aktien von Erdbebengewinnern gefragt).

          Auch für die anderen Gewinner und Verlierer gilt: Die Folgen sind ein paar Wochen und Monate zu spüren und werden die Quartalsergebnisse beeinflussen. Aber schon spätestens Ende dieses Jahres ist damit Schluss.

          Atomkraft im Abseits

          Ganz anders ist es in den Branchen, die mit Energie zu tun haben. Denn der schwere Atomunfall als Folge des Erdbebens dürfte langfristige Folgen haben. Die von vielen erhoffte Renaissance der Atomkraft wird nun ausbleiben, in einigen Ländern dürfte sich der Ausstieg aus der riskanten Technologie beschleunigen. In Deutschland etwa gehen ein paar ältere Reaktoren sofort vom Netz.

          An der Börse führte das in der vergangenen Woche dazu, dass Aktien von Stromversorgern wie Eon und RWE, die beide Atomkraftwerke betreiben, zu den großen Verlierern gehörten. Besonders hart traf es die französische Areva, deren Kurs fast 20 Prozent verlor: Der Hersteller von Atomkraftwerken bangt um sein Neugeschäft.

          Deutsche Versorger haben auch Nutzen

          Aber sind solche Kursverluste gerechtfertigt? Bei Eon und RWE ist das weniger klar, als es erscheint. Denn beide Firmen leben nur zum Teil vom Atomstrom. Sie betreiben auch Kohlekraftwerke und haben mit einem Drittel Umsatzanteil auch ein großes Gasgeschäft.

          Kohle und vor allem Gas dürften in den nächsten Jahren die wesentlichen Energieträger als Ersatz für die Atomkraftwerke sein - weit stärker als die noch zu teuren erneuerbaren Energien aus Sonne und Wind. Eon und RWE profitieren also auch von einem Ende der Atomkraft. Zudem reduziert sich mit jedem abgeschalteten AKW die Steuerbelastung durch die üppige Brennelementesteuer.

          Auf der anderen Seite müssen sie für die verstärkte Verbrennung von Kohle und Gas mehr CO2-Zertifikate kaufen. Per saldo wird der Gewinn zurückgehen - aber ein riesiger Einbruch ist es nicht. Die DZ Bank hat das ausgerechnet. Gingen die alten Atommeiler im Sommer 2011 endgültig vom Netz, sänke die Gewinnschätzung um 7 Prozent. Die Steuerersparnis ist da nicht einmal drin. Und künftige Mehrerlöse aus Kohle und Gas auch nicht. Stärker profitieren dürften die russische Gasprom, die norwegische Statoil oder die britische BG mit ihren großen Gassparten.

          Für den neuen Energie-Mix sind viele neue Gas- und Kohlekraftwerke nötig. Das hilft Unternehmen wie Siemens und Alstom, die solche Kraftwerke oder Teile davon herstellen. Für die erneuerbaren Energien sieht die Zukunft nicht ganz so euphorisch aus, wie die heftigen Kursgewinne zu Wochenanfang vermuten ließen. Der Ausbau wird zwar schneller als bisher gedacht vorangetrieben werden. Aber es wird weiter noch viele Jahre brauchen, bis sie wettbewerbsfähig sind.

          Die Windbranche schafft das schneller als die Solarproduzenten. Die müssen sich zudem mit ihren immer stärkeren chinesischen Konkurrenten den Kuchen teilen. Besser haben es da Solarausrüster wie Centrotherm und Roth & Rau. Oder eine SMA Solar, die keine Zellen, aber wichtige Komponenten für die Solarproduktion herstellt.

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