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Aktienmarkt : Vorsicht vor Charttechnikern!

  • -Aktualisiert am

Woher haben sie wohl ihre Informationen? Börsenhändler an der New Yorker Wall Street. Bild: Reuters

Folgen die Börsenkurse bestimmten Mustern? Die Anhänger der Technischen Analyse sind davon überzeugt. Wenn sie sich da mal nicht täuschen.

          5 Min.

          Alles ist vorherbestimmt, Anfang wie Ende. Wir alle tanzen nach einer geheimnisvollen Melodie, die ein unsichtbarer Spieler in den Fernen des Weltalls anstimmt.“ Albert Einstein hat mit diesen Worten die Idee beschrieben, dass alles auf der Welt vorherbestimmt ist und kein Zufall existiert, oder um es mit Einsteins Worten zu sagen: Gott würfelt nicht. Wenn Gott wirklich nicht würfelt, also einen Plan hat, kann man diesem Plan auf die Schliche kommen? Kennt man den Plan, so die Idee, könnte man auch in die Zukunft blicken. In früheren Zeiten versuchte man dies, indem man den Flug der Vögel studierte, die Zukunft in den Eingeweiden von Tieren suchte oder antike Orakel befragte.

          Ganz so abwegig sind die heutigen Prognosemethoden nicht. Die grundsätzliche Idee vieler Prognosemethoden ist es aber auch heute, in die Daten zu schauen, darin Muster zu finden und darauf zu hoffen, dass sich diese Muster in der Zukunft wiederholen. Ob diese Muster einen theoretischen Hintergrund haben oder nicht, spielt keine Rolle.

          Sollen Anleger auf solche Methoden setzen?

          An den Finanzmärkten nennt man diese Art der Prognose „Technische Analyse“. Der Begriff bezeichnet ein buntes Sammelsurium verschiedener Techniken und Methoden, denen gemeinsam ist, dass sie versuchen, in der Vergangenheit Muster zu finden, die sich in der Zukunft so wieder ereignen werden. Im Gegensatz zum sogenannten fundamentalen Analysten, der Bilanzen durchforstet, Notenbank-Vermerke studiert und Branchenberichte liest, braucht der Technische Analyst im besten Fall nur den Kursverlauf - den Chart - der Vergangenheit, um aus diesem zu schließen, wohin Gottes Plan den Kurs in den kommenden Wochen oder Monaten schicken wird.

          Technische Analysten locken damit, dass sich diese Methode auf alle Märkte, Wertpapiere und Währungen zu allen Zeiten an allen Orten anwenden lässt. Zudem sei sie skaleninvariant - man kann also ihnen zufolge mit dem gleichen Instrumentarium aus Tagescharts ebenso wie aus Jahrescharts Informationen darüber gewinnen, wohin die Kurse steuern. Das klingt nach einer Investment-Wunderwaffe.

          Sollen Anleger auf solche Methoden setzen? Viele tun dies. Verfechter der Technischen Analyse verweisen auf die Gewinne, die mancher Analyst damit macht. Doch als Erfolgsausweis taugt dieses Argument nicht, unterschlägt es doch die vielen Technischen Analysten, die mit dieser Methode eine Bauchlandung hinlegen und mit ihr Verluste machen. Wollte man wirklich etwas über den Erfolg der Methode wissen, müsste man die Zahl aller gescheiterten Technischen Analysten mit der Zahl ihrer erfolgreichen Kollegen vergleichen. Je größer das Verhältnis von Versagern zu Gewinnern ist, umso eher kann man davon ausgehen, dass die vergleichsmäßig geringen Erfolgsfälle eher auf Zufall statt auf einer überlegenen Methode beruhen. Verlässliche Zahlen dazu gibt es allerdings nicht.

          Auch der Hinweis, dass viele Wertpapier- oder Devisenkurse den gleichen charttechnischen Gesetzmäßigkeiten folgen, taugt wenig als Beleg für die Prognosekraft der charttechnischen Methode. Unter den Milliarden täglicher Kursdaten finden sich, durch den Zufall bedingt, Kursverläufe, die sich ähneln. Als Beweis für ewige, sich immer wiederholende Muster, die auf Gottes Plan deuten, taugt das nicht. Solange hinter dem Kursverlauf keine überprüfbare Theorie steht, muss man damit rechnen, dass dies schlichtweg Zufall ist.

          Die Sache mit der Statistik

          Da sich die Methoden der Technischen Analyse zudem ja nach eigenem Bekunden auf jede Art von Skala anwenden lassen, lassen sich je nachdem, welche Skalierung man für die Achsen wählt (Stunden, Tage, Wochen, Monate), beinahe beliebig viele Muster finden. Psychologisch betrachtet, kann man hier auf den sogenannten Bestätigungsirrtum verweisen: Wer erwartet, bestimmte Muster in Wertpapierkursen zu finden, wird diese auch entdecken und ausschließen, dass es sich bei diesen Mustern um Zufall handelt. Wer Gottes Plan in den Kursen sucht, wird ihn dort finden, weil er ihn finden will.

