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Anlagestrategie : Privatanleger investieren wider besseres Wissen vor allem zuhause

Bild: Schroders

Seit Jahren ist allerorten zu hören, dass die Zukunft der Welt nicht in Europa gemacht wird. Das glauben die Privatanleger auch und befürworten Investitionen - ihr Geld bleibt aber tatsächlich in Deutschland.

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          Die Diskrepanz zwischen dem was Menschen tun und dem was sie eigentlich für richtig halten und wofür sie sich interessieren ist bisweilen sehr groß. Das fängt etwa dabei an, dass zwar die Begeisterung für Ferraris groß ist, in Deutschland in diesem Jahr bislang aber nur 200 Stück zugelassen wurde. Oder dass zwar viele für weniger Autofahren plädieren, aber dennoch den Fußweg zum Bäcker scheuen, wenn der am anderen Ende der Straße ist.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          An der Börse ist es nicht anders, zumindest wenn man die Ergebnisse einer Studie der Fondsgesellschaft Schroders heranzieht. Die Vermögensverwalter hatten in ihrem Investmentbarometer zum dritten Mal 1040 Haushalte in Deutschland von der GfK befragen lassen, unter anderem wer denn wohl die ökonomische Supermacht sei und ob sich denn nicht ein Investment anbiete.

          Investieren in China und Indien ist sinnvoll...

          Die Antworten fielen erwartungsgemäß aus und entsprechen dem, was gemeinhin an Auffassungen kolportiert wird oder von sich aus vorherrscht. Fast die Hälfte der Befragten sieht in China die ökonomische Supermacht von morgen, immerhin noch 10 Prozent geben Indien die größten Chancen.

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          Und natürlich wollen viel in den kommenden zwei Jahren investieren. 41 Prozent sind das im Fall China, sogar 51 Prozent sind es bei Indien. Doch dann fangen die ersten Merkwürdigkeiten an: 48 Prozent wollen in den Vereinigten Staaten investieren, die aber nur 6 Prozent für die kommende wirtschaftliche Supermacht halten.

          Und China ist deutlich umstrittener als Indien: 35 Prozent der Befragten finden es nicht sinnvoll, dort Kapital zu investieren - ein sehr hoher Prozentsatz, der schon fast an den der Optimisten heranreicht. Ganz anders Indien, wo die Pessimisten gerade einmal 11 Prozent ausmachen.

          ... doch niemand will es tun

          Doch dass Meinungen und Taten eben zwei Dinge sind, zeigt sich schon in den tatsächlichen Investitionsabsichten: Gerade einmal 7 Prozent wollen innerhalb der kommenden zwei Jahre tatsächlich in China investieren, noch weniger in Indien und auch die Vereinigten Staaten stehen auf dem Wunschzettel weit unten.

          Tatsächlich ist Deutschland mit 72 Prozent gefragt wie eh und je und auch Europa spielt mit 35 Prozent eine große Rolle, obwohl gleichzeitig ein drohendes Auseinanderbrechen der Eurozone von 20 Prozent als derzeit größtes Risiko für Kapitalanlagen angesehen wird, mithin der drittwichtigste Grund. Diese Problematik spielt auch auf direkte Nachfrage praktisch keine Rolle in der praktischen Geldanlage.

          Bleibe im Lande

          Die Gründe für die Nichtberücksichtigung internationaler Kapitalanlagen sind wenig überraschend und zeigen einen Mangel an Information, vor allem aber Informationsunsicherheit. 54 Prozent der Anleger halten internationale Kapitalanlagen für zu risikoreich, das heißt also riskanter als Anlagen in Deutschland. Geht es um das höchste Länderrisiko, so spielt Deutschland mit 2 Prozent eine untergeordnete Rolle, ja sogar die Sorgen um die Vereinigten Staaten haben seit dem Vorjahr deutlich von 28 auf 20 Prozent abgenommen.

          Aber es ist auch nicht China, was den Anlegern die meiste Angst macht: Nur 8 Prozent sehen dort das höchste Risiko. Stattdessen ängstigt sich ein doppelt so hoher Anteil wie 2009, nämlich 22 Prozent um Lateinamerika, bezüglich Russlands ist der Anteil gar von 7 auf 18 Prozent gestiegen.

