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Geldanlage : Wie viel Risiko halte ich aus?

Wer nicht der Typ dazu ist und trotzdem Risiken eingeht, bekommt Schweißausbrüche und kann nicht mehr schlafen. Bild: Thilo Rothacker

Alle raten dazu, Aktien zu kaufen. Zu Recht. Doch wer sich an die Börse wagt, sollte vorher seine Nervenstärke testen. Aber wie kommt man zu einem aussagekräftigen Ergebnis?

          5 Min.

          „Das soll fürs Alter sein. Sicher soll es sein. Und sich gut verzinsen.“ Das ist in etwa die Standardantwort eines Deutschen, wenn er dem Anlageberater in der Bank die Wünsche für seine Geldanlage formuliert. Früher, in normalen Zinszeiten, war das machbar. Doch heute, wo Bundesanleihen nur noch 0,3 Prozent Rendite im Jahr abwerfen, nicht mehr. Irgendeines der Ziele bleibt nun auf der Strecke. Soll es weiter sehr sicher sein, kommt für die Altersvorsorge nicht genug Geld zusammen. Soll es aber fürs Alter reichen, muss mehr Rendite her. Das geht aber nur mit riskanteren Geldanlagen wie zum Beispiel Aktien.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Anleger steckt im Dilemma. Ist er bereit zu mehr Risiken? Die Frage ist schwierig zu beantworten, aber wichtig. Denn sieht er sich als Angsthase, muss er auf Bundesanleihen oder Bausparverträge, Lebensversicherungen, Fonds mit Garantieversprechen und Riester-Rentenverträge vertrauen. Die verlangen üppige Gebühren und werfen wenig Gewinn ab. Geht er aber ins Risiko, obwohl er gar nicht der Typ dazu ist, bekommt er Schweißausbrüche und kann nicht mehr schlafen, wenn die Aktienkurse mal um zehn Prozent fallen. Beides ist irgendwie nicht optimal.

          Tests im Internet sind zu abstrakt

          Es kann also viele Euro kosten oder bringen, wenn man seine Bereitschaft, Risiken einzugehen, gut einschätzen kann. Doch wie geht das? Der Berater in der Bank macht das mit einem Fragebogen. Die Einschätzung ist im Zweifel aus rechtlichen Gründen eher zu konservativ, denn entstehen Verluste durch Falschberatung, haftet die Bank. Auf der anderen Seite wollen sich manche Kunden gegenüber Fremden oder auch Freunden nicht als zu ängstlich darstellen.

          Daher haben die anonymen Tests im Internet ihre Vorteile, die Befragten können ehrlicher sein. Manche Online-Tests sind aber sehr simpel. Die Frage „Wie viel Risiko sind Sie bereit einzugehen?“ und Antwortmöglichkeiten von null, minus 10 oder minus 20 Prozent Wertverlust helfen nicht viel weiter. Das ist zu abstrakt, niemand kann sich vorstellen, wie sich das anfühlt. Im Zweifel würden Anleger sich als risikofreudig einschätzen und trotzdem panisch werden, wenn die Kurse mal um zehn Prozent fallen.

          Anfänger schätzen sich falsch ein

          Klassisch wird gefragt: „Wie viel Prozent Verlust sind Sie im Notfall bereit zu tragen, wenn Sie zehn Prozent Gewinn erzielen können?“ Die meisten antworten darauf, dass sie die Hälfte des möglichen Gewinns als Verlust akzeptieren könnten. Aber auch hier reichen abstrakte Rechnungen nicht aus. Die Antworten werden gewöhnlich noch mit dem Erfahrungsschatz der Anleger abgeglichen.

          Wer niemals Aktien gekauft hat, aber behauptet, 20 Prozent Kursverlust ertragen zu können, dem wird nicht geglaubt, weil er nicht weiß, wie sich das anfühlt. Hinzu kommen Kontrollfragen, die die sogenannte „Ambiguität“ überprüfen. Sie fragen, ob der Anleger zu Geschäften bereit ist, bei denen er kein Gefühl hat, wie hoch die Gewinnchance ist: „Aktien können 30 Prozent gewinnen oder verlieren. Gehen Sie das Risiko ein?“ Wer hier ja sagt, neigt zu Risikofreude.

          Sparziele mit Wahrscheinlichkeiten verknüpfen

          Manche Online-Banken und Finanz-Start-ups (Fintechs) wie Investify, Scalable Capital oder Whitebox versuchen es auf die emotionale Art. Da wird dann gefragt: „Machen Sie schon kleine Verluste nervös?“ oder „Belastet Sie die Gefahr stark, einen Teil Ihres Vermögens zu verlieren?“ Hier können sich die Menschen leichter einsortieren. Aber noch besser ist es, die konkreten Folgen von Kursverlusten in Euro vorzurechnen. „Können Sie es ertragen, wenn Ihr Vermögen am Jahresende um 10000 Euro geschrumpft ist?“ Da wird mancher Anleger, der sich zunächst als nervenstark gab, doch etwas vorsichtiger.

          Noch besser ist es, konkrete Sparziele mit Wahrscheinlichkeiten zu verknüpfen: „Wenn Sie in Aktien investieren, werden Sie genug Geld ansparen, um die in fünf Jahren geplante Weltreise mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent verwirklichen zu können. Ist es das wert, dafür die Risiken und Schwankungen von Aktien einzugehen? Wenn Sie eine höhere Wahrscheinlichkeit wollen, kann es nur eine kleinere Weltreise werden. Was ist Ihnen lieber?“ Wenn man sich das gut überlegt, bekommt man ein Gefühl für die eigene Risikobereitschaft.

