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Reaktion auf Deregulierung : Amerikas Banken könnten Eigenkapital abbauen

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Amerikas Banken könnten von einer lockeren Regulierung profitieren. Bild: AFP

Trumps rasche Deregulierung des Bankensektors erfreut Anleger und besorgt Investoren. Der amerikanische Präsident dürfte bei der Aufsicht über die Finanzmärkte noch einen Schritt weiter gehen.

          Der Höhenflug der amerikanischen Bankaktien an der Wall Street hält an. Trotz leichter Rückschläge in den ersten Handelstagen der Woche haben sich die Kurse wegen der Aussicht auf lockerere Regulierung auf höherem Niveau stabilisiert. Die Aktienkurse der Banken hatten am vergangenen Freitag einen deutlichen Schub erhalten, nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump in einem Dekret die Überarbeitung des Dodd-Frank-Gesetzes angekündigt hatte - also des Reformpakets, mit dem die demokratische Mehrheit im Kongress und Trumps Vorgänger Barack Obama 2010 auf die schwere Finanzkrise des Jahres 2008 reagiert hatten.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Trump will viele dieser Richtlinien „streichen“ und hatte eine Aufweichung der von ihm als übertrieben charakterisierten Regulierung bereits im Wahlkampf angekündigt. Der frühe Zeitpunkt des Erlasses, genau zwei Wochen nach der Amtseinführung Trumps, sorgte bei Investoren dennoch für Überraschung. „Bankregulierung schien nicht die erste Priorität für die Regierung zu sein, weswegen es positiv ist, dass diese Dekrete so früh kommen“, sagte Jason Benowitz, Fondsmanager beim Vermögensverwalter Roosevelt Investment Group.

          Anleger wetten nun darauf, dass Banken im Zuge einer lockereren Regulierung mehr Dividenden ausschütten und eigene Aktien zurückkaufen werden. Diese Maßnahmen stützten in der Regel Aktienkurse. „Es könnten nicht nur die Gewinne steigen, sondern sie könnten auch überschüssiges Eigenkapital zurückgeben. Wir gehen von Dividendenerhöhungen und mehr Rückkäufen bei einigen der größten Banken aus“, sagte Bill McMahon, Chefanleger des auf Dividendenaktien spezialisierten Vermögensverwalters Thomas Partners, einer Tochtergesellschaft der Direktbank Charles Schwab.

          Anleger hoffen auf höhere Zinseinnahmen

          Die Aktienkurse amerikanischer Banken hatten gleich nach der Wahl Donald Trumps einen gewaltigen Satz nach oben gemacht. Der KBW Nasdaq Bank Index, das einschlägige Barometer der Branche, ist seit dem Wahltag vor drei Monaten um fast 23 Prozent gestiegen - gut dreimal so stark wie der breitgefasste Aktienindex S&P 500. Neben sinkenden Kosten für Regulierung hoffen Anleger auch auf steigende Zinsen und damit auf höhere Zinseinnahmen. Ein kräftigerer Wirtschaftsaufschwung könnte zudem das Kreditgeschäft der Banken beflügeln. Die von Trumps Sieg ausgelöste Euphorie an den Aktienmärkten führte zuletzt zu steigenden Einnahmen im Wertpapierhandel.

          S&P 500

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          Analysten der Royal Bank of Canada (RBC) schätzen, dass die sechs größten amerikanischen Banken aktuell etwas mehr als 100 Milliarden Dollar mehr Eigenkapital vorhalten als von den Aufsichtsbehörden gefordert. Analysten von Morgan Stanley beziffern das überschüssige Kapital auf rund 120 Milliarden Dollar für die 18 größten Banken. Die amerikanische Notenbank Fed führt in ihrer Rolle als Bankenaufsicht seit Verabschiedung des Dodd-Frank-Gesetzes regelmäßige Belastungstest für die größten Banken durch und muss grünes Licht für geplante Dividendenausschüttungen oder Aktienrückkäufe geben. Das hatte viele Kreditinstitute veranlasst, mehr Kapital vorzuhalten. Mit knapp 28 Milliarden Dollar hat die Citigroup nach Angaben von RBC das meiste überschüssige Kapital, gefolgt von JP Morgan (20 Milliarden Dollar) und Wells Fargo (16 Milliarden Dollar).

          Bank of America mit größtem Kursgewinn

          Die Fed hatte bereits vor den Wahlen signalisiert, dass sie den Banken höhere Auszahlungen an Investoren erlauben wird, und Kreditinstitute wie die Citigroup hatten angekündigt, die Ausschüttungen in diesem Jahr deutlich anheben zu wollen. Der Aktienkurs der Citigroup hat sich mit einem Plus von nur 15 Prozent seit den Wahlen unterdurchschnittlich entwickelt. Mit einem Kursgewinn von knapp 35 Prozent ist die Aktie der Bank of America der führende Titel unter den sechs größten amerikanischen Banken.

          Mit den Stresstests soll die Aufsicht sicherstellen, dass Kreditinstitute im Fall einer Rezession widerstandsfähig genug sind, um Verluste zu verkraften ohne in Schieflage zu geraten. Im Zuge der Finanzkrise hatten Finanzministerium und Notenbank große Banken mit Finanzspritzen in mehrstelliger Milliarden-Dollar-Höhe gestützt.

          Bis zu 110 Milliarden Dollar könnten zurückfließen

          Abgesehen von Gesetzesänderungen, die der Kongress beschließen müsste, verfügt die Regierung Trump noch über einen direkteren Weg, die Regulierung der Finanzmärkte zu beeinflussen: die personelle Besetzung der Aufsichtsbehörden, welche die in der Regel allgemein gehaltenen gesetzlichen Vorgaben in konkrete Richtlinien umsetzen. Trump dürfte bei der Fed bald einen Vize-Vorsitzenden für Bankenaufsicht ernennen. Diese von Dodd-Frank vorgeschriebene Position war von Obama nicht besetzt worden, weil der Senat, der die Kandidaten bestätigen muss, bereits in der Hand der Republikaner und Widerstand zu erwarten war.

          Analyst Mike Mayo vom Wertpapierhaus CLSA schätzt, dass bis 2019 rund 85 Prozent des Gewinns einer typischen Bank in Form von Dividenden oder Aktienrückkäufen an Investoren fließen wird. Im Jahr 2015 belief sich dieser Anteil noch auf 65 Prozent. Insgesamt dürfte sich die Summe des an Investoren zurückfließenden Kapitals auf 110 Milliarden Dollar belaufen, glaubt Mayo.

          Allerdings könnten die Kosten für Refinanzierung mit steigenden Kapitalausschüttungen steigen. Der Grund: Kreditbewertungsagenturen dürften die Bewertung der Banken senken, wenn das Kapitalpolster dünner wird und die Risiken für Anleiheinvestoren steigen. Banken müssten ihren Gläubigern dann höhere Zinsen zahlen. Die Ratingagentur Fitch hat bereits vor solchen Konsequenzen gewarnt.

          Andere Investoren warnten davor, den Gesamtzusammenhang nicht aus den Augen zu verlieren. „Wir haben erlebt, dass Finanzinstitute ein wenig über die Stränge schlagen, wenn einige Regularien nicht vorhanden sind“, sagte Tom Stringfellow, Chefanleger des Vermögensverwalters Frost Investment Advisors. „Wir könnten auf einen erneuten Finanzwahn zusteuern - was weder für Anleger, noch für Verbraucher oder die Banken selbst hilfreich wäre.“

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