https://www.faz.net/-gv6-6kkte

Amerika : Die Wall Street lässt Obama im Stich

  • -Aktualisiert am

Neue Hassfigur für die Börse? Bild: AFP

Noch vor zwei Jahren bekamen Barack Obama und Kandidaten der Demokraten die meisten Spenden von der Wall Street. Nach der Finanzmarktreform stellen Banker nun vermehrt Schecks für die republikanische Opposition aus.

          3 Min.

          Die Kandidaten der Demokratischen Partei für die im November anstehenden Kongresswahlen verlieren zunehmend die Unterstützung der Wall Street. Nach Angaben des Forschungsinstituts Center for Responsive Politics spenden Unternehmen der Finanzbranche sowie deren Mitarbeiter mittlerweile mehrheitlich für republikanische Kandidaten. Dieser Wandel fällt mit der im Juli von Präsident Barack Obama unterzeichneten Finanzmarktreform zusammen.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Regulierung macht die Spieler wütend

          Noch im März 2009, zwei Monate nach der Amtseinführung von Obama, hatten Banken und deren Mitarbeiter 70 Prozent aller Spenden an Demokraten gegeben. Im vergangenen Juni war der Trend nahezu umgekehrt. Nach vorläufigen Daten des Center for Responsive Politics flossen in dem Monat 68 Prozent aller Spenden aus der Wall Street an Republikaner.

          „Das zeigt, dass die Wall Street schrecklich wütend auf die Demokraten ist und Republikaner als eine bessere Wette betrachtet. Sie investieren in die Perspektive eines von Republikanern kontrollierten Kongresses, was sie besser für ihr Geschäft halten“, sagt Dave Levinthal, ein Sprecher des Forschungsinstituts.

          Die im Juli nach einer langen Debatte von einem mehrheitlich demokratischen Kongress verabschiedete Finanzmarktreform hatte unter anderem die Aufsicht über die Banken verstärkt. Großbanken wie Goldman Sachs und J.P. Morgan Chase müssen sich zudem zukünftig von einem Teil des Derivatehandels trennen.

          Allerdings dürfen sie den lukrativsten Teil dieses Geschäfts mit von traditionellen Wertpapieren abgeleiteten Produkten behalten. Dazu müssen Banken ihren Wertpapierhandel auf eigene Rechnung beenden. Auch Engagements bei Beteiligungsgesellschaften und Hedge-Fonds, Investmentvehikel für reiche Privatanleger und Institutionen, werden beschränkt. Banken hatten mit einer Lobbykampagne versucht, zunächst noch radikalere Reformvorschläge abzuschwächen.

          Verfolgte Minderheit Goldman Sachs

          Im November werden das gesamte Repräsentantenhaus sowie 37 der insgesamt 100 Sitze des Senats neu gewählt. Neben dem Wandel bei den Spenden haben sich auch einige bisher den Demokraten zugerechnete Finanzmanager kritisch zu Wort gemeldet. Der bekannte Hedge-Fonds-Manager Daniel Loeb spickte den jüngsten Quartalsbericht seines Hedge-Fonds Third Point mit einer beißenden Tirade gegen die Demokraten in Washington.

          „Wie jeder Student der amerikanischen Geschichte weiß, gehören zu den Kernprinzipien dieses Landes Besteuerung ohne Strafen, verfassungsmäßig garantierter Schutz gegen Verfolgung von Minderheiten und das Recht auf Selbstbestimmung“, schrieb Loeb. „Washington hat in den vergangenen Monaten Maßnahmen wie die Klage gegen Goldman ergriffen, die dazu gemacht scheinen, die Bevölkerung zu brechen, indem man Kapital und Macht aus den Händen einiger Leute abzieht und sie in andere Hände legt.“ Loeb hatte im Präsidentschaftswahlkampf 2008 zu den größten Unterstützern von Barack Obama gehört. Er hat insgesamt Hunderttausende von Dollar für die Demokraten eingesammelt.

          Unterstützer wenden sich ab

          Die Börsenaufsicht SEC hatte Goldman Sachs, die führende Bank der Wall Street, im April wegen Wertpapierbetrugs verklagt. Die Bank zahlte schließlich in einem außergerichtlichen Vergleich eine Rekordstrafe von 550 Millionen Dollar.

          Der Anlass für die Klage war in der Finanzbranche allerdings umstritten. So hatte der berühmte Investor Warren Buffett eine Lanze für Goldman gebrochen. Buffett ist langjähriger Kunde der Bank. An der Wall Street wurde wegen des Zeitpunkts der Klage auch die Unabhängigkeit der von einer Demokratin geführten SEC in Frage gestellt. Das Verfahren und die Anhörungen von Goldman-Managern vor dem Kongress hatten die laufende Debatte über die Finanzmarktreform beeinflusst.

          Der Hedge-Fonds-Manager Loeb ist nicht der einzige prominente Kopf an der Wall Street, der sich von den Demokraten abwendet. Auch Steven Cohen, der Gründer des großen Hedge-Fonds SAC Capital und ebenfalls ein ehemals großer Spender für den Wahlkampf von Obama, streckt seine Fühler zu den Republikanern aus.

          Er hat kürzlich ein Treffen mit republikanischen Kandidaten in seinem Haus in Greenwich, Connecticut, organisiert. Andere ehemalige Unterstützer von Obama wie der Vorstandschef von J.P. Morgan Chase, Jamie Dimon, fühlen sich ebenfalls von Obama im Stich gelassen. Dimon, dessen Bank mit am besten durch die Finanzkrise gekommen war, galt einst als eine Art Lieblingsbanker von Obama. Fondsmanager Loeb trifft mittlerweile auch Anlageentscheidungen aus politischen Gründen. Wegen der Finanzmarktreform hat er seine Beteiligungen an Banken mittlerweile alle verkauft.

          Weitere Themen

          Weltgrößter Börsengang erfolgreich Video-Seite öffnen

          Aramco-Aktie im Plus : Weltgrößter Börsengang erfolgreich

          Der weltgrößte Börsengang des Ölkonzerns Saudi Aramco ist ein Erfolg: Die Aktien der saudiarabischen Staatsfirma debütierten am Mittwoch mit 35,2 Riyal an der Börse in Riad. Das ist ein Plus von zehn Prozent im Vergleich zum Ausgabepreis.

          Topmeldungen

          Bildungsministerin Karliczek : Die Unterfliegerin

          Bildungsministerin Anja Karliczek gilt als ungeschickt, die Länder wollen sie in der Debatte um Bildungszusammenarbeit sogar ausbooten. Sie macht trotzdem weiter. Ein Porträt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.