          Dort lässt sich eine gewisse Informationsunschärfe vermuten: Denn investieren in Lateinamerika heißt vornehmlich investieren in Brasilien. Die Sorgenkinder sind dagegen Argentinien oder Venezuela, die aber kaum eine Rolle für Kapitalanlagen spielen.

          Das zeigt sich auch darin, dass immerhin 51 Prozent angeben, sich zu wenig auszukennen. Gerade letzterer Anteil zeigt eine steigende Tendenz: 2008 waren es noch 43 Prozent, die dieses Argument ins Feld führten.

          „Das Investitionsverhalten bleibt von Angst geprägt“

          Verstärkt wird die Sicherheitsneigung privater Investoren vor allem durch unscharfe Ängste vor einer globalen Rezession und vor inflationsbedingten Wertverlusten, worin jeweils ein Drittel der Befragten die derzeit größten Risiken für Kapitalanlagen sehen. Ja sogar Umweltkatastrophen werden von 8 Prozent genannt. 2009 waren es noch 3 Prozent - offenbar ein Effekt des Untergangs der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko.

          „Das Investitionsverhalten vieler Privatanleger bleibt von Angst geprägt“, sagt Achim Küssner, Geschäftsführer von Schroder Investment Management. „Die notwendige Diversifikation wird weiterhin vernachlässigt. Anlegern entgehen dadurch nicht nur Renditechancen, sondern durch die geringe Streuung erhöhen sie auch das Risiko in ihrem Portfolio.“ Anleger erkennten offenbar Gefahren, handelten aber nicht entsprechend. Und das obwohl der Anteil von Privatanlegern, die sich als „absolut sicherheitsorientiert“ verstehen, im Jahr 2010 auf 79 Prozent von 70 Prozent vor zwei Jahren gestiegen ist.

          Lieblingsanlage: das Sparbuch bei der Bank um die Ecke

          Diese Erkenntnisse, sind an sich nicht neu, und sie zeigen, dass wenn es Lernprozesse gibt, diese nur sehr langsam von statten gehen. Aber die Langsamkeit ist ein Grundelement der Geldanlage von Privatanlegern. Weniger als 10 Prozent verkaufen oder kaufen ihre Kapitalanlagen mehrmals im Quartal, mehr als zwei Drittel seltener als jährlich oder nie. Die Aktivität ist zudem deutlich zurückgegangen. Vor zwei Jahren waren es noch 12 bzw. 58 Prozent.

          Das Ergebnis ist klar: 13 bzw. 15 Prozent der Befragten verteilen mehr als 80 Prozent ihres Vermögens über Sparbücher, Tages- und Festgeldkonten, bei Aktien sind es nur 4 Prozent. 79 Prozent der Befragten sind überwiegend in Deutschland investiert, 30 Prozent in Europa, während China und Indien gerade einmal auf 3 bzw. 2 Prozent kommen. Als Hoffnungsschimmer mag gelten, dass die Übergewichtung Deutschlands seit 2008 immerhin um 4 Prozentpunkte, die Europas von 32 auf 30 Prozent zurückgegangen ist.

          Faule Lehrer oder faule Schüler?

          „Es gibt nach wie vor ein starkes Informationsdefizit bei Anlegern,“ resümiert Küssner, der hier viel Arbeit für die Kapitalanlagebranche sieht, deren Berater über die Vorteile einer breiten Diversifikation aufklären müsse - gerade wegen der Finanzkrise und der entstandenen Unsicherheiten. Wollte man despektierlich sein, so müsste man fragen, was die Berater bisher getan haben.

          Letztlich aber täte man ihnen wohl auch unrecht: Denn für die meisten Menschen, die auch diese Zeilen nicht lesen dürften, ist wichtig, dass ihr Geld irgendwie unter ist und sie das Gefühl haben, sich keine Sorgen machen zu müssen. Und das darf auch einer machen, von dem sie glauben, dass der sich damit auskennt. Es ist wie in der Schule, wenn eine Klasse schlecht ist: Taugt der Lehrer nichts oder sind die Schüler dumm?

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