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Aktienrückkäufe : Die letzte Hoffnung der Wall Street

  • -Aktualisiert am

Händler an der New Yorker Wall Street verfolgen das Geschehen an den Weltmärkten zunehmend skeptisch Bild: AP

Amerikanische Unternehmen wie Apple kaufen massiv eigene Aktien zurück. Die Praxis wird jetzt von prominenten Anlegern in Frage gestellt.

          Amerikanische Aktien unterliegen möglicherweise einer Illusion. Angesichts rückläufiger Unternehmensgewinne haben die großen amerikanischen Marktbarometer nur noch eine Möglichkeit, dieses Jahr ohne Verlust abzuschließen. Das Zauberwort: Aktienrückkäufe.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          So sieht das zumindest David Kostin, der für amerikanische Aktien verantwortliche Marktstratege der Investmentbank Goldman Sachs. „Rückkäufe von Unternehmen sind die Hauptquelle der Nachfrage nach amerikanischen Aktien“, sagt Kostin. Goldman schätzt, dass die im Aktienindex S&P 500 abgebildeten Unternehmen in diesem Jahr insgesamt 600 Milliarden Dollar ausgeben werden, um eigene Aktien zurückzukaufen - 7 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.

          Der S&P 500 liegt nach starken Schwankungen zum Jahresauftakt aktuell mit etwas mehr als 2 Prozent im Plus. Gegenwind für den Aktienmarkt kommt nach Ansicht von Kostin neben den „gemischten“ Aussichten für Unternehmensgewinne von einem nur „mittelmäßigen“ Wirtschaftswachstum. Dazu sei der Aktienmarkt allgemein hoch bewertet. Das Fazit: „Wir bleiben bei unserer Prognose, dass der S&P 500 das Jahr mit 2100 Punkten beenden wird, unverändert gegenüber dem aktuellen Niveau.“

          In der Tat haben viele Unternehmen in jüngster Zeit zusätzliche Rückkäufe eigener Aktien angekündigt. Am Dienstag nach Börsenschluss teilte der Elektronikkonzern Apple mit, sein Aktienrückkaufprogramm von 140 auf 175 Milliarden Dollar aufzustocken. Zudem will Apple die Dividende um 10 Prozent erhöhen.

          Investoren schätzen das, weil sich durch den Rückkauf eigener Aktien die Zahl der umlaufenden Papiere verknappt. Das stützt den Kurs. Zudem steigt mit der verringerten Aktienanzahl der auf eine einzelne Aktie entfallende Gewinn. Für Analysten ist das die entscheidende Größe bei der Bewertung der Ergebnisse. Die zukünftigen Erwartungen für Unternehmensgewinne sind wiederum ein wichtiger Faktor für den Trend der Aktienkurse, weil Aktien Anteile an Unternehmen verbriefen.

          Für die gerade laufende Bilanzsaison für das erste Quartal kalkulieren Analysten mit einem Rückgang der Unternehmensgewinne im S&P 500 um knapp 9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Erst für das zweite Halbjahr erwarten Auguren wieder einen leichten Anstieg der Unternehmensgewinne.

          Steigende Schulden

          Einflussreiche Investoren wie der Finanzier Carl Icahn haben Aktienrückkäufe zuletzt scharf kritisiert. Icahn bezeichnete die Praxis als „Trugbild“, um Gewinne rechnerisch zu erhöhen. Unternehmen nutzten die niedrigen Zinsen, um günstig Fremdkapital aufzunehmen und damit eigene Aktien zu kaufen.

          Icahn glaubt, dass der durch Rückkäufe gestützte Anstieg der Aktienkurse für hochverschuldete Unternehmen nicht nachhaltig sei. „Was die mit Geld machen, ist nahezu pervers“, sagt Icahn. Kurioserweise hatte aber gerade Icahn in der Vergangenheit in einer öffentlichen Kampagne auf höhere Aktienrückkäufe bei Apple gedrängt, weil der Konzern über hohe Barmittel verfügt.

          Auch andere Fondsmanager machen sich Sorgen, dass Unternehmen sich für Aktienrückkäufe zu stark verschulden. „Wir werden sicherlich vorsichtiger, wenn Emittenten Anleihemärkte nutzen, um Aktienrückkäufe zu finanzieren“, sagte Henry Peabody, der den Eaton Vance Bond Fund verwaltet, schon Ende des vergangenen Jahres gegenüber dem „Wall Street Journal“. Damit würde der Anleihemarkt „praktisch“ die Kursgewinne am Aktienmarkt finanzieren.

          Eine zentrale Kritik an Aktienrückkäufen ist, dass Unternehmen die dafür verwendeten Mittel nicht in Wachstumsstrategien investieren, also in die Forschung und die Entwicklung neuer Produkte oder in Zukäufe anderer Unternehmen. Nach Angaben des Informationsdienstes Factset haben Unternehmen im S&P 500 im vergangenen Jahr fast 10 Prozent weniger Geld für Investitionen ausgegeben als im Jahr davor. Die Ausgaben für Aktienrückkäufe sind dagegen gestiegen.

          Für das vierte Quartal kommen die Analysten von Factset in einer Studie auf eine Rückkaufsumme von 136,6 Milliarden Dollar - mehr als 5 Prozent mehr als im Jahr davor. Die meisten Rückkäufe mit mehr als 33 Milliarden Dollar entfielen auf Aktiengesellschaften aus der Technologiebranche.

          Aktivistische Aktionäre drängen weiter

          Das stärkste Wachstum von Rückkäufen gab es bei Industriewerten und konjunktursensiblen Konsumtiteln. Die Liste der größten Käufer eigener Aktien im vierten Quartal führte Apple mit 6 Milliarden Dollar an, gefolgt von United Technologies (5,1 Milliarden Dollar) und dem Softwarekonzern Microsoft (3,6 Milliarden). Unter den größten zehn Käufern befand sich als einziger Finanztitel der Versicherer AIG (3,2 Milliarden). Als einziger Konsumtitel rangierte der Unterhaltungskonzern Walt Disney auf Rang 9 (2,4 Milliarden).

          Der Druck von Aktionärsaktivisten hält unverändert an. „Im Jahr 2015 gab es 70 Kampagnen von Aktivisten, die auf die Rückgabe von Barmitteln durch Dividenden und/oder Rückkäufe drängten“, schreibt Factset-Analyst Andrew Birstingl. Das ist die höchste Zahl derartiger Feldzüge seit 2005, als der Informationsdienst diese Daten erstmalig sammelte.

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