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Aktienmarkt Hongkong : Chinas Aktien außer Rand und Band

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An Hongkongs Börse läuft derzeit alles rund Bild: REUTERS

In Hong-Kong markiert der Hang-Seng-Index das fünfte Hoch in Folge, außerdem stellt der China-Enterprise-Index den neun Jahre alten Rekord ein. Die Frage aber ist, ob all dies Bestand haben wird.

          Der Ausdruck des Computerbildschirms ist goldgerahmt. Lachend reckt ihn Jiang Jiangqing in die Kamera. Auf dem Bild wird dokumentiert, daß er seine bislang größte Aufgabe mit Bravour gemeistert hat: Jiang, von Peking vor Jahrzehnten aufs Land zwangsverschickt, um die rechte Gesinnung zu erlangen, hat mit der Industrial & Commercial Bank of China (ICBC) den größten und wichtigsten Börsengang seines Landes hingelegt (siehe auch: ICBC: Größter Börsengang der Welt ist ein voller Erfolg).

          Dabei durften sich die Erstkäufer über kräftige Gewinne von knapp 15 Prozent freuen - und Peking darüber, daß der ehemalige Störenfried Jiang das Ansehen des Landes, seiner Banken und Aktien gehoben hat.

          HSI: Fünfter Rekord in Folge

          Die Festwochen in Hongkong gehen weiter. Am Dienstag endete der Hang-Seng-Index (HSI) nach dem fünften Gewinn in Folge beim neuerlichen Rekord von 18.939 Punkten, knapp unter der psychologisch wichtigen Hürde von 19.000 Punkten. Im Verlauf war der Index sogar auf 19.161,38 Punkten gestiegen (Isin HK0000004322).

          Hintergrund war, daß HSBC die Kreditzinsen um 25 Basispunkte gesenkt hatte. Andere Banken schlossen sich an und beförderten damit das Interesse am zinssensitiven Immobiliensektor. Im späten Geschäft setzten jedoch Gewinnmitnahmen ein. Der Markt sei „überkauft“, erklärte ein Analyst.

          Politische Börse

          Treiber des rasanten Aufstiegs in diesem Jahr sind zwei Aktiengruppen: die festlandchinesischen Werte und die Immobilienaktien Hongkongs. Beide Gruppen zeigen deutlich, daß Hongkong weitgehend eine politische Börse ist. Denn die Immobilienkonzerne der Sonderverwaltungsregion profitieren davon, daß die Verwaltung Hongkongs Stück für Stück Land zum Verkauf und zur Entwicklung freigibt. Dazu kommen jetzt die Zinssenkungen der Banken, die Kredite für neue Immobilienkäufe verbilligen.

          Im Immobiliensektor stiegen am Dienstag die Aktien von Hang Lung Properties um 2,1 Prozent. Sun Hung Kai Properties legten um 3,3 Prozent zu, Sino Land sogar um 8,2 Prozent. Politisch ist der Index freilich auch deshalb bestimmt, weil Chinas Volkswirtschaft zu weiten Teilen nicht vom Markt, sondern vom Handeln Pekings getrieben ist.

          Viele Unternehmen vom Staat gesteuert

          In die Regierung aber haben die Marktteilnehmer wachsendes Vertrauen. Die vergangenen Monate zeigten, daß sie in der Lage zu sein scheint, die Wachstumsversprechen von etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes einzulösen - zumindest wohl bis zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking.

          Bei den festlandchinesischen Aktien in Hongkong handelt es sich zudem in der Regel um Staatskonzerne. Ihr Wachstum wird direkt von der Führung des Landes beobachtet und im Zweifel auch gesteuert. Daher rührt die Überzeugung der Anleger, daß Banken, die im Westen nicht einmal die Zulassung bekämen, in China einen Milliardenwert rechtfertigten. So ist derzeit die China Merchants Bank ein Liebling der Börsianer. Anleger erwarten, daß das starke Wachstum Chinas auch die Gewinne der Banken entsprechend stützt.

          China-Enterprise-Index knackt Rekordhoch

          Auch andere Werte, die vom Aufbau des Landes berührt sind, werden gerne gekauft. Die Aktie des staatlichen Telekommunikationsriesen China Mobile hatte seit September um etwa 40 Prozent zugelegt und den HSI nach oben getrieben. Am Dienstag gab das Index-Schwergewicht freilich um 2,5 Prozent auf 67,05 Hongkong-Dollar nach - sonst hätte der HSI noch höher geschlossen.

          Nicht nur der HSI befindet sich auf einem Rekordniveau: Am Dienstag ging der China-Enterprise-Index, der die in Hongkong gehandelten festlandchinesischen H-Aktien abbildet, bei 7.753,67 Punkten aus dem Handel. Damit ist der neun Jahre alte Rekord von 7.742,89 Zählern gebrochen (Isin HK0000004330).

          Wird all dies Bestand haben?

          Die Frage aber ist, ob all dies Bestand haben wird. Sie ist schwer zu beantworten. Denn mit Maßstäben, die für den Westen gelten, sind chinesische Aktien nicht zu bewerten. Sonst würden Börsianer die Finger etwa von den Papieren der überschuldeten Banken und undurchsichtigen Konzerne lassen.

          Der Hinweis, daß das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis in Hongkong mit gut 16 nicht überzogen scheint, nützt wenig, wenn niemand weiß, welche Gewinne chinesische Unternehmen ausweisen und welche Leichen sie im Keller verbergen. Für diejenigen, die an China glauben, bieten sich weitere Chancen in Hongkong. Nach dem Erfolg von ICBC drängen die nächsten Börsengesellschaften an den Markt: Chinas fünftgrößte Bank, Citic, bei der momentan Gerüchte über den Einstieg von Ausländern die Runde machen, und Air China, die wichtigste Fluggesellschaft des Landes, machen sich schön für das Parkett.

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