          Angst vor Risiken von Geburt an bestimmt

          Für die richtige Geldanlage reicht das aber nicht aus. Wichtig ist auch die finanzielle Risikotragfähigkeit. Der größte Zocker sollte nicht in Aktien investieren, wenn er einen unsicheren Job hat, eine Familie ernähren muss und in drei Jahren mit dem Hausbau beginnen will. Dann muss einfach risikoarm angelegt werden, egal welcher Typ man ist. Entscheidend für diese Frage ist dabei, wie lange das Geld angelegt werden kann und ob man im Notfall jederzeit herankommen kann. Diese Tragfähigkeit lässt sich gut mit Finanzplanern im Internet oder einem Berater errechnen.

          Die Tragfähigkeit kann sich ständig ändern, während die Risikoneigung über das ganze Leben hinweg vergleichsweise stabil bleibt. Die Angst vor Risiken ist schon biologisch von der Geburt an bestimmt. Schuld ist der Mandelkern im Gehirn, das Angstzentrum. Je größer der Kern, desto größer die Risikobereitschaft, haben Forscher herausgefunden. Hinzu kommt die Erziehung. Wer überbehütet aufwächst, geht später weniger Risiken ein. Wer hingegen in einem Unternehmerhaushalt aufwächst und so Chance und Risiko und den Umgang damit erlebt, steht nachher riskanteren Geldanlagen offener gegenüber.

          Deutsche besitzen wenig Aktien

          Auch die Gesellschaft prägt die Risikoeinstellung. „In individueller geprägten Ländern wie den Vereinigten Staaten sind die Menschen risikobereiter, in kollektiveren wie China oder zum Teil auch europäischen Staaten weniger. Hier wird dem Staat als Schutzinstanz vertraut“, sagt Thorsten Hens, Verhaltensforscher und Finanzwissenschaftler an der Universität Zürich. Das ist ein Grund, warum die Deutschen wenig Aktien besitzen. Diese übers Leben stabile Risikoeinstellung scheint der Aktieneuphorie der Deutschen um die Jahrtausendwende zu widersprechen.

          Aktien kaufen ist verlockend. Trotzdem scheuen viele Deutsche davor zurück.

          Doch sie entstand nicht dadurch, dass die Menschen hierzulande plötzlich das Zocken lieben gelernt haben. „Sie haben das Risiko der Aktien zu gering eingeschätzt, dachten, die Kurse können ja nur steigen, weil das damals über Monate so war“, erläutert Rüdiger von Nitzsch, Entscheidungsforscher an der RWTH-Universität Aachen.

          Deutsche beurteilen Aktien anders als Amerikaner

          So kommt der dritte wichtige Risikofaktor ins Spiel, nach Risikobereitschaft des Anlegers und seiner Risikotragfähigkeit. Es geht darum, wie riskant man Geldanlagen einstuft. Das ist eine Frage der Finanzbildung – und die ist in Deutschland nicht so gut ausgeprägt. Daher schwankt die Risikowahrnehmung stark, immer abhängig von der jeweiligen Börsenlage.

          Die Dotcom-Euphorie bis zum Jahr 2000 und die Auswüchse am Neuen Markt waren dabei eher die Ausnahme. Normalerweise beurteilen die Deutschen anders als zum Beispiel die Amerikaner Aktien als Teufelszeug. „Die Menschen denken kurzfristig, und da können Aktien nun mal kräftig schwanken“, sagt Finanzökonom Hens. Die heftigen Kursstürze nach dem Platzen der Internetblase oder in der Finanzkrise 2008 und 2009 schienen die Zweifler zu bestätigen. Viele rührten danach nie wieder Aktien an.

          Auch andere Anlagen sind unsicher

          Die wenigsten schauen auf die langfristige Risikoarmut von Aktien, auch die nicht, die fürs Alter sparen und damit viel Zeit mitbringen. So gab es beispielsweise mit einer Anlage in den Dax (in den gesamten Index mit seinen 30 Mitgliedern, nicht in wenige Einzelaktien) in einem beliebigen Zeitraum von 13 Jahren bisher nie Verluste, selbst für die Anleger, die zum Höchststand kauften und danach alle Crashs mitmachen mussten. Im Schnitt kommt der Dax auf eine Rendite von acht Prozent pro Jahr. Auf lange Sicht sind Anlagen in einen Aktienkorb also sehr risikoarm.

          Auf der anderen Seite ist manch vermeintlich sichere Anlage gar nicht so sicher. Immobilien zum Beispiel. Vor dem jüngsten Aufschwung fielen die Preise über Jahrzehnte. Auf dem Land, wo die Leute wegziehen, oder in den Einflugschneisen von Flughäfen sinken die Preise bis heute. Oder Anleihen. Sie garantieren die Rückzahlung nur bei Fälligkeit. Wer zwischendurch verkauft, weil er Geld braucht oder die niedrigen Zinsen nicht mehr akzeptieren will, der kann Verluste erleiden. Und nach Inflation tut er das derzeit sogar, wenn er bis zur Fälligkeit wartet. So bleibt als Fazit: Es ist wichtig, sich über seine eigene Risikoeinstellung ehrlich Gedanken zu machen. Und sich über die tatsächlichen Risiken von Geldanlagen zu informieren. So erscheint manche Sparidee in einem ganz neuen Licht.

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