          Rein statistisch und psychologisch betrachtet, lässt sich also gut erklären, warum wir Muster in den Wertpapieren entdecken. Diese Muster lassen sich darüber hinaus mit einer zutiefst menschlichen Eigenschaft erklären: Unser Verstand ist süchtig nach Mustern, und der Zufall produziert bei hinreichend großer Datenmenge genügend Datenreihen, die sich als Muster interpretieren lassen. Als Beleg für die Fähigkeiten der Technischen Analyse taugt das nicht.

          Nun bemühen Charttechniker gerne eine Erklärung für die Wirkung ihrer Disziplin. Charts, so das Argument, spiegeln menschliches Verhalten wider, und das wiederholt sich in bestimmten Situationen. Angesichts der Verschiedenheit des Charakters und Verhaltens des Einzelnen und eingedenk der Millionen Variablen, die dieses Verhalten und sein Umfeld beeinflussen, ist das eine optimistische Annahme - abgesehen davon, dass sich auch menschliches Verhalten über die Jahre ändert.

          Bleibt als letzter Trumpf in Händen der Verfechter der Technischen Analyse die Idee der selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn alle Marktteilnehmer aufgrund einer bestimmten Chartsituation steigende Kurse erwarten, werden sie kaufen und damit die Kurse nach oben treiben. Allein der Glaube an die Wirkungsmacht der Technischen Analyse könnte dann aus ihr eine selbsterfüllende Prophezeiung machen. Allerdings funktioniert das nur, wenn alle Marktteilnehmer die Prognosen der Chartanalyse kennen und daran glauben. Auf große Aktienmärkte wie den Dax oder auf dem Devisenmarkt, auf dem Dollar und Euro gehandelt werden, dürfte das nicht zutreffen.

          Wenn das Argument der selbsterfüllenden Prophezeiung stimmen würde, läge überdies ein einfaches Geschäftsmodell auf der Hand: Man erfinde eine charttechnische Formation mit einem spannenden Namen (wie wäre es beispielsweise mit der Labrador-Kursformation?) und mache diese Idee publik. Tritt diese Formation dann zufälligerweise tatsächlich auf, würde man von der selbsterfüllenden Prophezeiung profitieren, die man selbst heraufbeschworen hat.

          Unter dem Strich ist den Ideen der Technischen Analyse darum mit großer Skepsis zu begegnen. Umso mehr erstaunt es, dass diese Disziplin so viele Anhänger hat. Woran liegt das? Zum einen dürfte der Erfolg einiger Chartanalysten alle anderen Verfechter dieser Methode blenden - auch wenn der Erfolg wahrscheinlich rein zufällig zustande gekommen ist.

          Die Komplexität moderner Finanzmärkte

          Ein weiterer wichtiger Grund hat mit dem menschlichen Gehirn zu tun. Die Evolution hat unser Gehirn geschaffen für Tätigkeiten wie Jagen oder Sammeln, aber nicht für die Jagd nach Rendite. Zinsen, Bilanzen, Wechselkurse, die richtige Portfoliokonstruktion - das menschliche Gehirn ist nicht geeignet für solche Gedankenakrobatik, und noch weniger ist es geschaffen für die Komplexität moderner Finanzmärkte. Wenn ein Problem zu komplex wird, suchen wir lieber nach einfachen Lösungen, um uns die Welt so zurechtzubiegen, dass wir glauben, sie verstehen und bewältigen zu können. Würde sich der Mensch eingestehen, wie hilf- und ahnungslos er dem Wüten des Zufalls ausgeliefert ist, wäre er überfordert. Also sucht er nach einem Ausweg, um die Welt in seinen Augen überschaubar und beherrschbar zu machen. Verspricht die Analyse zudem das, was wir glauben möchten, erhöht sich das seelische Wohlbefinden zusätzlich.

          Hier hat die Technische Analyse Charme: Mit einfachen Werkzeugen - Lineal, Bleistift und einer Liste technischer Kursformationen - ordnet man die verwirrende Welt der Finanzmärkte. Das Chaos weicht geometrischen Formen, die unser Gehirn zufriedenstellen, das nach solchen Mustern süchtig ist. Anstatt sich der verstörenden Erkenntnis zu stellen, dass die Welt komplex, gefährlich und unverständlich ist, ordnet man sie in einfache Muster, gewinnt so Seelenfrieden, Ruhe und Sicherheit. Man vertraut auf Gottes Plan. Vermutlich ist das zu einfach gedacht: Wenn Gott wirklich einen Plan hat, würde er ihn wohl etwas sorgfältiger vor uns verstecken.

          Hanno Beck ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim.

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