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Geldanlage : Wie viel Risiko halte ich aus?

Angst vor Risiken von Geburt an bestimmt

Für die richtige Geldanlage reicht das aber nicht aus. Wichtig ist auch die finanzielle Risikotragfähigkeit. Der größte Zocker sollte nicht in Aktien investieren, wenn er einen unsicheren Job hat, eine Familie ernähren muss und in drei Jahren mit dem Hausbau beginnen will. Dann muss einfach risikoarm angelegt werden, egal welcher Typ man ist. Entscheidend für diese Frage ist dabei, wie lange das Geld angelegt werden kann und ob man im Notfall jederzeit herankommen kann. Diese Tragfähigkeit lässt sich gut mit Finanzplanern im Internet oder einem Berater errechnen.

Die Tragfähigkeit kann sich ständig ändern, während die Risikoneigung über das ganze Leben hinweg vergleichsweise stabil bleibt. Die Angst vor Risiken ist schon biologisch von der Geburt an bestimmt. Schuld ist der Mandelkern im Gehirn, das Angstzentrum. Je größer der Kern, desto größer die Risikobereitschaft, haben Forscher herausgefunden. Hinzu kommt die Erziehung. Wer überbehütet aufwächst, geht später weniger Risiken ein. Wer hingegen in einem Unternehmerhaushalt aufwächst und so Chance und Risiko und den Umgang damit erlebt, steht nachher riskanteren Geldanlagen offener gegenüber.

Deutsche besitzen wenig Aktien

Auch die Gesellschaft prägt die Risikoeinstellung. „In individueller geprägten Ländern wie den Vereinigten Staaten sind die Menschen risikobereiter, in kollektiveren wie China oder zum Teil auch europäischen Staaten weniger. Hier wird dem Staat als Schutzinstanz vertraut“, sagt Thorsten Hens, Verhaltensforscher und Finanzwissenschaftler an der Universität Zürich. Das ist ein Grund, warum die Deutschen wenig Aktien besitzen. Diese übers Leben stabile Risikoeinstellung scheint der Aktieneuphorie der Deutschen um die Jahrtausendwende zu widersprechen.

Aktien kaufen ist verlockend. Trotzdem scheuen viele Deutsche davor zurück.

Doch sie entstand nicht dadurch, dass die Menschen hierzulande plötzlich das Zocken lieben gelernt haben. „Sie haben das Risiko der Aktien zu gering eingeschätzt, dachten, die Kurse können ja nur steigen, weil das damals über Monate so war“, erläutert Rüdiger von Nitzsch, Entscheidungsforscher an der RWTH-Universität Aachen.

Deutsche beurteilen Aktien anders als Amerikaner

So kommt der dritte wichtige Risikofaktor ins Spiel, nach Risikobereitschaft des Anlegers und seiner Risikotragfähigkeit. Es geht darum, wie riskant man Geldanlagen einstuft. Das ist eine Frage der Finanzbildung – und die ist in Deutschland nicht so gut ausgeprägt. Daher schwankt die Risikowahrnehmung stark, immer abhängig von der jeweiligen Börsenlage.

Die Dotcom-Euphorie bis zum Jahr 2000 und die Auswüchse am Neuen Markt waren dabei eher die Ausnahme. Normalerweise beurteilen die Deutschen anders als zum Beispiel die Amerikaner Aktien als Teufelszeug. „Die Menschen denken kurzfristig, und da können Aktien nun mal kräftig schwanken“, sagt Finanzökonom Hens. Die heftigen Kursstürze nach dem Platzen der Internetblase oder in der Finanzkrise 2008 und 2009 schienen die Zweifler zu bestätigen. Viele rührten danach nie wieder Aktien an.

Auch andere Anlagen sind unsicher

Die wenigsten schauen auf die langfristige Risikoarmut von Aktien, auch die nicht, die fürs Alter sparen und damit viel Zeit mitbringen. So gab es beispielsweise mit einer Anlage in den Dax (in den gesamten Index mit seinen 30 Mitgliedern, nicht in wenige Einzelaktien) in einem beliebigen Zeitraum von 13 Jahren bisher nie Verluste, selbst für die Anleger, die zum Höchststand kauften und danach alle Crashs mitmachen mussten. Im Schnitt kommt der Dax auf eine Rendite von acht Prozent pro Jahr. Auf lange Sicht sind Anlagen in einen Aktienkorb also sehr risikoarm.

Auf der anderen Seite ist manch vermeintlich sichere Anlage gar nicht so sicher. Immobilien zum Beispiel. Vor dem jüngsten Aufschwung fielen die Preise über Jahrzehnte. Auf dem Land, wo die Leute wegziehen, oder in den Einflugschneisen von Flughäfen sinken die Preise bis heute. Oder Anleihen. Sie garantieren die Rückzahlung nur bei Fälligkeit. Wer zwischendurch verkauft, weil er Geld braucht oder die niedrigen Zinsen nicht mehr akzeptieren will, der kann Verluste erleiden. Und nach Inflation tut er das derzeit sogar, wenn er bis zur Fälligkeit wartet. So bleibt als Fazit: Es ist wichtig, sich über seine eigene Risikoeinstellung ehrlich Gedanken zu machen. Und sich über die tatsächlichen Risiken von Geldanlagen zu informieren. So erscheint manche Sparidee in einem ganz neuen Licht.

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