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Amerika : Die Erschaffung der neuen Wall Street

Wall Street in New York Bild: AFP

Es gibt einen schleichenden Wandel im New Yorker Finanzzentrum: Händler und Investmentbanker von großen Banken wechseln zu kleineren Wertpapierhäusern.

          Als das kleine New Yorker Wertpapierhaus Execution LLC kürzlich die Einstellung eines Leiters für Marktstrategie bekanntgab, begründete der neue Mitarbeiter Rick Bensignor seine Entscheidung so: "Ich fand Execution wegen der Chance attraktiv, bei der Erschaffung der neuen Wall Street einen Sitz in der ersten Reihe zu haben." Bensignor kennt auch die traditionelle Wall Street gut. Er hatte vorher eine ähnliche Rolle bei einer Sparte des großen Wall-Street-Hauses Morgan Stanley inne.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Der Wechsel des Wall-Street-Profis symbolisiert einen schleichenden Umbruch im New Yorker Finanzzentrum. Denn Bensignor ist nicht der einzige Banker, der in den vergangenen Monaten von einer der einst führenden Adressen an der Wall Street zu einer bisher kaum bekannten Firma - oder zu einem ausländischen Institut wie der Deutschen Bank - gewechselt ist.

          Ein Grund dafür sind zweifellos Entlassungen. Große Banken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley oder die Citigroup haben ihre Belegschaft im Zuge der Finanzkrise deutlich reduziert. Aber Händler und Investmentbanker sehen auch neue Chancen bei kleineren Häusern, die jetzt stark auf Wachstum setzen. Und nicht zuletzt hoffen wechselwillige Banker auch auf einen hohen Bonus ohne Einmischung der Regierung. Bei Banken, die wie die Citigroup oder die Bank of America noch auf staatliche Hilfen angewiesen sind, wird die Entscheidung über Bonuszahlungen im Finanzministerium getroffen. Selbst bei Goldman Sachs, die die im vergangenen Jahr erhaltenen Staatshilfen bereits zurückgezahlt haben, sind erwartete Boni Anlass für scharfe öffentliche Kritik. Auch haben viele der von der Finanzkrise getroffenen Banken ihre Risikobereitschaft zurückgefahren. Für Wertpapierhändler bedeutet das geringere Gewinnchancen.

          Bei kleinen Wertpapierhäusern ist das anders. Steven Schonfeld, der Chef der Schonfeld Group, hat mit großen Wetten im vergangenen Jahr 200 Millionen Dollar verdient. Bis zur Finanzkrise hatte er kaum eine Chance, Händler von den größten Wall-Street-Firmen abzuwerben. Seit vergangenem Jahr sind nun schon 20 Händler zu Schonfeld desertiert. Eine weitere kleine Firma, die auf Jagd nach erfahrenen Wertpapierhändlern geht, ist First New York Securities. Im vergangenen Jahr hat die Firma, die jetzt 225 Händler beschäftigt, mehr als 50 Händler von Konkurrenten wie J.P. Morgan Chase und der Schweizer UBS abgeworben. In London hat First New York seit vergangenem Oktober mehr als 20 Händler eingestellt. Einer der Händler kam von einem Hedge-Fonds, der zugemacht hatte. Ein anderer kam von der Citigroup.

          Die Deutsche Bank hatte im Februar ein Team von 12 Investmentbankern abgeworben, die erst nach der Übernahme der Investmentbank Merrill Lynch durch die Bank of America wechselwillig geworden waren. Insgesamt hat die Deutsche Bank in den vergangenen Monaten mehr als 40 Investmentbanker in Amerika angeheuert. Auch kleinere Investmentbanken wie Greenhill oder Sagent haben die Zahl erfahrener Banker im vergangenen Jahr deutlich aufgestockt.

          Execution LLC, der amerikanische Ableger des gleichnamigen Londoner Wertpapierhauses, hat neben Morgan-Stanley-Mann Bensignor auch Händler von Goldman Sachs und anderen großen Konkurrenten eingestellt. Ende Juni machte Execution ein Büro an der New Yorker Park Avenue auf, um Platz für die neuen Leute zu schaffen. Bis dahin hatte die Firma nur eine Vertretung in San Francisco und in der Hedge-Fonds-Hochburg Greenwich, eine Autostunde nördlich von New York City. "Eine Präsenz in New York wird es uns ermöglichen, Talente aus New York, New Jersey und Long Island anzuziehen", sagt Execution-Vorstandschef Gary Cunningham. Seine Arbeit an der Erschaffung einer neuen Wall Street ist offensichtlich noch nicht zu Ende.

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