https://www.faz.net/-gv6-b8q

Amerikanische Aktien : Die Wall Street geht in die Defensive

  • Aktualisiert am

Die Händler an der Wall Street müssen Verluste verkraften Bild: dapd

Schwache Konjunkturdaten schüren die Angst vor einem nachlassenden Aufschwung in Amerika. Nun gehen die Kurse auf breiter Front zurück. „Es gibt eine große Zahl von Fondsmanagern, die nervös sind“, sagte ein Vermögensverwalter.

          3 Min.

          Anleger an der Wall Street bringen sich in Verteidigungsstellung. Seit geraumer Zeit bevorzugen Investoren konjunkturunabhängige Aktien aus Gesundheitswesen, Konsum oder der Versorgerbranche, um sich vor einer drohenden Wachstumsdelle in den Vereinigten Staaten zu schützen. Aktien aus diesen drei Bereichen führen in diesem Quartal die Entwicklung im breitgefassten amerikanischen Aktienmarktindex S&P 500 klar an. Dagegen haben die bisherigen Favoriten aus konjunktursensiblen Segmenten wie Energie, Grundstoffe oder Industrie nach den Finanzwerten seit Anfang April am stärksten nachgegeben.

          Eine defensive Anlagestrategie zahlte sich beim starken Kursrückgang an der Wall Street am Mittwoch aus. Nach schwächer als erwartet ausgefallenen Daten aus dem Arbeitsmarkt, dem verarbeitenden Gewerbe, der Autobranche und dem Häusermarkt gaben die Kurse an den amerikanischen Aktienmärkten auf breiter Front nach. Nichtzyklische Konsumwerte wie der Windelhersteller Procter & Gamble und Gesundheitstitel wie der Pharmakonzern Pfizer reagierten allerdings mit vergleichsweise geringen Abschlägen von deutlich weniger als 2 Prozent. Der S&P 500 und der Dow-Jones-Index sackten um jeweils 2,2 Prozent ab. Alle 30 im Dow Jones abgebildeten Standardwerte schlossen im negativen Bereich. Für die beiden Aktienbarometer war es der stärkste Tagesverlust seit Mitte August des vergangenen Jahres.

          „Nervöse Fondsmanager“

          Am stärksten gerieten Finanztitel wie die Bank of America, Industriewerte wie der Baumaschinenkonzern Caterpillar und Grundstoffhersteller wie der Aluminiumproduzent Alcoa unter Druck, deren Kurse um durchschnittlich jeweils mehr als 3 Prozent fielen. Am Donnerstag eröffneten die amerikanischen Aktienmärkte abermals mit leichten Verlusten, entwickelten sich danach aber uneinheitlich. „Es gibt eine große Zahl von Fondsmanagern, die nervös sind“, beobachtet Fred Fraenkel, der beim Vermögensverwalter Beacon Trust die Anlagestrategie verantwortet. „Sie sind investiert, aber sie fürchten sich wie im vergangenen Jahr vor einem erneuten Wirtschaftsabschwung“, sagt Fraenkel.

          Die Firma ADP Employer Services, ein privater Dienstleister für Lohn- und Gehaltsabrechnung, hatte am Mittwoch bekanntgegeben, dass Unternehmen im Mai nur 38.000 Stellen geschaffen haben. Das war der geringste Zuwachs seit September und blieb hinter den Prognosen zurück. Daraufhin nahmen Volkswirte der Bank Goldman Sachs ihre Schätzungen für die am heutigen Freitag anstehenden offiziellen Arbeitsmarktdaten der amerikanischen Regierung zurück. Anleger achten stark auf die Beschäftigungstrends, weil das unter anderem Hinweise auf das Ausgabeverhalten der Verbraucher gibt, die stark zum Wirtschaftswachstum beitragen.

          Häusermarkt wieder auf Talfahrt

          „Es gab diese Anhäufung von Daten, die auf einen langsameren Wirtschaftsaufschwung hinweisen“, sagte Kathy Jones, Aktienstrategin bei der Direktbank Charles Schwab. „Die ADP-Zahlen haben wahrscheinlich jeden vom Gegenteil überzeugt, der auf starke Arbeitsmarktdaten am Freitag gehofft hatte“, sagte Jones. Auch ein Rückgang der wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, den das Arbeitsministerium am Donnerstag bekanntgab, fiel nicht so stark aus, wie er von Volkswirten erwartet worden war.

          Der Häusermarkt, der im Zentrum der jüngsten Finanzkrise gestanden hatte, befindet sich nach einer von steuerlichen Anreizen bedingten zwischenzeitlichen Erholung wieder auf Talfahrt. Die Häuserpreise in Amerika waren gemessen am S&P-Case-Shiller-Hauspreisindex im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 4,2 Prozent gefallen. „Die Häuserpreise befinden sich weiter in einer Abwärtsspirale, und eine Linderung ist nicht in Sicht“, sagte David Blitzer, der Vorsitzende des Indexausschusses der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P).

          Einige Fachleute an der Wall Street rechnen trotz der offensichtlichen Schwächephase dennoch wieder mit einer baldigen Erholung ähnlich wie im vergangenen Jahr, weil zunächst nicht mit einer Leitzinserhöhung durch die Notenbank zu rechnen ist – auch wenn ein Stützungsprogramm der Fed Ende Juni auslaufen wird. Die Fed hatte Staatsanleihen gekauft, um die Zinsen niedrig zu halten. „Es gibt eine Menge Strategen, die glauben, dass das Ende der geldpolitischen Lockerung der Beginn der Verschärfung ist, und deswegen haben die Leute in defensive Anlagen umgeschichtet“, sagt Barry Knapp, amerikanischer Aktienmarktstratege der britischen Bank Barclays. Knapp hält das allerdings für einen „flüchtigen“ Trend.

          Schwache Konjunkturdaten
          schüren die Angst vor einem
          nachlassenden Aufschwung in
          Amerika. Nun gehen die
          Kurse auf breiter Front zurück.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.