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Arcandor : Aktionäre zittern

  • Aktualisiert am

Die Beschäftigten hoffen auf Subventionen, die Aktionäre auch Bild: ddp

Nach der deutlichen Absage der EU-Kommission an eine Rettung des Warenhauskonzerns Arcandor durch den Deutschlandfonds müssen Beschäftigte und Aktionäre zittern. Doch eine Rettung in irgendeiner Form ist nicht unwahrscheinlich.

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          Immer enger zieht sich das Netz um den angeschlagenen Kaufhauskonzern Arcandor. Seit Anfang Mai pendelt der Aktienkurs zwischen 1,74 und 2,36 Euro. Am 25. Mai fiel der Kurs um mehr als 20 Prozent, am 29. Mai um rund 15 Prozent, nachdem er in den drei Tagen dazwischen um rund 40 Prozent gestiegen war.

          Nicht anders wie zuvor bei der Hypo Real Estate sorgen die wechselnden Einschätzungen hinsichtlich der Vermeidbarkeit einer Insolvenz für Ausschläge, ohne dass sich der Aktienkurs letztlich in eine bestimmte Richtung entwickeln würde. Seit Oktober 2008 läuft der Kurs im großen und ganzen seitwärts.

          EU verdirbt die Rettungslaune

          Am Mittwoch, während der Tagung des Bürgschaftsausschusses notierte die Aktie zunächst 4 bis 10 Prozent höher, bevor schließlich EU-Wettbewerbskommissarin Nellie Kroes die Laune mit der Erklärung verdarb, dass sich der Konzern nach Brüsseler Einschätzung schon vor dem Juli 2008 in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befunden habe. Dies ist ein Ausschlusskriterium für den Fonds des Konjunkturprogramms. Entsprechend rutschte der Aktienkurs in den roten Bereich.

          Bild: F.A.Z.

          Tatsächlich geriet der Konzern schon 2002 in die Krise. 2004 schnürten die Banken ein erstes Rettungspaket und schon damals erklärte sich die Bundesregierung zur Intervention bereit.

          Nach zwischenzeitlicher Entschuldung wuchsen diese rasch wieder in Milliardenhöhe, derweil das Betriebskapital in dramatischer Geschwindigkeit tief in den negativen Bereich rutschte.

          Verkürzte Argumente

          SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier will nicht, dass die Arbeitnehmer die Zeche für eklatante Management-Fehler zahlen müssen. Auch der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer kritisierte das „Nein“ der EU-Kommission scharf. Anders dagegen die Bundesbürger. Nach einer Forsa-Umfrage für das Magazin „Stern“ sprachen sich 61 Prozent der Befragten gegen Finanzspritzen des Staates aus.

          Steinmeier betont, dass die Beschäftigten bei Karstadt und Quelle es nicht verdient hätten, dass ein ordnungspolitisches Exempel an ihnen statuiert wird. Seehofer fordert, dass der Erhalt von Arbeitsplätzen und der Einsatz von Steuergeldern gleichermaßen im Auge behalten werden müsse.

          Die Argumentation erscheint unscharf. Im ersten Fall wird eine ökonomische Entscheidung auf einen Prinzipienstreit verkürzt. Wenn Arcandor, warum dann nicht Vivacon, Unylon, Pongs & Zahn (vgl. Vivacon: Undurchsichtige Lage - schwache Aktie; Unternehmensanleihen: Unylon und Pongs & Zahn in in Bedrängnis)? Letztlich führt dies zu einer Haftungsfreistellung von Managern, zur Festschreibung einer überholten Unternehmensstruktur zu Lasten der Steuerzahler und zum ineffizienten Kapitaleinsatz. Dies sind auch die Kosten, die in der Seehoferschen Argumentation überblättert werden, indem diese auf rein budgetäre Aspekte abstellt.

          „Die Sündenfälle werden sich häufen“

          Wie Wirtschaftsminister zu Guttenberg schon im Falle Opel klar zu machen versuchte, ist eine Insolvenz von Arcandor auch die Chance auf einen Neuanfang als entschuldetes und wahrscheinlich verkleinertes Unternehmen. Diese Kosten müssten die Beschäftigten, der Staat sowie nicht zu vergessen, die Aktionäre teilen.

          Das wäre die volkswirtschaftlich gesündeste Lösung. Doch diese spielt derzeit allerhöchstens im Wirtschaftsministerium eine Rolle. „Die Sündenfälle werden sich wegen des politischen Drucks häufen“, sagte der Chefvolkswirts der Deutschen Bank, Norbert Walter, der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX am Rande des „Finance Forum Germany“ in Wiesbaden.

          Er rechnet damit, dass zu Arcandor, Continental und Schaeffler bald weitere neue Namen hinzukommen, vor allem nach den dramatischen Einbrüchen im Maschinenbau aus dieser Branche. Und sollte eine Große Koalition nach den Wahlen im Herbst Bestand haben, so werde der Ausstieg aus den Staatsbeteiligungen nicht gelingen.

          Fehlende Perspektive für Aktienkäufer

          Insofern ist eine Spekulation auf eine staatliche Rettung von Arcandor nach wie vor berechtigt, besonders weil die Zeit drängt und der Konzern womöglich nicht bis zu den Wahlen überleben kann.

          Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat nach eigenem Bekunden Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick geraten, andere Wege zur Rettung des Kaufhauses zu prüfen, wie etwa die Inanspruchnahme einer Rettungsbeihilfe, die aber von der EU genehmigt werden muss und unter anderem eine 30prozentige Kapazitätsanpassung und Beteiligung an Restrukturierungskosten voraussetzt. Auch eine staatlich unterstützte Fusion von Karstadt mit Kaufhof, wie sie von Metro ins Spiel gebracht wurde, gehört zu den möglichen Szenarien.

          Die Frage ist dann, ob Arcandor noch 470 Millionen Euro wert ist. Für langfristig orientierte Anleger fehlt dafür die Perspektive. Die Sanierung schleppt sich seit Jahren hin und ist bisher misslungen.

          Interessante Wandelanleihe - für sehr großes Geld

          Lediglich die Chance auf kurzfristige Gewinne durch einen Kurssprung im Anschluss an eine Rettungslösung lockt derzeit noch. Anderes sieht es mit der Wandelanleihe des Konzerns aus, deren Kurs sich mit 65,25 Prozent vergleichsweise stabil zeigt und die mit 22,75 Prozent rentiert.

          Das liegt vornehmlich daran, dass diese mehr einer Aktienanleihe auf Aktien der Tochter Thomas Cook ähnelt und sich ihr Kurs daher auch am Kurs der Thomas Cook-Aktie orientiert. Zwar hatte Arcandor betont, die 2013 fällige Anleihe vorzugsweise in bar abzulösen, doch scheint das derzeit völlig außer Frage zu stehen.

          Privatanleger brauchen sich indes darüber kaum Gedanken zu machen. Mit ihrer Stückelung von 100.000 Euro ist sie viel zu groß für Depots unter zweistelligen Millionengröße.

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