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Anlagestrategie : Was tun, wenn die Krise vorbei ist?

  • -Aktualisiert am

Shopping - bisher das Hobby vieler Amerikaner Bild: AFP

Irgendwann wird die Krise ein Ende finden. Schon jetzt überlegen Anleger, wie man sich positionieren könnte: Die Starken fressen die Schwachen, Cash is King, nicht auf den amerikanischen Verbraucher und den Infrastrukturboom setzen.

          3 Min.

          Irgendwann wird die Krise einmal ein Ende finden. Schon jetzt überlegen Anleger, wie der Aktienmarkt nach der Krise aussehen könnte.

          Allenthalben werden nun Prognosen eines dramatischen Konjunkturrückgangs - nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auf dem gesamten Erdball - laut. Dauert die Kreditknappheit lange genug an, könnte dies die erste wirklich schwere Rezession seit mindestens einer Generation zur Folge haben.

          Auf die Zukunftsaussichten angesprochen, geben zahlreiche professionelle Anleger und Fondmanager an, dass sie viel zu sehr mit der aktuellen Krise beschäftigt sind, um sich Gedanken über langfristige Vorhersagen zu machen. Die meisten von ihnen wollen daher ihr Geld vorerst nicht in Aktien anlegen - die nie da gewesene weltweite Kreditknappheit hat seriöse Prognosen unmöglich gemacht.

          „Ich werde abwarten, bis sich der Sturm gelegt hat“, so der Präsident von Rutherford Investment Management William Rutherford.

          Werfen wir einen Blick in die Zukunft

          Gleichwohl werden Anleger schließlich nicht umhinkommen, sich ein Bild von der künftigen Wirtschaftsordnung zu machen.

          Wohl kann es in Zeiten der Kreditknappheit oder Rezession keine Gewinner geben. Doch auch in einer schweren Rezession überleben und florieren einige Unternehmen - wenn auch in einem vergleichsweise bescheidenen Rahmen und auch, wenn sie Jahre dafür brauchen, sich durchzuwursteln.

          „In einer Krise wird es immer Gewinner geben“, sagt Ryan Crane, Chief Investment Officer der Stephens Investment Management Group.

          Hier fünf mögliche Trends, die sich nach dem Ende der Krise ergeben könnten:

          1. Die Starken fressen die Schwachen.

          Im Finanzsektor wurden zahlungsunfähige Banken und Brokerhäuser bereits von sichereren (wenn auch nicht eigentlich stärkeren) Konkurrenten geschluckt. Die Bank of America kaufte den Hypothekenriesen Countrywide Financial und Merrill Lynch auf. JPMorgan Chase schluckte Bear Stearns und Washington Mutual. Die Citigroup und Wells Fargo engagierten sich für die Übernahme von Wachovia.

          Wenn der Konjunkturrückgang deutlich genug ausfällt, wird dieser Trend voraussichtlich auf andere Industrien übergreifen und werden im Zuge dessen starke Akteure entweder die Marktanteile finanziell angeschlagener Unternehmen aufkaufen oder diese übernehmen.

          2. Rasant wachsenden Unternehmen könnten dringend benötigte Finanzierungen verweigert werden.

          Infolge der Kreditknappheit werden Kapitalbereitstellungen gestrichen, die Unternehmen zum Wachsen und zur Schaffung von Arbeitsplätzen brauchen, so Michele Gambera, Chefvolkswirt der Morningstar-Tochter Ibbotson Associates. Unternehmen können keine neuen Aktien ausgeben oder Anleihen verkaufen - die Anleger werden sie nicht kaufen. Und sie können sich kein Geld von den Banken leihen, die mit Kreditvergaben äußerst zurückhaltend geworden sind.

          Sind diese Bedingungen von Dauer, geraten neue Wachstumsunternehmen in Schwierigkeiten. Gambera: „Wer wird der nächste Google, wenn für den Aufbau eines neuen Google-Campus kein Geld da ist?“

          3. Cash is King.

          In einer Wirtschaft, in der Kreditknappheit herrscht, sind diejenigen Unternehmen im Vorteil, die über einen gesunden Cashflow verfügen. Gambera nennt den Zigarettenhersteller Altria Group, der für seinen guten Cashflow bekannt ist.

          Von entscheidender Bedeutung wird auch eine gesunde Bilanz - ohne hohe Verschuldung -sein. „Da die Kreditmärkte komplett eingebrochen sind, wird dies zur Überlebensfrage“, so Gary Wolfer, Chefvolkswirt von Univest Wealth Management.

          Seiner Auffassung nach könnten zu den Überlebenden Konsumgüter- und Gesundheitsunternehmen gehören, die Produkte des täglichen Bedarfs verkaufen und dabei große Mengen liquider Mittel erwirtschaften. Er nennt Procter & Gamble und Johnson & Johnson.

          4 . Setzen Sie nicht auf den amerikanischen Verbraucher.

          Wolfer prognostiziert „ein katastrophales Weihnachtsfest“ für die Einzelhändler. Für verbraucherorientierte Unternehmen sind die Probleme allerdings nicht nur kurzfristiger Natur.

          Seit nunmehr einer Generation erwirtschaften die Vereinigten Staaten laut Gambera ein „vierfaches Defizit“: Die Staatsverschuldung und ein Handelsdefizit sowie hohe Kreditaufnahmen im Finanzsektor und schließlich die hohe Verschuldung amerikanischer Privathaushalte. Kaum einer glaubt, dass das Vertrauen der Amerikaner in ihre Kreditkarten und in günstige Eigenheimhypotheken noch von Dauer sein wird.

          Zahlreiche Berichterstatter beobachten somit auch einen fundamentalen Wandel in der amerikanischen Wirtschaft und eine Abkehr vom Glauben an die Verschuldung und den überbeanspruchten amerikanischen Verbraucher. „Das Zeitalter der Verbraucherwirtschaft in den Vereinigten Staaten ist vorüber“, so Wolfer. „Unsere gesamte Wirtschaft wird künftig sehr viel mehr exportabhängig sein.“

          5. Setzen Sie auch nicht auf den weltweiten Infrastruktur-Boom.

          Wolfer und mit ihm viele andere mögen ihre langfristigen Hoffnungen für die Vereinigten Staaten in den Export setzen. Eine Kraft, die die weltweite Nachfrage nach amerikanischen Gütern ankurbelt, gibt jedoch Anlass für viel Kopfzerbrechen: der Bauboom in vielen aufstrebenden Ökonomien der ganzen Welt.

          In Zeiten des weltweiten Konjunkturrückgangs setzen viele auf nachlassende Nachfragen nach Investitionsgütern, Verbrauchsgütern und Energie.

          Laut Chad Deakins, Portfoliomanager beim RidgeWorth International Equity Fund werden aufstrebende Ökonomien, wie China und Indien, vielleicht von der Rezession verschont bleiben, ihr rasantes Wachstum wird sich jedoch vermutlich abschwächen. „In nächster Zeit wird jedes Land mit unterschiedlichen Problemen konfrontiert sein, die es daran hindern, Pläne zum Aufbau ihrer Infrastruktur zu machen“, so Deakins.

          Bereits in fünf Jahren werden Deakins Erwartungen zufolge aufstrebende Länder jedoch wieder zu bauen beginnen. „Auf der ganzen Welt gibt es viele Menschen, die einen höheren Lebensstandard wollen und bereit sind, dafür zu arbeiten. - Das nennt man Kapitalismus.“

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