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Allianz-Chefvolkswirt Heise : „An den Finanzmärkten ist das Schlimmste vorbei“

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„Die Zeichen sind unübersehbar, dass wir vor einer Erholung der Weltkonjunktur stehen“: Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise Bild: Burkert

Den Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise beeindrucken die Reformen in den Krisenländern. Weil sich auch die Weltkonjunktur erholt, hofft er auf eine Trendwende im Euroraum.

          Herr Heise, ist das Schlimmste in der Schuldenkrise überstanden?

          An den Finanzmärkten ist das Schlimmste vorbei, weil die Politik sich entschlossen zeigt, eine abermalige Zuspitzung der Krise oder gar ein Auseinanderbrechen zu verhindern. Sie hat auch die Instrumente dafür. Aber die Krise als solche ist noch nicht überwunden. In manchen Ländern wird die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte noch zehn oder fünfzehn Jahre dauern.

          Liegt auch der Höhepunkt der Wirtschaftskrise hinter uns?

          Ich glaube, die Wirtschaftskrise ist vorbei. Das ist weniger eine Leistung Europas als eine günstige Entwicklung der Weltwirtschaft, die sich abzeichnet. Die Zeichen sind unübersehbar, dass wir vor einer Erholung der Weltkonjunktur stehen. Und das gibt Europa den notwendigen Rückenwind, um die Anpassungsprozesse, die mit hohem Tempo laufen, noch weiter zu treiben. Die meisten Länder haben es schon geschafft, wieder eine gleichgewichtige Situation im Außenhandel und einen deutlichen Rückgang der Gesamtverschuldung zu erreichen.

          Wie lang wird die Rezession noch dauern?

          Sie wird noch in diesem Jahr enden für den Euroraum. Die Stimmung der Wirtschaft hat sich auch in den Ländern, die in der Rezession stecken, in den vergangenen Monaten deutlich gebessert. Sie gewinnen Wettbewerbsfähigkeit zurück und verzeichnen überwiegend gute Ausfuhrsteigerungen. Das ist auf verringerte Lohnstückkosten zurückzuführen und auf Reformen auf den Arbeitsmärkten. Das alles führt dazu, dass die Leistungsbilanzdefizite fast geschlossen sind. Die Anpassungen sind enorm und sie sind möglicherweise unterschätzt worden.

          Wenn sich die Lage so sehr gebessert hat, wäre da nicht eine geldpolitische Wende der Europäischen Zentralbank (EZB) angebracht?

          Es gibt einigen Anlass, den Ausstieg vorzubereiten. Erstens läuft die Konjunktur wieder an, was die EZB nicht unbedingt in ihren Erwartungen berücksichtigt hat. Die Entwicklung dürfte also besser als erwartet sein. Zweitens gibt es bemerkenswerte Zeichen der Normalisierung auf dem Geldmarkt. Die Banken kommen wieder leichter an Geld, was sich auch in einer geringeren Bilanzsumme der Zentralbank niederschlägt, weil die Notkredite weniger in Anspruch genommen werden. Außerdem nimmt das grenzüberschreitende Bankgeschäft, das in den vergangenen Jahren nahezu kollabiert war, wieder leicht zu. Deshalb sinken auch die Targetsalden und die daraus resultierenden Forderungen der Bundesbank.

          Die EZB weist darauf hin, dass ihre Notmaßnahmen sich automatisch reduzieren. Reicht das, auf die Rückzahlung von Notkrediten zu warten und keine neuen zu begeben?

          Es ist richtig, dass sich vieles im Euroraum automatisch korrigiert. Die amerikanische und die britische Notenbank haben es da schwerer, weil sie in großem Umfang Anleihen dauerhaft in ihren Bestand genommen haben und es schwierig werden könnte, sie in einen schwachen Markt hinein zu verkaufen. Die automatische Korrektur bei den EZB-Krediten wird aber insbesondere angesichts der ungewöhnlich langen Laufzeit von drei Jahren möglicherweise nicht reichen. Wenn die Kreditnachfrage wieder anzieht, dann muss man mehr tun, als die Programme nur auslaufen zu lassen.

          Was ist zu tun?

          Erst mal sollte die EZB den Zins nicht mehr senken. Darüber hinaus kann man die riesige Liquidität schrittweise reduzieren. Das Problem ist allerdings, dass es immer noch schwache Banken gibt, die abhängig sind vom Zentralbankkredit, weil sie sich auf dem privaten Markt nicht finanzieren können. Deshalb wird es das Instrument der unbegrenzten Zuweisung von Liquidität noch länger geben müssen. Eine andere Frage ist jedoch, ob das weiterhin zu einem so günstigen Preis sein sollte. Bislang war der Zins so günstig, dass Banken insbesondere in den schwachen Ländern geradezu ein Anreiz gegeben wurde, viel Geld bei der Zentralbank zu beschaffen und dafür heimische Staatsanleihen mit viel höheren Zinsen zu kaufen. Im Zuge der Normalisierung sollte deshalb ein Aufschlag auf den Leitzins erhoben werden, wenn Banken bei einem übermäßigen Anteil ihrer Finanzierung die Zentralbank in Anspruch nehmen.

          Sollte auch der Leitzins schon erhöht werden?

          Das würde ich für den späteren Verlauf dieses Jahres nicht ausschließen. Eine Zinserhöhung wird notwendig, wenn die Konjunktur das hält, was sie unserer Einschätzung nach verspricht.

          Das würde die Märkte überraschen, die noch auf eine Zinssenkung spekulieren. Wäre eine Erhöhung eine Belastung?

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