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Aktienmarkt Rußland : Eine Wette auf Öl und Gas

  • -Aktualisiert am

In Rußland gilt: Steigt der Ölpreis, haussiert die Börse Bild: AP

Rußlands Börse hat derzeit einige Belastungsfaktoren zu verkraften - und kann sich behaupten. Die Chancen auf weiter steigende Kurse stehen gut. Doch Anleger dürfen nicht vergessen: Viele Aktien hängen an den Energiepreisen.

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          Seit einigen Monaten tritt der russische Aktienmarkt per saldo nur noch auf der Stelle. Der Stillstand ist aber eher als ein Zeichen von Stärke als von Schwäche zu werten. Schließlich gab es zuletzt gleich mehrere Belastungsfaktoren zu verkraften. Dazu zählen unter anderem der Disput mit dem Nachbarland Georgien und der Streit um das internationale Flüssiggasprojekt Sachalin 2. Vor allem aber hat der Ölpreis seit dem Sommer um bis zu 30 Prozent korrigiert. Angesichts der Bedeutung, die Öl und Gas noch immer für die russische Wirtschaft haben, ist eine gleichzeitig kaum veränderte Börse bereits als Erfolg zu werten.

          Als Kursstütze erweist sich die nach wie vor sehr solide konjunkturelle Entwicklung. So dürfte das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr zwischen 6,5 und 7 Prozent wachsen, und auch 2007 ist mit einer Expansion in ähnlicher Größenordnung zu rechnen. Der kurz bevorstehende Beitritt zur Welthandelsorganisation könnte vielleicht sogar noch etwas mehr Dynamik bewirken. Ergänzt wird das vorteilhafte Bild durch Überschüsse im Staatshaushalt und in der Leistungsbilanz, einem steigenden Rubel und stetig wachsenden Devisenreserven. Die Inflation bereitet mit einer Rate von um die 8 Prozent zwar noch Probleme. Immerhin ist es aber inzwischen gelungen, die Teuerung in den einstelligen Prozentbereich zu drücken.

          Der RTS-Index hängt am Ölpreis

          Für ein Investment an der russischen Börse spricht auch eine vergleichsweise niedrige Bewertung. Vom Brokerhaus Deutsche UFG wird das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des russischen Marktes für 2006 auf gut zehn beziffert, ein im internationalen Vergleich relativ tiefer Wert. Daran wird deutlich, daß ein Großteil der aus der Politik (2007 und 2008 stehen Parlaments- und Präsidentenwahlen an) und einem eventuell fallenden Ölpreis resultierenden Risiken bereits in den Kursen berücksichtigt wird. Abschläge weisen insbesondere die Ölwerte auf. So korrespondieren die derzeitigen Bewertungen für Lukoil, Surgutneftegas und Gasprom nach Berechnungen der Marktexperten des Hermitage Funds nur auf einem langfristig erwarteten Ölpreis von 30 bis 34 Dollar je Barrel (rund 159 Liter).

          Sollte der Ölpreis tatsächlich in den Bereich von 30 Dollar je Barrel fallen, würde dies den derzeit bei rund 1.700 Punkten notierenden RTS-Index nach den Planberechnungen der Investmentbank UBS bis auf 1.150 Zähler drücken. Behauptet sich der Ölpreis aber langfristig bei 60 Dollar, dann könnte der RTS laut UBS sogar auf 3.200 Punkte klettern.

          Gaspreise werden noch stark subventioniert

          Das letztgenannte Szenario würde natürlich die Öl- und Gasaktien wieder in die Favoritenrolle schlüpfen lassen. Aber in diesem Sektor gibt es auch noch einen anderen potentiellen Kurstreiber: höhere inländische Gaspreise. Derzeit werden die Gaspreise noch stark subventioniert. Verglichen mit Europa, weist der inländische Gaspreis von 42 Dollar pro tausend Kubikmeter einen Abschlag von mehr als 80 Prozent auf. Aber das wird sich mit ziemlicher Sicherheit ändern, wenn auch nicht schlagartig.

          Das gilt auch für die Strompreise. Auch hier kommt Rußland an marktnäheren Preisen nicht vorbei. Denn nur so wird es gelingen, die zur Sicherung der Versorgung notwendigen Investitionen zu finanzieren. Stimmt aber die Grundannahme von steigenden Gas- und Strompreisen, dann dürften auch die Titel aus diesen Branchen zu den Favoriten zählen. In Erwartung des geschilderten Szenarios haben sich viele institutionelle Anleger schon mit Werten wie Lukoil, Novatek, Gasprom oder UES eingedeckt.

          Selektives Vorgehen bei Neuemissionen zu empfehlen

          Aber die russische Börse hat mehr zu bieten als nur Energieaktien. Chancen bieten sich auch im Konsumbereich, unter den Banken oder in der Baubranche. Dafür spricht auch der Blick auf den volkswirtschaftlichen Datenkranz. So ist die Penetration mit Bankdienstleistungen noch immer gering, die Konsumausgaben schießen dank steigender Einkommen in die Höhe, und die Aktivitäten im Baubereich sind im Jahresvergleich um 18,3 Prozent gestiegen.

          Ein sehr selektives Vorgehen ist dagegen bei den neuerdings zahlreich an die Börse strebenden Neuemissionen zu empfehlen. 2006 und 2007 dürften nach Schätzung der Citibank mit vermutlich rund 38 Milliarden Dollar sechsmal so viele Aktien an der Börse plaziert werden wie in den vergangenen zehn Jahren. Grundsätzlich ist die Belebung des Emissionsgeschäfts zwar zu begrüßen. Aber die Verkäufer neigen inzwischen dazu, die Ausgabepreise tendenziell zu hoch anzusetzen. Diese Begehrlichkeiten haben vermutlich entscheidend dazu beigetragen, daß sich seit 2005 fast drei Viertel aller Börsenneulinge in den ersten sechs Monaten schlechter entwickelt haben als der Gesamtmarkt. Interessierte Anleger sollten deshalb vor einem Engagement in Neuemissionen besser mit einem spitzen Bleistift rechnen.

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