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Anlagenbau : Aus der Babcock-Aktie entweicht die letzte Fantasie

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Werftenträume ade Bild: dpa-Bildfunk

Dass Babcock Borsig sich jetzt doch nicht auf den lukrativen Schiffbau fokussiert, enttäuscht die Börse. Weitere Optionen scheinen rar.

          Am Dienstagmorgen sah man förmlich die Fantasie aus der Babcock Borsig-Aktie entweichen - bis 12.40 Uhr verliert der MDax-Wert 13,3 Prozent auf 7,50 Euro.

          Grund ist die dramatische Kehrtwende in der Unternehmensstrategie, die im Verlauf des Montags bekannt wurde. Anstelle einer Fokussierung auf den lukrativen Marineschiffbau hat der Konzern die Hälfte seiner 50-prozentigen Beteiligung an der Werft HDW an den US-Finanzinvestor One Equity Partners verkauft. Babcock begründete dies mit der mangelnden Finanzierungskraft für die weiteren HDW-Anteile.

          „Wegfall der wesentlichsten Strategieoption“

          „Die Aktie hatte in der Vergangenheit immer von der Fantasie einer Konzentration auf den Schiffbau profitiert“, erläutert Jens Jung von Independent Research. „Zwar erhält der Konzern mit dem Verkauf eine große Kapitalspritze - die Börse bewertet aber den Wegfall der wesentlichsten Strategieoption höher.“

          Daher hat der Analyst den Titel von „Übergewichten“ auf „Marktneutral“ heruntergestuft. Zwar sei die Aktie auch nach dem Verkauf langfristig einen Blick wert. „Investoren sollten aber erst abwarten, ob Babcock Borsig mit der Energietechnik langfristig operative Erträge erwirtschaftet.“ Das zweite strategische Bein der Energietechnik hat in der Vergangenheit operativ nicht besonders rentabel gearbeitet. Zudem bergen die zahlreichen übrigen Industriebeteiligungen weiteren Restrukturierungsbedarf.

          Führungsvakuum

          „Auch das Führungsvakuum an der Konzernspitze ist kritisch zu betrachten“, meint Jung. Babcock-Chef Klaus Lederer will nach dem Scheitern seiner Pläne, einen europäischen Werftenverbund unter Führung der HDW zu schaffen, den Konzern verlassen, aber HDW-Vorstandschef bleiben.

          Mit der Kehrtwende sind auch die Pläne des US-Investors Guy Wyser-Pratte offensichtlich gescheitert. Wyser-Pratte hatte sich im Januar mit gut fünf Prozent bei Babcock eingekauft und das erklärte Ziel verfolgt, den Unternehmenswert durch Fokussierung auf den Schiffbau zu steigern. Jetzt ist sein Ausstieg zu befürchten, ähnlich wie im Fall Rheinmetall, wo der quirlige Investor seine Vorstellungen ebenfalls nicht durchsetzen konnte. Für Babcock dagegen spricht der neue Großaktionär Deutsche Bank mit 8,8 Prozent Anteil, die das Paket vermutlich von Preussag erworben hat, das jetzt noch 8,92 Prozent an Babcock Borsig hält.

          Erst Ende Februar hatte Babcock mit einem auf 76 Millionen Euro ausgeweiteten Konzernverlust im ersten Quartal 2001/2002 (bis 31.12.) enttäuscht.

          Fazit: Die operative Fantasie ist für eine ganze Weile aus der Babcock-Aktie gewichen. Allerdings dürfte sie auf Basis ihres Buchwertes einen Boden erreicht haben. Den Wert der HDW-Beteiligung setzten Experten nämlich bei rund 800 Millionen Euro an; mithin könnten Babcock jetzt rund 400 Millionen Euro zugeflossen sein. Bei einer Marktkapitalisierung Babcock Borsigs bei derzeit unter 300 Millionen Euro scheint der Konglomeratsabschlag doch reichlich übertrieben zu sein. Es dürfte also interessant sein, welche strategischen Schritte eine neue Führung beschließt - in jedem Fall wird das operativ schwache Geschäft Babcocks eine Belastung bleiben.

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