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Anlagestrategie : Chinas Aktieneuphorie kennt keine Grenzen

  • -Aktualisiert am

Bild: Bloomberg

Die Bemühungen der chinesischen Regierung zur Dämpfung der Nachfrage an den boomenden Festlandsbörsen zeigen wenig Wirkung. Der CSI-300-Index stieg in diesem Jahr um 185 Prozent.

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          Chinesische Anleger haben den irrationalen Überschwang zu völlig neuen Höhen geführt. Am 15. Oktober durchbrach der Shanghai Composite die Marke von 6.000 Punkten und schloss am 17. Oktober bei 6.337 Zählern. Seit Jahresbeginn ist der Index damit um bemerkenswerte 125 Prozent gestiegen.

          Der breitere CSI-300-Index, der die Wertentwicklung der größten an den Festlandsbörsen Shanghai und Shenzhen notierten Unternehmen abbildet, legte gar um 185 Prozent zu und zeigt bislang keinerlei Ermüdungserscheinungen. „Die Sache ist völlig aus dem Ruder gelaufen“, meint Carl Walter, Managing Director von JPMorgan in Peking und Co-Autor des Buches „Privatizing China“, das sich mit den Aktienmärkten Festlandchinas befasst.

          Regierung in Sorge

          Bei Regierungsbeamten geht derweil die Sorge um. Im Rahmen des 17. Nationalkongresses der Kommunistischen Partei Chinas in Peking gab Shang Fulin, Vorsitzender der chinesischen Börsenaufsichtskommission, in dieser Woche in einer Podiumsdiskussion ein Warnsignal ab. Die staatliche Tageszeitung „China Daily“ zitierte ihn am 17. Oktober mit den Worten: „Ich möchte meine Besorgnis über das fehlende Risikobewusstsein der Anleger zum Ausdruck bringen“. Wie die Zeitung weiter berichtete, wurden seine Bedenken vom Präsidenten der chinesischen Zentralbank, Zhou Xiaochuan, geteilt.

          Der Eifer chinesischer Anleger zeigt sich hiervon indes unbeeindruckt. Die Versuche der Regierung, die Nachfrage mit bislang fünf Zinsanhebungen im laufenden Jahr zu dämpfen, haben die Marktdynamik nur wenig bremsen können. Ein Grund hierfür sind die nach wie vor negativen Realzinsen bei anziehender Inflation. Die Rendite für Termineinlagen mit einjähriger Laufzeit beträgt 3,87 Prozent und liegt damit unterhalb der Preissteigerungsrate, die in den ersten neun Monaten 2007 4,1 Prozent betrug und weiter steigt. Im August erhöhten sich die Preise um 6,5 Prozent, für September wird ein Auftrieb von über sechs Prozent prognostiziert. Die Veröffentlichung der offiziellen Inflationszahlen für September ist für den 23. Oktober angesetzt.

          Zunehmende Akzeptanz höherer Bewertungen

          Ironischerweise heizte der Versuch der Regierung, einen Teil der Liquidität von den chinesischen Märkten abzuleiten, den Optimismus der Anleger weiter an. In der zweiten Augusthälfte gab die chinesische Staatsverwaltung für Devisenreserven ein Pilotprogramm bekannt, mit dem Privatanlegern in Festlandchina der Erwerb von Aktien am Börsenplatz Hongkong gestattet werden soll.

          Dieser Schritt löste in Hongkong eine Kaufwelle von Seiten lokaler und ausländischer Anleger in Erwartung einer starken chinesischen Nachfrage nach Aktien von in Hongkong notierten Unternehmen aus Festlandchina aus, die dort im Vergleich zu den Festlandsbörsen traditionell deutlich günstiger bewertet sind und keinerlei Investitionsbeschränkungen unterliegen. Die Kurse von in Hongkong notierten H-Aktien befinden sich seither im Höhenflug, wodurch sich der Abstand der Kurs-Gewinn-Verhältnisse zwischen den auf dem chinesischen Festland und in Hongkong gehandelten Aktien derselben Unternehmen verringert hat.

          Dies wiederum erhöht die Neigung der Anleger in Festlandchina, für die in Shanghai and Shenzhen gehandelten Aktien höhere Kurs-Gewinn-Verhältnisse zu akzeptieren, und zwar im Vertrauen darauf, dass die Kurse in Hongkong eher auf das Niveau der Festlandsbörsen ansteigen werden, als dass die Festlandsbörsen auf das niedrigere Kursniveau Hongkongs absinken.

          Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse betragen mittlerweile das 65-Fache der für 2007 prognostizierten Gewinne. „Dies lässt die Anleger in A-Aktien noch furchtloser werden“, folgert Frank Gong, für China verantwortlicher Chefvolkswirt bei JP Morgan Securities.

          Warren Buffett lässt Chinesen kalt

          In der Zwischenzeit saugt der heißgelaufene Markt für Börsengänge mit gigantischen Aufschlägen auf den Ausgabekurs immer mehr Geld in den Markt. Am 9. Oktober stieg beispielsweise der Aktienkurs von China Shenhua Energy, dem größten Kohleproduzenten des Landes, am ersten Handelstag um 87 Prozent. Der Börsengang in Shanghai bescherte dem Unternehmen 8,9 Milliarden Dollar.

          Alle Blicke richten sich nun auf den in Peking ansässigen Ölgiganten Petrochina, dessen für November angesetzter Börsengang in Shanghai mehr als fünf Milliarden Dollar einbringen soll. Am 16. Oktober verdrängte Petrochina den amerikanischen Konzern General Electric von Rang zwei der nach Marktwert weltweit größten Aktiengesellschaften (den ersten Platz hält Exxon Mobil). Am 17. Oktober betrug der Börsenwert des in New York und Hongkong gelisteten Unternehmens 434 Milliarden Dollar, während General Electric am 16. Oktober mit 418 Milliarden Dollar schloss.

          Selbst die Äußerung des amerikanischen Milliardärs Warren Buffett, dass es an der Zeit sei, einen Teil der Anlagegelder aus chinesischen Aktien abzuziehen, dürfte die Spekulanten in Festlandchina nicht davon abhalten, sich in Scharen auf Aktien zu stürzen. Obwohl das von Buffett geleitete Unternehmen Berkshire Hathaway in diesem Jahr mehr als die Hälfte seines Anteils an Petrochina verkaufte und auch die Veräußerung des noch verbleibenden Bestands plant, wird die Markteuphorie der Festlandchinesen wahrscheinlich dafür sorgen, dass der Börsengang von Petrochina in Shanghai zu einem spektakulären Debüt wird.

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