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Amerikanische Finanzwerte : Bankenhausse an der Wall Street gerät ins Stocken

  • -Aktualisiert am

Staatliches Sanierungsobjekt AIG: bei Aktionären wieder gefragt Bild: AP

Die Aktienkurse von Finanzwerten an der Wall Street sind in den vergangenen Monaten stark geklettert. Besonders Hedge-Fonds haben davon profitiert. Doch jetzt erwarten einige Aktien-Analysten das Ende dieses Höhenflugs.

          Einflussreiche Analysten an der Wall Street warnen vor einem Ende der jüngsten Hausse amerikanischer Finanzwerte. Die Kurse von Bankaktien an der New Yorker Börse Nyse sind am Dienstag im Durchschnitt um rund 6 Prozent gefallen, nachdem sie in den vergangenen Monaten kräftig zugelegt hatten. Am Mittwoch gaben die Titel im frühen Handel weiter nach, allerdings nicht so dramatisch wie am Vortag.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Im breitgefassten amerikanischen Aktienindex S&P 500 sind Finanzwerte trotz der jüngsten Korrektur in diesem Quartal mit einem Plus von mehr als 16 Prozent dennoch das beste Branchensegment. Damit haben sich die Finanzwerte doppelt so gut entwickelt wie der S&P 500. Analyst Richard Bove vom Wertpapierhaus Rochdale Securities bezeichnete aber besonders die Aktienkurse angeschlagener Banken wie der Citigroup mittlerweile als vergleichsweise hoch bewertet. Investoren hätten diese gebeutelten Titel wegen vermeintlich höherer Gewinnchancen stark nachgefragt. „Die Unternehmen, die in den kommenden zwei Jahren die geringsten Chancen haben, wieder das Gewinnniveau von 2007 zu erreichen, haben sich beim jüngsten Kursaufschwung am besten entwickelt“, schrieb Bove.

          Anleger sollten lieber Qualitätstitel kaufen und nicht Werte, bei denen es scheint, als bekomme man „mehr für sein Geld“. Im vierten Quartal, nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers und der staatlichen Rettungsaktion für den großen Versicherer American International Group (AIG), habe die Branche die Auswirkungen von Massenhysterie zu spüren bekommen. Die Stimmung habe sich nun in „zügellose Euphorie“ verwandelt, meint Bove. Der Analyst rechnet mit einem möglichen Rückschlag nach den kräftigen Kursgewinnen.

          Erfolgreiche Wette auf fallende Preise

          Neben der Citigroup haben auch deren Konkurrent Bank of America sowie die beiden verstaatlichten Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac jüngst den Handel an der New Yorker Börse dominiert. Die Kurse der Titel haben sich seit ihren Tiefständen in diesem Jahr mehr als verdreifacht. Auch das Handelsvolumen bei AIG, die sich zu vier Fünfteln in Regierungshand befindet, war ungewöhnlich hoch. Der Aktienkurs von AIG hat sich in den vergangenen sechs Monaten trotz eines Rückgangs um mehr als 20 Prozent am Dienstag mehr als vervierfacht. Zeitweise belief sich das Handelsvolumen bei diesem Werten auf mehr als zwei Fünftel des gesamten Volumens an der Nyse. Händler bezeichneten diese Entwicklung als „Dash for Trash“ - „Sprint zum Müll“. Der Grund: Die an der Börse besonders nachgefragten Finanzriesen hatten stark unter den Auswirkungen der Finanzkrise gelitten und müssen weiterhin staatliche Hilfen in Anspruch nehmen. „Keiner kauft sie wegen ihrer fundamentalen Geschäftsentwicklung, die kaufen sie wegen der Hoffnung auf staatliche Maßnahmen für deren Überleben“, sagte Jon Najarian, der Mitgründer des Informationsdienstes Optionmonster.com.

          Auch große Hedge-Fonds hatten jüngst stark auf Banken gewettet. Nach Angaben des Informationsdienstes Thomson Reuters stachen im zweiten Quartal Positionen in Aktien der Bank of America oder J.P. Morgan Chase bei den Hegde-Fonds heraus. Die 30 Fonds, deren Meldungen an die Börsenaufsicht Thomson Reuters ausgewertet hat, erhöhten ihre Engagements bei Finanzaktien im zweiten Quartal gegenüber dem ersten um 56 Prozent auf 59,5 Milliarden Dollar. Mindestens fünf der größten Hedge-Fonds hatten Aktien der Bank of America gekauft, darunter der Fonds von John Paulson. Der Milliardär war vor zwei Jahren wegen seiner erfolgreichen Wette auf fallende Preise im Häusermarkt bekannt geworden.

          Drohende Ausfälle

          Der Kursrückschlag in dieser Woche hat an der Wall Street aber die Frage nach der Nachhaltigkeit der starken Kursgewinne aufgeworfen. „Jeder fragt sich, ob das Rennen bei den Banken nun vorbei ist“, sagte William Lefkowitz, der die Strategie im Optionshandel beim Wertpapierhaus V-Finance verantwortet. „Die Leute wetten darauf, dass die Finanztitel einfach zu weit nach oben gelaufen sind“, meint Lefkowitz.

          Belastend für Bankaktien waren auch Gerüchte um die mögliche Insolvenz einer größeren Bank. Die amerikanische Einlagensicherungsbehörde FDIC hatte die Zahl der Banken, denen möglicherweise eine Pleite droht, kürzlich auf mehr als 400 angehoben. Insgesamt sind in diesem Jahr schon 84 meist kleine und mittelgroße Kreditinstitute zusammengebrochen. Die FDIC-Vorsitzende Sheila Bair hatte am Mittwoch in einem Fernsehinterview Engagements im Büroimmobilienmarkt als Schwachpunkt bei Banken genannt.

          Große Häuser wie J.P. Morgan Chase hatten in den vergangenen Quartalen aber überraschend positive Geschäftsergebnisse ausgewiesen. Einige hatten zudem die erhaltenen Staatshilfen zurückgezahlt. Die meisten Banken profitierten aber vom Wertpapiergeschäft. Im Kreditgeschäft erhöhten die Banken angesichts der Rezession und der steigenden Arbeitslosigkeit jedoch die Rückstellungen wegen drohender Ausfälle.

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