https://www.faz.net/-gv6-8vw0r

Kapitalmarkt : „Aktien sind schon hoch bewertet“

Amerikas Notenbankchefin Janet Yellen. Nicht wenige Anlageexperten erwarten von ihr eine schnelle Leitzinserhöhung. Bild: dpa

Nach Ansicht von Andrew Milligan, Chefstratege beim Vermögensverwalter Standard Life Investments, kann eine Zinsanhebung der Fed die Konjunktur bremsen. Für Anleger hat er einen wichtigen Rat.

          Die Notenbanken sind nicht mehr so unabhängig, wie es noch vor der Finanzkrise der Fall war. Der Chefstratege des in Edinburgh ansässigen Vermögensverwalters Standard Life Investments, Andrew Milligan, führt dies auf die Käufe von Staatsanleihen und anderen Zinstiteln zurück:

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Um ihre Bilanzen auszuweiten, mussten sich die Notenbanken mit den Finanzministerien abstimmen“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Damit steht für Milligan fest, dass die Politik über die quantitative Lockerung, so der Marktbegriff für die Anleihekaufprogramme der Notenbanken, entschieden hat. Denn diese Käufe setzen ein ausreichendes Angebot an neuen Staatsanleihen voraus.

          Milligan schätzt sich angesichts der gegenwärtigen Lage an den Kapitalmärkten als „gemäßigt zuversichtlich“ ein. Das bedeutet, er hält Kurskorrekturen an den Aktienmärkten für möglich. „Denn die Bewertungen vor allem in den Vereinigten Staaten sind schon sehr hoch. Ich wäre dazu bereit, in Korrekturphasen Aktien zu erwerben“, zeigt er sich aber grundsätzlich zuversichtlich.

          In einer kleinen Korrekturphase befindet sich auch wieder die Aktie der Muttergesellschaft von Standard Life Investments, die Vermögenswerte von mehr als 300 Milliarden Euro verwaltet.

          Amerika befindet sich in einer guten Verfassung

          Der Anteilschein des britischen Versicherers Standard Life hat von der Übernahme des schottischen Vermögensverwalters Aberdeen nicht profitieren können. Der Aktienkurs liegt wieder auf dem Niveau, um das er vor der Bekanntgabe der Übernahme pendelte.

          Es wurde kein Wertpapier gefunden!

          Aberdeen und Standard Life Investments sollen zusammengelegt werden, um Kosten einzusparen. Milligan äußert sich als Anlagestratege nicht zu Konzernfragen und deshalb auch nicht zur Aberdeen-Übernahme. Grundsätzlich bewertet er die Aussichten der Weltwirtschaft als gut. Der Aufschwung könne sich bis Jahresende fortsetzen.

          Die Vereinigten Staaten als größte Volkswirtschaft der Welt befänden sich in einer guten Verfassung. „Deshalb ist auch ein fiskalpolitischer Stimulus zu diesem späten Zeitpunkt im Zyklus sehr ungewöhnlich und kann sehr schnell gegenläufige Reaktionen auslösen“, warnt er. Darunter sind das Infrastrukturprogramm und die Steuersenkungen zu verstehen, die der amerikanische Präsident Donald Trump in Aussicht gestellt hat.

          Nach Ansicht von Milligan kann eine Zinsanhebung der amerikanischen Notenbank Fed einen höheren Wechselkurs des Dollars bewirken und so die Konjunktur bremsen. Es gibt für den Anlagestrategen einen wesentlichen Grund, warum die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen nicht über 2,6 Prozent steigt. Das liegt für ihn an den Investoren aus Europa und Japan, die höher verzinslichen amerikanischen Staatsanleihen zu erwerben. In Europa und Japan kaufen die Notenbanken dagegen weiterhin Staatsanleihen und sorgen dafür, das ein beträchtlicher Teil, zwischen einem Fünftel und einem Viertel, noch immer eine negative Rendite aufweist.

          „Einige Handelsbarrieren sind sehr wahrscheinlich“

          Seinen Worten zufolge werden die Zinsen niedrig bleiben. Die Inflation dürfte in diesem Sommer ihren Höhepunkt erreichen, danach der Effekt aus dem höheren Ölpreis nachlassen. Er hält es aber für möglich, dass die Inflationserwartungen durch die höheren Energiepreise steigen und sich in den Lohnforderungen niederschlagen. Steigende Löhne könnten Trump, aber auch der japanische Regierungschef Shinzo Abe als Erfolg ihrer Politik werten. Milligan geht davon aus, dass Trump einen Teil seiner Wahlversprechen erfüllen will, etwa mehr Arbeitsplätze nach Amerika zurückzubringen. „Daher sind einige Handelsbarrieren sehr wahrscheinlich.“ Diese würden vor allem jene Länder treffen, zu denen Amerika die größten Handelsbilanzdefizite aufweist. Das seien China, Japan, Mexiko, Kanada und Deutschland.

          Doch Milligan bleibt gelassen: „Die Maßnahmen können das Wachstum der Weltwirtschaft beeinträchtigen, sie werden aber kein Desaster sein.“ Wie immer werde es Verlierer und Gewinner geben. Als Beispiel nennt er einen chinesischen Bekleidungshersteller, der darunter leiden kann. Dagegen würde der Möbelproduzent aus Virginia profitieren.

          Die Vermögensverwalter von Standard Life Investments halten hochverzinsliche amerikanische Unternehmensanleihen, Schwellenländeranleihen und Immobilien für attraktiv. Auch Aktien sähen noch gut aus. „Der stärkere Dollar dürfte Produkte aus Japan und Europa günstiger machen, was für die dortigen Aktienmärkte spricht“, sagt Milligan. Doch er bleibt vorsichtig, insbesondere wegen politischer Risiken wie etwa den Wahlen in Europa oder protektionistischen Maßnahmen der amerikanischen Regierung. „Diese zügeln unseren Risikoappetit.“ Ein Zusammenbrechen der Eurozone ist Milligan zufolge ein Ereignis mit niedriger Wahrscheinlichkeit, hätte aber umso größere Auswirkungen. „Denn die Finanzmärkte tun sich schwer, solche asymmetrischen Risiken einzupreisen.“

          Weitere Themen

          Die größten Börsengänge Video-Seite öffnen

          Das sind die Top 10 : Die größten Börsengänge

          Uber wird bei seinem Börsengang etwas mehr als acht Milliarden Dollar erlösen – und kommt damit nicht unter die Top 10 der größten Börsengänge. Die ersten vier Plätze belegen Konzerne aus China; aus Deutschland ist ein Unternehmen dabei.

          Topmeldungen

          Rezos Video : Jeder Like ein Armutszeugnis

          Das Video „Zerstörung der CDU“ des Youtubers Rezo ist ein Dokument der Zeitgeschichte: Propaganda von der ganz feinen Sorte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.