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Aktienmarkt : Moskau fehlt ein Lichtblick

  • -Aktualisiert am

Händler an der Börse Moskau Bild: REUTERS

Im relativen Vergleich mit den anderen BRIC-Staaten, die ebenfalls alle Verluste hinnehmen mussten, hat sich Russland am schlechtesten geschlagen. Selbst der hohe Erdölpreis stützt den russischen Aktienmarkt nicht mehr.

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          Wie manch anderes Schwellenland erinnert auch Russland derzeit die Anleger an die Weisheit, dass Rendite und Risiko nur zusammen zu haben sind - aber nicht unbedingt gleichzeitig. Der Moskauer Micex-Index für auf Rubel lautende Aktien liegt seit Jahresbeginn etwa 5 Prozent im Minus. Der RTS-Index für Dollar-Papiere hat sogar 13 Prozent verloren, wobei der zusätzliche Abschlag mit einer Erstarkung des Dollar zum Rubel erklärt werden kann. Der ebenfalls auf Dollar-Valoren basierende MSCI Emerging Markets hat seit Anfang Januar nur rund 9 Prozent nachgegeben. Damit bestätigt sich Russlands Neigung, in fallenden Märkten schlechter abzuschneiden als die Konkurrenz.

          Unter dem Strich sind gemäß Daten des Datenanbieters EPFR seit Jahresanfang netto 2,1 Milliarden Dollar aus russischen Aktienfonds abgeflossen - rund 3 Prozent der verwalteten Vermögenswerte. Im relativen Vergleich mit den anderen BRIC-Staaten, die ebenfalls alle Verluste hinnehmen mussten, hat sich Russland damit am schlechtesten geschlagen, selbst wenn Anleger aus Brasilien - absolut gesehen - mehr Kapital abgezogen haben. Es finden sich derzeit wenig inländische Gründe, warum der Trend ein anderer sein sollte. Das russische Bruttoinlandsprodukt ist im ersten Halbjahr nur um absehbar weniger als 2 Prozent zum Vorjahreszeitraum gewachsen. Die Nachfrage des wichtigsten Handelspartners Europa stockt, die Industrieproduktion stagniert, die Investitionen schrumpfen. Auch die öffentliche Nachfrage wächst weniger schnell, was allerdings einer löblicheren Haushaltspolitik geschuldet ist.

          Metallförderer und Metallproduzenten schwer getroffen

          Der Einkaufsmanager-Index für das verarbeitende Gewerbe ist am Freitag auf 49,2 Punkte gefallen und damit in den Bereich, der eine Verschlechterung der Geschäftslage erwarten lässt. Es ist der niedrigste Wert seit Dezember 2009. Für den Rest des Jahres wird zwar eine Besserung der Wirtschaftslage erwartet - nicht zuletzt wegen auslaufender Basiseffekte. Doch die 3,4 Prozent Wachstum des Jahres 2012 werden wohl nicht erreicht, und schon die waren kein Anlass zum Jubel. So bräuchte es schon gute Nachrichten aus dem Ausland, um den traditionell volatilen und von externen Faktoren beeinflussten Aktienmarkt anzuschieben.

          Zwar hat die amerikanische Notenbank die teilweise widersprüchlich aufgenommene Rhetorik des Fed-Vorsitzenden Ben Bernanke über ein allmähliches Drosseln der extrem expansiven amerikanischen Geldpolitik jüngst etwas abgeschwächt. Russische Aktien hätten von den Klarstellungen allerdings wenig profitiert, schreiben die Analysten der Sberbank. Auch werde der hiesige Markt bisher nicht von den hohen Erdölpreisen gestützt: Rohöl der Sorte Brent wird derzeit immerhin zu 108 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) gehandelt, und Russlands Produktion des schwarzen Goldes lag im Juli mit 10,4 Millionen Barrel Erdöl und Kondensat je Tag nicht weit von einem Hoch seit Ende der Sowjetunion.

          Russischer Aktienmarkt und Kurs des Rubel
          Russischer Aktienmarkt und Kurs des Rubel : Bild: F.A.Z.

          Doch die enge Korrelation zwischen der Wertentwicklung des Aktienmarktes und dem Brent-Preis hat sich nach Beobachtung der UBS seit Ende des Jahres 2011 sichtlich gelockert. Auch sind die Bewertungsabschläge der russischen Erdölfirmen zuletzt stark gestiegen. Aktien des größten Erdölkonzerns Rosneft haben seit Jahresbeginn 19 Prozent an Wert verloren, jene des zweitgrößten, privaten Konkurrenten Lukoil 10 Prozent. Metallförderer und Metallproduzenten wie UC Rusal (minus 43 Prozent), Severstal (minus 35 Prozent) oder Norilsk Nickel (minus 27 Prozent) hat es wegen der schleppenden globalen Konjunktur noch härter getroffen. Da der Gesamtmarkt überproportional stark von den international agierenden Rohstofffirmen bewegt wird, bleibt dies nicht ohne Folgen: Anfang Juni waren russische Aktien im Vergleich mit dem Durchschnitt der Schwellenländer („Emerging Markets“) auf Basis des erwarteten Gewinns für das kommende Jahr um mehr als die Hälfte unterbewertet.

          Handelsvolumen um 38 Prozent eingebrochen

          Einer der wenigen russischen Sektoren, die nicht ungewöhnlich billig sind, ist neben Medien und Informationstechnologie der Einzelhandel. Weil die Arbeitslosigkeit niedrig ist, die Einkommen schnell steigen und die Finanzierung über Konsumkredite verbreitet ist, hat sich die Konsumnachfrage als eine immer stärkere Stütze der Wirtschaft erwiesen. Zwar müssen hinter ihr Expansionstempo an manchen Stellen Fragezeichen gesetzt werden. An einigen Aktien der Branche gingen die jüngsten Kurskorrekturen auch nicht spurlos vorüber. Die Aktien von Magnit jedoch, der größten Einzelhandelskette des Landes, notieren im Kurs 86 Prozent höher als vor einem Jahr. Ende Juli überraschte der in mehr als 1600 Städten vertretene Konzern für das zweite Quartal mit einem um gut 30 Prozent stärkeren Umsatz und einem um mehr als 40 Prozent höheren Betriebsgewinn als vor einem Jahr. Der darin zum Ausdruck kommende Effizienzgewinn war für Branchenbeobachter ebenso unerwartet wie erfreulich.

          Doch solche Überraschungen gibt es derzeit wenige. Das Handelsvolumen im Aktiensegment der Moskauer Börse ist von Januar bis Juli im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 38 Prozent auf nun umgerechnet 112 Milliarden Euro eingebrochen. Um 57 Prozent zugelegt hat dagegen der Umsatz mit Anleihen - mit 213 Milliarden Euro hat dieser Sektor nun klar die Nase vorn. Sowohl der Handel mit Unternehmensanleihen wie auch mit Staatsanleihen war rege. Dies liegt im letzteren Fall auch an Liberalisierungen des Marktzugangs für Ausländer, die seit Anfang Februar wesentlich leichter in lokale, auf Rubel lautende „Kreml-Bonds“ investieren können. Der Anteil ausländischer Eigner dieser sogenannten OFZ-Papiere ist per Anfang Juli auf rund 30 Prozent gestiegen, was bei manchen russischen Beobachtern schon Befürchtungen vor einer ausländischen Dominanz weckt. Die Zentralbank zeigte sich dagegen zufrieden mit dem Niveau, das Ende Oktober 2012 laut der Bank VTB erst bei knapp 7 Prozent gelegen hatte.

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