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Positive Entwicklung : Trotz der Außenseiterrolle haussiert Ungarns Börse

Ein attraktiver Standort: Die Börse Budapest glänzt mit Kursgewinnen. Bild: Reuters

Die Anleger zeigen großes Vertrauen zu Ungarn und treiben den Leitindex Bux auf neue Rekorde. Die Wirtschaft entwickelt sich gut, jedoch könnte eine Eskalation der Flüchtlingskrise das Wachstum negativ beeinflussen.

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          Ungarn ist wegen seiner Flüchtlingspolitik ins Gerede gekommen. Andere EU-Länder werfen der nationalkonservativen Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán Unberechenbarkeit, Vertrauensmissbrauch und sogar Rechtsbruch vor. Anleger jedoch, die normalerweise nichts mehr abschreckt als Unkalkulierbarkeit, Intransparenz und fehlende Verlässlichkeit, scheinen die Lage ganz anders zu beurteilen. Sie zeigen großes Vertrauen in das Land, kaufen verstärkt Aktien und treiben so den Leitindex Bux an der Börse in Budapest auf immer neue Rekordstände.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Seit Jahresbeginn hat er 32 Prozent zugelegt; 2014 war er im gleichen Zeitraum noch gefallen. Der Höhenflug hat den Bux auch international an die Spitze katapultiert. Nur drei Börsen haben sich besser entwickelt, in Venezuela, Südafrika und Lettland. Indes notiert der Weltindex MSCI World im Minus, die amerikanischen Börsen treten auf der Stelle, der Dax schafft mit Mühe und Not ein Plus von 3 Prozent. Ähnlich erfolgreich ist auch die Währung des Landes. Seit Jahresbeginn hat der Forint gegenüber dem Euro rund 1,7 Prozent an Boden gutgemacht, während der Wertverlust gegenüber dem Dollar deutlich geringer ausfiel als jener der Gemeinschaftswährung.

          Der Kapitalzustrom ist bemerkenswert, da die Zentralbank den Leitzins mehrfach gesenkt hat. Derzeit notiert er auf dem Tiefstand von 1,35 Prozent. Eine weitere Verringerung ist nicht in Sicht, es herrscht Preisstabilität, das Gespenst der Deflation scheint gebannt. Die geldpolitische Lockerung diente nicht zuletzt dazu, Unternehmen wie Privathaushalte zu Konsum und Investitionen anzuregen. Tatsächlich entwickelt sich die ungarische Wirtschaft gut. Nachdem sie schon 2014 stärker gewachsen war als in jedem anderen EU-Land, ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Halbjahr real wieder um satte 3,5 Prozent gestiegen.

          Vermutlich kann Ungarn die europäische Wachstumsmeisterschaft 2015 nicht wieder erringen, das Land spielt aber weiterhin ganz vorne mit. Die Zentralbank ist mit ihrer Erwartung von 3,2 Prozent vielleicht etwas zu optimistisch, andererseits haben externe Fachleute ihre Vorhersagen inzwischen nach oben revidiert, so dass 3 Prozent realistisch erscheinen; für die EU als Ganzes werden nur 1,7 Prozent prognostiziert.

          Interessant ist die Veränderung in der Zusammensetzung des Wachstums. 2014 wurde es von öffentlichen Investitionen getrieben. Geschuldet war das dem Wahlkampf und der zu Ende gehenden EU-Förderperiode. Im laufenden Jahr fachen eher der Verbrauch und die Ausfuhr die Wirtschaft an. „Die anziehende Konsumnachfrage vonseiten der Privathaushalte wird zum Hauptmotor“, schreibt Raiffeisen Research. Im Inland helfen Steuersenkungen, im Ausland die Erholung der EU-Partner.

          Die Konsumfreude zeigt sich an den Energie- und Finanzmärkten. Während die Aktien der deutschen Stromkonzerne in der Heimat leiden, notieren sie in Ungarn äußerst erfolgreich. Die Bux-Spitzenreiter im laufenden Jahr mit einem Kurssprung von jeweils gut 50 Prozent sind die Papiere von Budapesti Elektromos Müvek (Elmü) und von Émász. An diesen Wasser- und Stromversorgern sind RWE und Energie Baden-Württemberg maßgeblich beteiligt. Fast genauso erfolgreich sind die Aktien der OTP-Gruppe, der größten ungarischen Bank.

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          Das Institut profitiert davon, dass es die - staatlich verordneten - Belastungen aus der Abwicklung der Fremdwährungskredite verdaut hat, dass die Bankensteuern sinken und dass das Finanzgeschäft wieder anzieht. Für die Zukunft sind die Analysten verhalten zuversichtlich. Für weiter steigende Kurse sprechen die vergleichsweise stabilen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen. Die Beschäftigung steigt, die Staatsfinanzen sind halbwegs in Ordnung, die Schuldenquote sinkt. Zusätzlichen Schwung könnte die Verleihung der Bonitätsstufe „Investment Grade“ dem Aktienmarkt verleihen.

          Doch es lauern auch Gefahren. So schreiben die Analysten der Bank of America: „Falls die Flüchtlingskrise eskaliert, könnte das Ungarns Beziehungen zur EU unterminieren und längerfristig das Wachstum negativ beeinflussen.“ Raiffeisen Research sieht Risiken im Automobilbau, wo die Kapazitäten geringer wachsen als bisher. Noch ist unklar, wie sehr der VW-Skandal das riesige Audi-Werk in Györ trifft. Aber die Regierung hat vorsorglich schon einmal darauf hingewiesen, dass die Wirtschaft diversifiziert werden müsse. Noch trage die Autoindustrie 22 Prozent zur Industrieproduktion und 13 Prozent zur Ausfuhr bei. Davon steuere Audi 7 bis 8 Prozentpunkte bei.

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