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Aktienmarkt : Zehn dürre Jahre für Aktien

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Die Aktienkurse sind in den vergangenen Wochen kräftig gestiegen. Doch die Aussichten für die kommenden Jahre sind mau. Die alten Renditen kommen so schnell nicht wieder zurück.

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          Die Kurse spurten derzeit regelrecht nach oben: Schon wieder hat der Deutsche Aktienindex Dax ein neues Jahreshoch erreicht, und die Wall Street hat gar den besten Juli seit 20 Jahren hinter sich. Kein Wunder: In der Wirtschaft zeigen sich die ersten Lichtblicke nach einer langen, dunklen Phase. Da ist es ganz natürlich, dass es die Anleger an den Aktienmarkt zieht, wo die Aussicht auf schnelles Geld lockt. Doch es könnte passieren, dass es gar nicht so schnell wieder so hell wird, wie die Kurse es hoffen lassen. Einiges spricht dafür, dass es noch länger eher düster bleibt. Und die Kurse noch arg hin und her taumeln.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          "Derzeit bin ich für Aktien noch zuversichtlich, denn die Daten der nächsten drei bis sechs Monate werden Hoffnung machen", sagt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. "Aber ich gehe davon aus, dass Aktien in den nächsten zehn Jahren deutlich weniger Rendite bringen als in den vergangenen 20 bis 30 Jahren."

          Wirtschaftswachstum bleibt mau

          Ein Blick in die Geschichte lässt Krämers Sorgen plausibel erscheinen: Nach großen Banken- und Finanzkrisen haben sich die Aktienmärkte in vielen Ländern über Jahre hinweg nur noch zur Seite bewegt. Das geschah zwar oft mit großen Auf- und Abwärtsbewegungen, so dass die Kurs-Charts am Ende aussahen wie Sägezähne. Aber Anleger, die rechtzeitig kauften und verkauften, konnten trotzdem gut Geld verdienen. Im Großen und Ganzen ging es jedoch trotzdem seitwärts - und wer dabei die falschen Zeitpunkte erwischte, musste Verluste hinnehmen.

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          Die Aktienkurse bilden das ab, was auch in der restlichen Wirtschaft passiert: Die unmittelbare Rezession ist zwar irgendwann vorbei, in Deutschland vermutlich noch in diesem Jahr, aber das Wirtschaftswachstum bleibt mau. Nach kurzen Rezessionen wächst die Wirtschaft zwar oft besonders schnell und holt die Verluste bald wieder auf. Doch je länger die Rezession andauert, umso kleiner werden die Wachstumsaussichten für die Jahre danach - und die aktuelle Rezession hält schon sehr lange an.

          Selbst die Europäische Zentralbank rechnet damit, dass das Wachstum im Euroraum in den nächsten Jahren mau bleiben könnte. Einige Banken stehen am Rand der Pleite und werden abgewickelt, Autofabriken könnten geschlossen werden - dorther kommt also in den nächsten Jahren kein Wachstum. Woher dann? Von Start-ups und neuen Firmen. Weil Investoren aber weniger Risiken eingehen wollen, müssen Start-ups für ihre Kredite höhere Zinsen erwirtschaften. Das wird einige gute Ideen bremsen und auf diese Weise das Wachstum hemmen.

          Der erfolgreiche Vermögensverwalter Jens Ehrhardt warnt vor einem weiteren Problem: den Schulden. "Solange die Verschuldung nicht heruntergefahren ist, wird es nicht wieder aufwärtsgehen", glaubt er. "Doch derzeit ist die Kur genau das, was bereits die Krankheit war: Kredite." Möglicherweise könnte die Wirtschaft abermals in eine Krise stürzen.

          Doch auch ohne Krise glauben viele, dass das Wachstum in den nächsten Jahren gebremst wird. Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer hält die Staatsschulden ebenfalls für ein Problem, vor allem die Zinsen, die dabei anfallen. Schließlich muss der Staat das Geld dafür aufbringen, und wenn er nicht immer mehr Schulden machen will, muss er die Steuern erhöhen. Das schadet dem Wachstum ebenfalls.

          Chancen für Anleger

          Mindestens genauso hinderlich werde sich die Politik auswirken: "Seit den 80er Jahren haben wir einen Siegeszug der Marktwirtschaft erlebt. Aber jetzt schwingt das Pendel langsam in die andere Richtung", sagt er. Das Vertrauen in die Marktwirtschaft schrumpfe jetzt. "Daran können auch die Politiker nicht vorbeisehen." Bei der Privatbank Hauck und Aufhäuser sieht Mitinhaber Michael Schramm trotzdem Chancen für Anleger. Seine Logik lautet: Dass die Wirtschaft im Durchschnitt langsam wächst, heißt noch lange nicht, dass auch alle Firmen langsam wachsen. "Sogar wenn die Wachstumsaussichten kleiner werden, können einzelne Aktien profitieren", sagt Schramm.

          Gewinne versprächen Firmen, die von den großen Trends der nächsten Jahrzehnte profitieren könnten: Energieversorger etwa, Firmen aus der Nanotechnologie oder Unternehmen, die sich um die Gesundheit der Menschen kümmern. Doch: "Ein Portfolio auf Megatrends muss nicht zwangsläufig erfolgreich sein. Anleger müssen immer schauen, welche Firmen gute Aussichten haben. Auch von Google haben nur die Anleger profitiert, die rechtzeitig investierten." Schramms Fazit ist daher: "Was der alte Börsenguru Kostolany gesagt hat, gilt in den nächsten Jahren nicht mehr. Anleger sollten nicht einfach Aktien kaufen und dann eine Schlaftablette nehmen, in der Hoffnung, dass sich das Geld von selbst vermehrt."

          Zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Aktien kaufen - das versuchen Privatanleger gern. Sie schaffen es allerdings in der Praxis selten. Selbst die meisten Fondsmanager stehen am Ende nicht besser da als der Gesamtmarkt, der für die kommenden Jahre eher schlechte Chancen bietet.

          Privatanleger haben also kaum Chancen, mehr Rendite herauszuholen. Das zeigen viele Untersuchungen, unter anderem die von Berkeley-Ökonom Terrance Odean und seinem Kollegen Brad Barber. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer hat für Privatanleger deshalb eine einfache Empfehlung parat: In den kommenden Jahren sollten sie ihr Geld eher in andere Geldanlagen stecken. "Der Aktienanteil muss runter."

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