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Nach Machtkampf in Südafrika : Finanzmärkte im Krisenmodus

Südafrikas Finanzminister Pravin Gordhan: Muss sich einer Anklage stellen. Bild: dpa

Der Finanzminister ist angeklagt, die Investoren schockiert. Südafrikas Währung muss starke Verlust hinnehmen. Und auch die Bankaktien sind im Keller. Was ist in dem Schwellenland passiert?

          3 Min.

          Nur wenige Tage ist es her, seit 28 südafrikanische Vorstandschefs gut gelaunt von einer Road-Show in New York mit Finanzminister Pravin Gordhan zurückgekehrt waren. Sie berichteten von einem enormen Interesse amerikanischer Fondsmanager. Das seit Ende vergangenen Jahres schwer erschütterte Investorenvertrauen in die führende Volkswirtschaft in Afrika schien wiederhergestellt.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Doch am Dienstagmorgen kam die Schreckensnachricht, die alle optimistischen Zukunftsszenarien in Frage stellte: Die Staatsanwaltschaft hat dem international geschätzten Finanzminister eine Vorladung vor Gericht zugesandt. Innerhalb kürzester Zeit verlor der Rand um mehr als 3 Prozent gegenüber dem Dollar, am Mittwoch weiteten sich die Verluste aus. Auch die Kurse der Bankaktien sanken rapide, am Anleihemarkt wurde massiv verkauft.

          Mitte Januar war der Rand auf einen historischen Tiefpunkt gefallen. Doch seitdem ging es aufwärts. Gegenüber dem Dollar gewann die Währung mehr als ein Fünftel an Wert. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg verzeichnete nur Brasiliens Real einen höheren Wertzuwachs. Schwellenländerwährungen profitieren allgemein von den niedrigen oder negativen Zinsen in Europa und den Vereinigten Staaten. Südafrika stach hervor, weil es im Hinblick auf Kreditwürdigkeit, Stabilität und Verlässlichkeit seiner staatlichen Institutionen besser abschneidet als etwa die Türkei.

          Bonität auf Ramschniveau

          Doch dieser Vorteil könnte jetzt schwinden. „Eine Absetzung Gordhans wird eine Menge Schaden anrichten“, sagte Peter Attard Montalto, Südafrika-Fachmann der Bank Nomura. Auch andere Analysten halten eine Herabstufung der Bonitätsnote auf Ramschniveau für wahrscheinlich. Südafrikas Wirtschaft, die in diesem Jahr stagniert, könnte eine Rezession bevorstehen. Mehrere Analysten hatten zuvor eine Abschwächung des Rands auf 14,56 zum Dollar bis Jahresende prognostiziert, verursacht von einer möglichen geldpolitischen Wende in Amerika. Die politische Krise in Südafrika dürfte diesen Faktor jetzt in den Hintergrund treten lassen. Derzeit kostet ein Dollar 14,42 Rand.

          Gordhan gilt für die Wirtschaft als Stabilitätsgarant, weil er die Staatskasse vor den zunehmenden Zugriffen einer mit Staatspräsident Jacob Zuma eng verbundenen Clique schützt. Auffallend viele Familienmitglieder und Freunde des Präsidenten tauchen in führenden Positionen staatlicher Institutionen auf und profitieren von Aufträgen der Staatskonzerne. Auch hält sich Gordhan zurück, Geld für ein umstrittenes milliardenschweres Kernkraft-Vorhaben Zumas bereitzustellen. Die meisten Kommentatoren halten die Anklage daher für politisch motiviert. „Zwischen den Lagern in der Regierungspartei ANC werden die Messer gewetzt“, stellt Colin Coleman, Chef von Goldman Sachs in Südafrika, fest.

          Steckt hinter der Verhaftung ein politisches Motiv?

          Schon im August hatten die Märkte heftig reagiert, als die Polizei den Minister aus anderen Gründen einbestellt hatte. Jetzt wird ihm Betrug während seiner Zeit als Chef des Finanzamtes vor sechs Jahren vorgeworfen. Es geht um Vergütungen für einen höheren Beamten von 1,1 Millionen Rand (70.000 Euro) als Vorruhestandspaket. Ob es sich um einen Gesetzesverstoß handelt, ist umstritten. Auch über die Schwere des angeblichen Vergehens wird diskutiert.

          Zum Vergleich: Der Präsident musste auf Geheiß der nationalen Ombudsfrau jüngst 7,8 Millionen Rand zurückzahlen, weil er auf Staatskosten seine Privatresidenz für 240 Millionen Rand verschönert hatte. Gegen Zuma hat ein Gericht jüngst Anklagen wegen Korruption und Betrug in 783 Fällen zugelassen.

          Letzter Ausweg: Gebete auf Twitter

          Noch dazu ist der Zeitpunkt der Anklage ungünstig. In zwei Wochen soll der Finanzminister seine Haushaltsrede zur Mitte des Fiskaljahres halten. Im Dezember werden Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit des Landes prüfen.

          Südafrikas Staatspräsident Jacob Zuma: Stecken er und seine Clique hinter der Verhaftung von Gordhan?
          Südafrikas Staatspräsident Jacob Zuma: Stecken er und seine Clique hinter der Verhaftung von Gordhan? : Bild: AP

          Die Note von S&P Global Ratings und Fitch liegt nur eine Stufe höher als Ramschniveau, die von Moody’s zwei Stufen höher. S&P hatte schon im Juni vor einer „Schwächung der staatlichen Institutionen wegen politischer Einflussnahme“ gewarnt. Moody’s nannte „politische Machtkämpfe und die Unsicherheit über die Führung des Finanzministeriums“ wichtige Risikofaktoren. Im Juni war Südafrika einer Abstufung noch knapp entgangen. Damals hatten Gordhan und mehrere Wirtschaftslenker unermüdlich für Vertrauen geworben.

          Wie die Wirtschaftszeitung „Business Day“ ausrechnete, haben Südafrikas Banken wegen der 1,1-Millionen-Rand-Anklage binnen kurzer Zeit fast 50 Milliarden Rand (3,1 Milliarden Euro) an Marktwert eingebüßt. Da fiel dem früheren Zentralbankchef Tito Mboweni nur noch ein Gebet als Reaktion ein: „Lieber Gott, rette unsere Wirtschaft und unser Land“, schrieb er auf Twitter.

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