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Wirtschaftsprognose : London zittert dem Wahltag entgegen

Die Bank von England: nur noch eine Frage der Zeit, bis der Leitzins erhöht wird Bild: AFP

Vor den britischen Parlamentswahlen wachsen für den Aktienmarkt die politischen Risiken. Die Entwicklung an der Börse begeistert wenig.

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          Deutsche Anleger, die ihr Geld vergangenes Jahr am Londoner Aktienmarkt angelegt haben, können heute eine Bilanz ziehen, die einerseits enttäuschend, andererseits aber doch ganz in Ordnung ist. Die Entwicklung der Aktienkurse ist dürftig: Auf Sicht der vergangenen zwölf Monate tritt das Londoner Marktbarometer FTSE 100 auf der Stelle.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zum Vergleich: Der Euro-Stoxx-50, der die Entwicklung der wichtigsten Aktien in den Ländern der Europäischen Währungsunion nachzeichnet, ist im selben Zeitraum um 12 Prozent gestiegen. Vor allem die im Londoner Leitindex stark gewichteten großen Energieunternehmen wie BP, Shell oder BG Group haben dagegen wegen des rapiden Ölpreisverfalls seit dem Sommer deutlich an Wert verloren.

          Doch zum Glück gibt es da noch das Pfund: Großbritanniens Währung hat vergangenes Jahr gegenüber dem Euro um rund 11 Prozent aufgewertet. Investoren, die in Euro rechnen, haben also am Londoner Aktienmarkt nichts verdient, aber dafür ordentliche Wechselkursgewinne eingestrichen. Denn während die Europäische Zentralbank (EZB) die Geldschleusen immer mehr öffnet und höhere Zinsen in der Währungsunion in weiter Ferne liegen, war die Entwicklung auf der Insel entgegengesetzt: In Großbritannien ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Bank von England auf die Bremse tritt und den Leitzins erhöht.

          Die Entwicklung ist dürftig: das Marktbarometer FTSE 100
          Die Entwicklung ist dürftig: das Marktbarometer FTSE 100 : Bild: F.A.Z.

          Schließlich wird die britische Volkswirtschaft dieses Jahr wohl um rund 3 Prozent wachsen und zählt damit abermals zu den Spitzenreitern in der industrialisierten Welt. Die Geldhüter zögern bisher zwar, um den Aufschwung nicht zu gefährden. Doch viele Analysten erwarten für Ende des Jahres einen ersten Zinsschritt nach oben. Diese Erwartung stärkt den Wechselkurs des Pfunds.

          Analysten waren vor turbulenter Zeit nach der Wahl

          In den kommenden Monaten allerdings müssen sich Anleger in Großbritannien auf turbulente Zeiten einstellen: Unisono warnen Analysten vor beträchtlichen politischen Risiken im Vereinigten Königreich, die auch Investoren zu spüren bekommen könnten. Im Mai wählen die Briten ein neues Parlament, und nach Analyse der Deutschen Bank ist der Ausgang so ungewiss wie seit gut einem Jahrhundert nicht mehr. Das politische Duopol auf der Insel zwischen der Konservativen Partei und der sozialdemokratischen Labour Party erodiert zunehmend. Umfragen zufolge kann keine der beiden großen Volksparteien beim Urnengang im Frühjahr mit einer klaren Mehrheit rechnen.

          Trotz Wirtschaftsaufschwung muss deshalb der Londoner Premierminister David Cameron um seinen Posten bangen. Eine mehr oder weniger stabile Koalitionsregierung gilt derzeit als das wahrscheinlichste Szenario. Aber auch eine Wiederholung der Wahlen wird nicht ausgeschlossen. Aus wirtschaftlicher Sicht brächte sowohl eine Koalition unter Führung der Konservativen als auch eine unter Führung von Labour große Unwägbarkeiten mit sich. Unter Führung der Konservativen würde das Risiko steigen, dass Großbritannien aus der Europäischen Union austritt.

          Bedeutet ein Brexit das Ende des starken Pfunds?

          Cameron hat seinen Landsleuten für den Fall der Wiederwahl ein Referendum über den sogenannten „Brexit“ versprochen. Doch die wirtschaftlichen Nachteile eines EU-Austritts wären nach Einschätzung vieler Fachleute gravierend. Eine Labour-Regierung wiederum würde wohl weniger Anstrengungen unternehmen, das bedenklich hohe staatliche Haushaltsdefizit zurückzuführen. Zugleich signalisiert Oppositionsführer Ed Miliband, dass er stärker auf Interventionen und Dirigismus setzen würde als die derzeitige Regierung. Viele Unternehmer sind deshalb von seiner wirtschaftspolitischen Agenda beunruhigt.

          Und was bedeutet all das für die Börse? Vor allem wohl, dass Aktiennotierungen und der Wechselkurs in den kommenden Monaten wegen der Ungewissheit stärker schwanken könnten. Die Analysten der UBS erwarten, dass im Falle einer Labour-Regierung etwa die Banken Verlierer sein könnten, weil die Sozialdemokraten die Branche stärker in die Mangel nehmen würden. Umgekehrt könnten viele ausländische Investoren kalte Füße bekommen und ihr Geld abziehen, wenn der EU-Austritt näherrücken sollte. Der „Brexit“ wiederum würde tendenziell das Pfund schwächen. Die Barclays-Analysten empfehlen derweil generell, britische Konsumaktien zu meiden: Die entwickelten sich in Wahljahren nämlich regelmäßig schwach.

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