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Amerika : Nobelpreisträger Stiglitz rät Börsianern mittelfristig zur Vorsicht

  • -Aktualisiert am

Nobelpreisträger für Wirtschaft J. Stiglitz Bild: AP

Amerikas Wirtschaft befinde sich in einem Aufschwung, werde aber nicht genügend neue Jobs schaffen, sagt Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Als Börsianer wäre er mittelfristig vorsichtig.

          Mit rasanten Kursgewinnen feierten und feiern die Börsen in den vergangenen Monaten die sich abzeichnende konjunkturelle Erholung. Sie bauen darauf, daß die Unternehmen in diesem Umfeld Gewinne und Umsätze deutlich steigern können werden. Allen voran in Amerika. Denn dort „feuert die Wirtschaft auf allen Zylindern“ ist beinahe überall zu lesen.

          Eine extrem lockere Geldpolitik mit rekordtiefen Zinsen, sehr hohe Staatsausgaben und Steuersenkungen führten die Wirtschaft aus ihrem Tief und nicht nur zu hohem Wirtschaftswachstum, sondern werde auch die Beschäftigungssituation verbessern, heißt es. Davon hängt unheimlich viel ab. Denn wer keinen Job hat, kann nicht konsumieren. Dabei sind vom Konsum rund zwei Drittel der Wirtschaft abhängig.

          Erholung ohne die Schaffung neuer Arbeitsplätze

          Allerdings kam es gerade bei diesem Punkt in der jüngeren Vergangenheit immer wieder zu Enttäuschungen. Im Dezember wurden beispielsweise gerade einmal 1.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, statt den erwarteten 150.000 neuen Jobs. „Dies erscheint seltsam,“ sagte der weltbekannte Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz auf einer Anlegertagung in Zürich mit Blick auf diese Entwicklung.

          Nach seiner Einschätzung war der Wirtschaftsabschwung nicht nur relativ stark, sondern er dauert auch länger als „normal“. Er führte zu einer „Arbeitsplatzlücke“ von sechs Millionen Jobs. Drei Millionen Arbeitsplätze gingen verloren, und weitere drei Millionen hätten neu geschaffen werden müssen, um neu auf den Markt kommende Arbeitskräfte aufzunehmen. Die Arbeitslosenquote liege nicht bei sechs, sondern bei neun Prozent, wenn man jene berücksichtige, die durch das statistische Raster fielen. Normalerweise steige in einem typischen Aufschwung zunächst einmal die Arbeitszeit, bevor es zu Neueinstellungen komme. Diesmal blieben die Arbeitszeiten gering und die Produktivität hoch. Dabei geht sie in einem normalen Aufschwung zurück.

          Unternehmen verschieben Kosten in die Zukunft und ins Ausland

          Stieglitz erklärt sich diese Phänomene einerseits mit dem vergleichsweise radikalen Abbau von Arbeitsplätzen. Gleichzeitig tendierten die Unternehmen dazu, Kosten über Mitarbeiteroptionspläne und ähnliches auf die Zukunft zu verlagern. Es werden auch immer mehr Arbeitsplätze ins günstigere Ausland verlagert. Zum Beispiel nach Asien, wo die Arbeitkosten nur ein Zehntel der amerikanischen oder der europäischen betragen. Auf diese Weise können die Unternehmen zwar hohe Gewinne ausweisen. Es frage sich nur, wie lange.

          Als ob das nicht genug wäre, kommen dazu makroökonomische Ungleichgewichte, die die Nachhaltigkeit des Aufschwungs hinterfragen. Das ist einmal die extrem hohe Verschuldung der amerikanischen Haushalte. Sie werde vor allem problematisch werden, sobald die Zinsen zu steigen beginnen. Und das tun sie normalerweise in einem Aufschwung, auch wenn die Notenbank die kurzfristigen Zinsen tief hält. Das könne die Konjunktur deutlich dämpfen. Denn im Gegensatz zu einem normalen Aufschwung sei er dieses Mal nicht von Investitionen getragen worden, sondern lediglich vom Konsum.

          Negative Leistungsbilanz und Fiskalpolitik werden Spuren hinterlassen

          Der zweite Schwachpunkt sei das riesige Leistungsbilanzdefizit. Es sei fraglich, wie lange ausländische Gläubiger so viele amerikanische Schuldpapiere halten wollen. Vor allem wenn man bedenke, daß das Vertrauen in die wirtschaftliche und politische Führerschaft Amerikas abnehme. In Asien gebe es jetzt schon Diskussionen über die hohen Risiken und darüber, wie man sie abbauen könne.

          Der rasche und starke Richtungswechsel der Fiskalpolitik von einem Überschuß von zwei zu einem Defizit von fünf Prozent des Sozialproduktes - mehr ist absehbar - werde auch Spuren hinterlassen. Notwendige Investitionen im Bildungsbereich, der Forschung und der Infrastruktur würden „ausgehungert“ werden und belasteten so das langfristige Wachstum. Dazu kämen die anhaltenden politischen Unsicherheiten. Der Irakkrieg sei zwar vorbei, allerdings gebe es weder im Mittleren Osten noch in Afghanistan wirklichen Frieden, der Ölpreis bleibe hoch. Der zunehmende Unilateralismus der Amerikaner mache viele besorgt.

          „Stimmenkauf“ läßt Börsen nur kurzfristig boomen

          Die Präsidentschaftswahlen in Amerika spielten kurzfristig eine entscheidende Rolle. Der Wahlausgang hänge vom eingesetzten Geld, den Medien und der Wahlbeteiligung ab. So werde die amerikanische Administration ohne Rücksicht auf die fiskalische Position versuchen, „Stimmen zu kaufen“. „Die Energiegesetzgebung war schon so großzügig, daß so gut wie alle Lobbyisten zufriedengestellt wurden,“ erklärt Stiglitz.

          Zusammengefaßt geht Stiglitz davon aus, daß Amerika nicht zu einem Boom der neunziger Jahre zurückfinden wird. Ein schwacher Zuwachs bei Arbeitsplätzen dürfte zu protektionistischen Tendenzen führen, die nur die Welthandelsorganisation WTO beschränken könne. Die Erholung der Börsen sei deutlich stärker, als die fundamentale ökonomische Entwicklung. Mit dieser Aussage rät er Bösianern durch die Blume zumindest mittelfristig zu einer gewissen Vorsicht. Kurzfristig könnten die Aktienmärkte noch etwas steigen. Der Dollar wird nach seiner Meinung weiter fallen. Mögliche Interventionen könnten lediglich den Verfall vorübergehend bremsen.

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